Wirtschaft : Mitbestimmung: Eine Selbstverständlichkeit

Dagmar Rosenfeld

Ob Äpfel, Ananas, Orangen, Tomaten oder Karotten - auf dem hölzernen Küchentresen stapelt sich, was die Obst- und Gemüsetheke zu bieten hat. Daneben kleben an einer Pinnwand Polaroidfotos, auf denen die Verzehrer dieser Vitaminbomben abgebildet sind: 70 junge Menschen mit roten Wangen, die frisch-fröhlich in die Kamera grinsen. "So sehen wir gebeutelten Netzsklaven der New Economy aus", kommentiert David Panhans ironisch das derzeitige "Theater um die betriebliche Mitbestimmung." David arbeitet seit über einem Jahr als Produktentwickler bei dem Berliner Start-up Dooyoo und findet die Diskussion über Betriebsräte in der New Economy einfach überflüssig.

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Damit spricht er der kompletten Belegschaft aus dem Herzen. Dass die Reform des Betriebsverfassungsgesetzes - wie sie am Mittwoch im Bundeskabinett beschlossen wurde - die Wahl eines Betriebsrats vereinfacht und seine Zuständigkeiten erweitert, kümmert hier niemanden. Die klassische Trennung zwischen Arbeitgeber auf der einen und Arbeitnehmern auf der anderen Seite scheint in der New Economy ihre Gültigkeit verloren zu haben. Symbolisch dafür ist die Aufteilung der Büroräume bei Dooyoo: In dem riesigen Loft arbeiten Vorstand und Mitarbeiter Schreibtisch an Schreibtisch. Der Arbeitsplatz des Vorstandsvorsitzenden Felix Frohn-Bernau unterscheidet sich durch nichts von dem des Praktikanten. "Wenn es ein Problem gibt, dann geh ich einfach rüber zum Felix und wir klären das", erzählt Marcus Piepenschnieder aus der Abteilung Finanzen und Buchhaltung. "Da brauche ich keine staatlich verbrieften Schutzrechte."

Mitbestimmung ist in den Start-ups eine Selbstverständlichkeit, jeder Mitarbeiter hat die Möglichkeit seine Ideen und Interessen einzubringen - und macht davon auch Gebrauch. "Hier arbeitet eine Generation von jungen Leuten mit verantwortungsvollen Aufgaben und die vertritt auch selbstbewusst ihre Meinung", beschreibt Frohn-Bernau sein Team. Deshalb gehe die momentane Debatte um betriebliche Mitbestimmung auch an den Strukturen und Bedürfnissen der New Economy vorbei: "An diesem Punkt benehmen sich die Gewerkschaften wie der Elefant im Porzellanladen."

Selbst die Krise in der Internetwirtschaft, die jetzt auch in Deutschland zu Entlassungen im großen Stil führt, hat die Selbstsicherheit der Dooyoo-Mitarbeiter nicht erschüttern können. "Ich arbeite in einer Branche, die sich gerade erst etabliert, da muss ich mit solchen Risiken rechnen", erklärt David Panhans. "Daran könnte auch ein Betriebsrat nichts ändern." Außerdem werden IT-Kräfte überall händeringend gesucht, fügt der Entwickler hinzu, da habe er keine Angst, in Zukunft einmal auf der Straße zu landen.

Genau darum sorgt man sich aber bei Connex.av, einem Gewerkschaftsprojekt der IG-Medien und der Deutschen Angestellten Gewerkschaft (DAG) und ist deshalb in Aktion getreten. Per E-Mail befragte man Anfang der Woche die 1500 Mitarbeiter der größten deutschen Internetagentur Pixelpark, ob es nicht Zeit für einen Betriebsrat sei, denn: "wirtschaftlich schwere Zeiten ziehen häufig unangenehme Folgen für die Beschäftigten nach sich." Rund zwei Dutzend Pixels reagierten bisher mit einer Rückmail, ein Drittel begeistert, ein Drittel ablehnend, der Rest will weiter diskutieren. "Das ist bei uns kein neues Thema, Formen der Mitbestimmung werden schon seit längerem besprochen", verkündete der Personalvorstand .

Über diese Findungsphase ist man bei dem Multmedia-Dienstleister Metadesign in Berlin Kreuzberg längst hinaus: Hier ist der bereits 1993 gegründete siebenköpfige Betriebsrat als gesetzlich geregeltes Mitbestimmungsorgan der 190 Mitarbeiter ein fester Bestandteil der Unternehmenskultur. "Für das Unternehmen sind wir eine Stütze und kein Bremsklotz", kommentiert Betriebsratsmitglied Hans-Christian Barz seine Arbeit. Schließlich habe auch der Betriebsrat, als Vertretung der Belegschaft, ein aktives Interesse daran, dass es der Firma gut gehe.

Sollte jetzt die Novellierung des Betriebsverfassungsgesetzes im Parlament beschlossen werden, dann würden bei dem Multimedia-Dienstleister zukünftig neun anstatt sieben Betriebsräte die Interessensvertretung der Mitabeiter wahrnehmen. Zudem könnte sich bald einer der Betriebsräte voll und ganz dieser Aufgabe widmen. Denn nach dem Riester-Entwurf müssten die Unternehmen schon ab 200, und nicht wie bisher ab 300 Beschäftigten, einen Betriebsrat vollkommen von der Arbeit freistellen.

Bei Metadesign liegt die Angestelltenzahl mit 190 kurz vor dieser magischen Grenze. "Ob ich wirklich einen zweihundertsten Mitarbeiter einstelle, werde ich mir noch gut überlegen", sagt Finanzvorstand Stefan Kirschke. Denn der würde ihn neben den üblichen Arbeitgeberzahlungen zusätzliche 300 000 Mark kosten. Der Grund: Die Freistellung würde die Betriebsratskosten verdreifachen. "Da greife ich möglicherweise auf externe Dienstleister oder Freiberufler zurück", erklärt Kirschke.

Auch die Reaktion des Metadesign-Betriebsrats auf eine Reform des Betriebsverfassungsgesetzes ist gespalten: "Es erleichtert zwar unsere Arbeit, wenn wir unsere Mitgliederzahl vergrößern können, aber die Sache mit der Freistellung bereitet uns doch Kopfzerbrechen", erzählt Hans-Christian Barz. Denn bis jetzt hat sich noch niemand gefunden, der bereit ist, seinen Beruf an den Nagel zu hängen, um sich ausschließlich als Interessensvertreter der Mitarbeiter zu engagieren.

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