Wirtschaft : Mit welchen Instrumenten die technische Aktienanalyse Kursverläufe erklärt und voraussagt

Bernd Hops

Es gibt zwei Arten der Aktienanalyse. Zum einen werden Bilanzdaten und die Ertragskraft von Unternehmen untersucht, um Gewinnaussichten einschätzen zu können. Daraus werden wiederum Rückschlüsse auf die Entwicklung des Aktienkurses gezogen. Diese Art der Aktienanalyse ist die so genannte Fundamentalanalyse.

Die zweite Bewertungsmethode, die technische oder Chart-Analyse, untersucht Kursverläufe. Dieser Methode hängt der Ruf des Unverständlichen an. Dass ein Kurs fällt, wenn ein Gewinneinbruch gemeldet wird, ist jedem sofort verständlich. Dass mit einem schnellen Wertverlust der Aktie zu rechnen ist, wenn so genannte Widerstandslinien durchbrochen werden, erscheint zunächst kryptisch. Doch ein Chart, die grafische Darstellung einer Kursentwicklung, bildet immer auch die Meinung der Marktteilnehmer ab. Wenn Anleger und Investoren in der Vergangenheit in einer bestimmten Art und Weise reagiert haben, ist damit zu rechnen, dass sie in einer ähnlichen Situation auch in Zukunft entsprechend reagieren. Solche Muster will die Chart-Analyse herausfinden. Dabei ist sie sowohl auf Indizes wie den Dax als auch auf einzelne Aktien oder Rohstoffe anwendbar. Die wichtigsten und einfachsten Instrumente der Chart-Analysten sind Trend- und Durchschnittslinien.

Trends sind mit etwas Übung sehr einfach in Charts einzuzeichnen. Unterschieden wird zwischen Abwärts- und Aufwärtstrends. Trendlinien verbinden entweder die Höchst- oder die Niedrigstwerte einer Kurskurve miteinander, wie in der nebenstehenden Abbildung gezeigt. Werden die Linien durchbrochen - das heißt unter- oder überschreitet der Kurs den Wert, der sich aus der Fortführung der Trendlinien ergibt - sprechen die Analysten von einem Trendbruch. Trendbrüche haben meist dramatische Folgen und leiten einen raschen Kursanstieg oder Kurseinbruch ein. Da sich die Kurse jedoch an den Trendlinien orientieren, geben die Linien Halt. Sie werden deswegen - wie auch die so genannten Durchschnittskurven - Unterstützungs- und Widerstandslinien genannt.

Aktienumsätze: Trendbrüche sind vorhersehbar. Ein Indikator, der zur Ergänzung der Kursanalyse mit Trendlinien herangezogen werden kann, ist die Umsatzentwicklung. Mit der Fortsetzung eines Aufwärtstrends ist immer dann zu rechnen, wenn mit den Kursen auch das Handelsvolumen steigt. Denn dann ist das Interesse an einer Aktie bei einer großen Zahl von Marktteilnehmern offensichtlich ungebrochen. Sind die Umsätze bei hohen Kursen sehr dünn, besteht die große Gefahr eines Trendbruchs, da sich die Mehrheit der Anleger abwartend verhält. Gibt es dagegen nur noch wenige Verkäufer bei einem niedrigen Kurs, ist eine Erholung zu erwarten.

Gleitender Durchschnitt: Zur Glättung kurzfristiger Kursbewegungen und zur Darstellung langfristiger Trends dient das Instrument des gleitenden Durchschnitts. Die Charts, die zum Beispiel den Verlauf der Schlusskurse über ein Jahr abbilden, sind stark gezackt. Um wie oben bei den Trendlinien längerfristige Entwicklungen herauszuarbeiten, werden deswegen Durchschnittswerte berechnet und wieder in einer Kurve dargestellt. Dadurch werden die Tagesausschläge gemittelt und geglättet. Am häufigsten benutzt werden die 38-, 90- und 200-Tage-Kurve. Dabei wird für jeden einzelnen Tag, der in die Kurve aufgenommen wird, der Tagesschlussstand mit den Werten der entsprechend zurückliegenden Tage addiert und durch die Zahl der Tage geteilt, bei der 200-Tage-Kurve also durch 200. Je mehr Tage in die Berechnung eingehen, desto stärker sind Ausschläge geglättet. Nun kann die Kurve der Tageswerte ins Verhältnis zu den Durchschnittskurven gesetzt werden. Ein Verkaufssignal ergibt sich, wenn die Tageswertkurve nachhaltig unter eine Durchschnittskurve sinkt. Durchbricht umgekehrt der Tageschart die Durchschnittslinie nach oben, erhalten Anleger ein Kaufsignal. Je längerfristiger eine Durchschnittskurve angelegt ist, desto bedenklicher ist ihre Durchbrechung. Gleiches gilt für das gegenseitige Über- oder Unterschreiten der Durchschnittskurven. Den Boden nach unten bildet in der Regel der 200-Tage-Durchschnitt. Wird diese Unterstützung unterschritten, dürfte auch die letzte Hoffnung auf einen baldigen Aufschwung schwinden.

Bei allen Erfolgen, die technische Analysten mit Hilfe ihres mathematischen Instrumentariums erringen konnten, die punktgenaue Vorhersagen eines Kurses bleibt unmöglich. Dafür ist menschliches Verhalten denn doch zu unterschiedlich.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben