Wirtschaft : Mit von der Partie

Die Wirtschaft des bevölkerungsreichsten Landes wächst rasant – und deutsche Firmen wachsen mit

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Wachstum total. China baut ohne Unterlass an seiner Zukunft. Foto: AFP
Wachstum total. China baut ohne Unterlass an seiner Zukunft. Foto: AFPFoto: AFP

Die Zeiten der leisen Töne sind vorbei. Als die Unterhändler beim G-20-Gipfel in Seoul nachts nicht mehr weiterkamen, herrschte der chinesische Vertreter seinen US-Kollegen an: „Sie lenken nicht mehr die Welt! Gewöhnen Sie sich daran!“ Die deutsche Wirtschaft hat sich längst daran gewöhnt, dass China den Ton angibt. Alle großen deutschen Konzerne und viele Mittelständler bauen auf Wachstum im bevölkerungsreichsten Land der Welt. So hat der Bayer-Konzern gerade bekannt gegeben, dass er eine Milliarde Euro an seinem Standort Schanghai investiert.

Die Investitionen sind riesig und die Erwartungen noch größer: In den kommenden fünf Jahren will der Pharma- und Chemiekonzern seinen Jahresumsatz in China auf etwa fünf Milliarden Euro steigern. Das wäre mehr als doppelt so viel wie im vergangenen Geschäftsjahr. Es geht um Produktion, aber auch um Forschung und Entwicklung. Die gigantische Nachfrage nach chemischen Produkten in der chinesischen Wirtschaft – etwa in der Baubranche und im Automobilbau – sind seit Jahren Wachstumstreiber für die Deutschen.

Das gilt nicht nur für die Chemie. „Der deutsche Maschinenbau hat in den ersten neun Monaten des Jahres seine Exporte nach China um 28 Prozent gesteigert“, berichtet Oliver Wack vom Branchenverband VDMA. „Diese Dynamik habe ich nicht erwartet.“ Selbst im Krisenjahr 2009, als die Märkte weltweit einbrachen, hatten die deutschen Maschinenbauer ihre Ausfuhren in das asiatische Land um vier Prozent auf 11,4 Milliarden Euro steigern können. „China hat sich als extrem krisenresistent erwiesen“, sagt Wack.

Längst ist China auch für die deutschen Autobauer zum wichtigsten Wachstumstreiber geworden. Der Volkswagen- Konzern, schon seit 1984 dort aktiv, setzt hier mehr ab als auf dem Heimatmarkt Deutschland. Nirgendwo auf dem Globus werden so viele Autos verkauft wie in der Volksrepublik: 2010 werden es Schätzungen zufolge rund 18 Millionen Fahrzeuge sein – 30 Prozent mehr als 2009. Ein Sättigungspunkt ist nicht in Sicht. Während in Deutschland auf 1000 Einwohner rund 500 Autos kommen, sind es in China rund 30. „In China fehlen noch mehr als 600 Millionen Pkw“, schrieb NordLB-Autoanalyst Frank Schwope unlängst in einer Studie. Das Wachstum kommt vor allem aus den Metropolen, von denen es in China mehr als genug gibt: Schon heute haben sieben chinesische Megacities mehr als zehn Millionen Einwohner, und mehr als 180 Städte zählen zwischen einer und fünf Millionen Einwohner. Insgesamt wuchs Chinas Wirtschaft 2009 – auch dank eines gigantischen Konjunkturprogramms – um gut neun Prozent, 2010 soll es etwas mehr werden. „Wir reiben uns immer wieder die Augen“, sagt Wack. „Die Aufnahmefähigkeit des Landes ist größer, als viele dachten. Für unsere Firmen ist es wichtig, dass wir an dem Wachstum dort partizipieren.“

Die Prognosen sind positiv: So sagt der US-Ökonom Robert Fogel voraus, dass in 30 Jahren 40 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung in China erbracht werden. Die USA, derzeit größte Volkswirtschaft der Welt, kämen in dieser Rechnung auf 14 Prozent, und für die Europäische Union blieben nur fünf Prozent.

Früher ging es für die Deutschen vor allem darum, in China billig für den Export zu produzieren. „Das gilt immer weniger“, sagt Simone Menshausen von Germany Trade & Invest. „Im Hinterland hat China einen enormen Nachholbedarf, der auch in Zukunft gute Geschäfte sichert.“ Zum Beispiel auch für Unternehmen, die sich am Aufbau der Infrastruktur beteiligen. Auf der anderen Seite ist der Durchschnittslohn seit dem Jahr 2000 um acht bis zehn Prozent pro Jahr gestiegen. Dadurch steigen zwar die Kosten für die Produktion, aber durch den zunehmenden Wohlstand kommen auch neue Kundengruppen hinzu. „Deutsche Firmen produzieren immer mehr für den lokalen Markt“, sagt Menshausen.

Chinas Regierung geht mit ihrer Industriepolitik sehr gezielt vor. Investitionen mit geringem Wertschöpfungsanteil im Land werden nicht mehr gern gesehen. Investitionen in den Bereichen Hightech oder Umwelttechnik sind dagegen ausdrücklich erwünscht und werden stark gefördert. Aus China fließen nach einem Bericht der Deutschen Bank inzwischen sogar mehr Forschungs- und Entwicklungsleistungen in die EU als umgekehrt. Das trägt dazu bei, Chinas Unternehmen immer wettbewerbsfähiger zu machen. Die Auslandskammer hat unter 600 deutschen Maschinenbaufirmen in China eine Umfrage gemacht: „Die meisten von denen, die geantwortet haben, sehen sich in der Entwicklung immer noch drei bis fünf Jahre vorn“, sagt Wack. Aber der Abstand schrumpft. Mitarbeit: Moritz Döbler

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