MITARBEITER IM INTERVIEW : „Wir haben Angst, dass wir am Ende verkauft werden“

Herr Paege, Sie haben die Telekom-Vorstände öffentlich scharf kritisiert. Haben Sie dafür Ärger bekommen?

Nein, der Brief hatte für mich keine negativen Konsequenzen. Die Antwortschreiben waren alle sehr oberflächlich und sind auf meine Kritik nicht eingegangen. Keiner der Herren hat mit mir gesprochen.

Seit 1. Juli arbeiten Sie in der neuen Servicegesellschaft. Was hat sich verändert?

Nichts. Wir arbeiten wie früher – nur eben vier Stunden pro Woche mehr. Ich habe zwar das Gefühl, dass der Brief einen Nachdenkungsprozess in der Vorstandsetage in Gang gebracht hat, aber greifbar ist das noch nicht.

Sie sind Beamter und durften nicht streiken. Das war doch sicher nicht einfach.

Wir konnten nur eingeschränkt arbeiten, weil so viele Kollegen nicht da waren. Der Arbeitskampf war hässlich und wurde vom Arbeitgeber sehr hart geführt. Das hat viel Vertrauen zerstört.

Hat sich der Arbeitskampf in Ihren Augen gelohnt?

Es war wichtig zu zeigen, dass man mit uns nicht alles machen kann. Wir haben verhindert, dass es zu großen finanziellen Einbußen kommt, denn diese werden durch Ausgleichszahlungen aufgefangen. Außerdem sind fast alle Tarifverträge erhalten geblieben.

Spüren Sie immer noch die Folgen des Streiks?

Die Kollegen haben in den vergangenen Wochen die Ärmel hochgekrempelt und viel weggeschafft. Wir haben Sonderschichten und Überstunden eingelegt, denn wir wollen ja schließlich unsere Kunden zufriedenstellen.

Die Telekom hat bei Kunden keinen guten Ruf. Bekommen Sie das als Mitarbeiter zu spüren?

Die Einstellung vieler Kunden scheint sich nach meinem Brief und dem Streik verändert zu haben. Wir werden jetzt anders wahrgenommen und ich habe den Eindruck, die Stimmung gegenüber der Telekom ist besser geworden. Die Leute sagen, sie seien ja bereit, mehr Geld auszugeben, aber die Qualität müsste halt wieder besser sein.

Was würden Sie denn anders machen?

Ich würde dafür sorgen, dass man neu eingeführte Prozesse auch mal eine gewisse Zeit arbeiten lässt, bevor man sie schon wieder umstrukturiert. Es fehlt die Nachhaltigkeit bei vielen Maßnahmen. Außerdem müssen die Mitarbeiter in die Veränderungsprozesse besser eingebunden werden. Da wird eine z.B. neue Software eingeführt, ohne dass zu Ende gedacht wird, welche Konsequenzen das für die Mitarbeiter im Außendienst hat. Wenn nachher festgestellt wird, dass es nicht funktioniert, wird wider besseres Wissen daran festgehalten, um keine Fehler eingestehen zu müssen. Aber im Moment habe ich ganz leicht den Eindruck, dass es hier eine Verbesserung gibt – ohne gleich euphorisch werden zu wollen.

Also gibt es doch Zuversicht?

Das schon, aber die Kollegen haben immer noch Angst, dass der Laden jetzt in Schuss gebracht wird, nur um uns dann am Ende doch zu verkaufen.

Lutz Paege (48) ist

Beamter und seit 32 Jahren bei der Telekom. Im März schrieb der Kundendiensttechniker dem Vorstand einen wütenden Brief. Interview: Corinna Visser.

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