Wirtschaft : Mit Zollstock und Laptop

Gegen die billige Konkurrenz aus Osteuropa haben nur Hightech-Betriebe eine Chance

Carsten Brönstrup

Es ist alles vorbereitet: Die Werkzeuge liegen bereit, die Stände sind zusammengezimmert, die Plakate geklebt, die Broschüren gedruckt. Allerlei pfiffige Erfindungen haben die Betriebe zusammengetragen, von der Bakterien abtötenden Wasserpumpe über täuschend echt klingende Hifi-Lautsprecher bis zum Weinglas, das guten Tropfen ein Extra-Aroma entlockt. Und in Halle A3 haben die Metzger sogar eine gläserne Küche aufgebaut, wo sie das letzte große Geheimnis ihrer Zunft vor den Augen des Publikums lüften wollen: die Herstellung einer Wurst.

Es geht um die Wurst – und um mehr: Auf der Internationalen Handwerksmesse, die am Donnerstag in München ihre Tore öffnet, kämpft ein krisengeschüttelter Wirtschaftszweig um Aufmerksamkeit – und um seine Zukunft. Die Branche, der noch immer der sprichwörtliche goldene Boden nachgesagt wird, erlebt einen schleichenden Niedergang. Allein seit 1995 haben schätzungsweise mehr als 1,7 Millionen Handwerker ihren Job verloren, die meisten auf dem Bau. Selbst für das Aufschwungjahr 2006 befürchten Innungen und Kammern mit einem Minus von 70 000 Stellen nur einen gebremsten Abwärtstrend.

Trotzdem ist das Handwerk noch immer der zweitgrößte Wirtschaftszweig der Republik, jeder siebte Erwerbstätige verdient seine Brötchen als Schreiner oder Gebäudereiniger, als Geigenbauer, Konditor, Automechaniker, Maler, Maurer oder Musikinstrumente-Bauer. Wegen der vielen Berufe ist das Handwerk die am wenigsten übersichtliche Branche.

Die Handwerker müssen mit einer Menge Gegenwind leben: Wegen ihrer personalintensiven Produktion fallen die hohen deutschen Arbeitskosten besonders ins Gewicht. Die Konjunkturkrise der letzten Jahre, der Käuferstreik und die boomende Schwarzarbeit tun ein Übriges. Ohnehin greifen die Verbraucher gern selbst zu Kelle, Bohrmaschine oder Pinsel – nirgends auf der Welt gibt es so viele Heimwerker und Baumärkte wie in Deutschland. Dazu lockerte Rot-Grün noch den Meisterzwang. Seit 2004 ist in einer Reihe von Gewerken die Gründung eines Betriebes ohne den teuer zu erwerbenden Meisterbrief möglich. Seitdem machen nicht nur viele praktisch begabte Arbeitslose, sondern auch Tausende Osteuropäer mit Kampfpreisen den etablierten Deutschen Konkurrenz.

Der Druck führt dazu, dass in vielen Bereichen des Handwerks die jahrzehntelang üblichen Kleinbetriebe – ein Meister, drei Gesellen, ein Lehrling – allmählich verdrängt werden. „Die Unternehmen werden im Schnitt größer“, sagt Kilian Bizer, Wirtschaftsprofessor und Handwerksforscher an der Uni Göttingen. „Auch große Ladenketten gewinnen an Bedeutung, etwa bei den Bäckern.“

Eine Chance hat oft nur, wer sich spezialisiert – als Oldtimer-Restaurateur, als Hightech-Bauer von Fahrradsätteln oder als Designer-Tischler (siehe unten). „Auch in Gewerken, in denen es zappenduster aussieht, lässt sich in Nischen noch gutes Geld verdienen“, sagt Bernhard Lageman, Handwerksexperte beim Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung. „Allerdings müssen die Meister innovativer sein als die Industrie – sonst werden sie verdrängt.“

Dennoch haben sich viele Betriebe den rauen Bedingungen noch nicht angepasst. „So lange es den Handwerkern gut ging, war die Kundenorientierung für viele nur zweitrangig“, sagt Ökonom Bizer. „Heute ist sie überlebenswichtig – Meister haben es aber nicht immer einfach, ihren Gesellen das einzutrichtern.“ Termine nicht einzuhalten, beim Kunden das Wohnzimmer zu verdrecken und dürftige Qualität abzuliefern, das kann sich heute keiner mehr leisten. Außerdem wird Marketing immer wichtiger – die Internetseite ist Standard, ebenso regelmäßige Werbung bei den Stammkunden. „Nur zehn bis 15 Prozent der Handwerker betreiben regelmäßige Kundenpflege“, sagt Christian Hehenberger, der an seinem Institut für Marketing und Trendanalysen die Zukunft des Handwerks erforscht. „Hier gibt es noch eine Menge Spielraum für Verbesserungen.“

Doch nicht alle Gewerke haben eine Zukunft. „Wer im Hightech-Bereich arbeitet, muss sich keine Sorgen machen“, sagt Hehenberger. „Low-Tech-Handwerker werden auf Dauer von osteuropäischen Kräften verdrängt werden.“ Als einen der wichtigsten Trends hat er die Umwelttechnik ausgemacht. „Alles, was mit neuen Energien zu tun hat oder den Verbrauch senkt, wird in den kommenden Jahren gefragt sein – Solar-Monteure oder Klima-Fachleute, die in Niedrigenergiehäusern für ausgeklügelte Lüftung sorgen.“ Aber auch der Metzger ist noch nicht von gestern. Hehenberger: „Das Auftreten von Tierseuchen oder Lebensmittel-Skandalen wird wegen der Globalisierung zunehmen – Produkte aus der Region gewinnen daher an Bedeutung.“

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