Wirtschaft : Mittelständler wählen Berlin ab

Studie: Unternehmer sind mit Verwaltungen und Politikern unzufrieden – Leipzig gewinnt im Städtevergleich

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Berlin (dro). Leipzig, OlympiaBewerber und Messestadt, ist Deutschlands unternehmerfreundlichste Großstadt. Das ist das Ergebnis einer Studie des Instituts für Demoskopie in Allensbach, in der 2566 klein- und mittelständische Unternehmer aus den 25 größten Kommunen befragt wurden. An letzter Stelle des Rankings liegt Berlin. Aber auch München, sonst Musterbeispiel für eine gelungene Wirtschaftspolitik, belegt nur einen der hinteren Ränge, ebenso wie Frankfurt (Main) und Köln. „Offenbar konzentrieren sich die Wirtschaftsmetropolen zu stark auf Großunternehmen“, sagte Studienleiter Rüdiger Schulz am Donnerstag in Berlin.

Zum zweiten Mal binnen weniger Tage wird durch eine Studie bestätigt, was der rot-rote Berliner Senat nicht wahrhaben will: Berlin ist die unternehmerunfreundlichste Großstadt in Deutschland. Was aber ist es, das Leipzig hat und Berlin offenbar fehlt? „Wir arbeiten in den Verwaltungen unbürokratisch und serviceorientiert“, sagt Kerstin Kirmes, Sprecherin der Stadtverwaltung Leipzig. Schließlich sei die Stadt auf Investoren angewiesen, und nicht umgekehrt. Als Beispiel für einen guten Service nennt sie das Lotsensystem im Amt für Wirtschaftsförderung. Damit ein Investor sich nicht durch alle Abteilungen durchfragen und sich erforderliche Genehmigungen selber organisieren muss, wird ihm ein persönlicher Betreuer an die Seite gestellt. „Ein flexibles, serviceorientiertes Reagieren bestimmt, wer sich im harten Wettbewerb der Städte und Regionen behaupten kann“, sagte Leipzigs Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee (SPD).

Offenbar sind es solche weichen Faktoren wie Service, Erreichbarkeit und Kompetenz in den Behörden, die die Standortentscheidung eines Unternehmers maßgeblich beeinflussen. Denn laut der Allensbach-Studie, die das Magazin „Impulse“, die Bertelsmann Stiftung und der Energiekonzern RWE in Auftrag gegeben hatten, ist für Firmenchefs die Wirtschaftsfreundlichkeit von Stadtverwaltung und Politikern bei der Standortwahl ein wichtigeres Kriterium als etwa günstige Lohnkosten oder eine hohe Kaufkraft in der Region. Berlin allerdings scheint weder bei den harten noch bei den weichen Faktoren den Ansprüchen der Unternehmer zu genügen. In einem Städtetest des Magazins „Wirtschaftswoche“, der letzte Woche veröffentlicht wurde, belegte Berlin von insgesamt 50 Städten den vorletzten Platz. Bewertet wurde hier die Wirtschaftskraft der einzelnen Kommunen. Bei dieser Umfrage, die vor allem auf statistischen Daten basiert, kam Leipzig jedoch noch schlechter weg als Berlin.

In der jetzt veröffentlichten Allensbach-Studie hingegen geht es um die subjektive Wahrnehmung der Unternehmer, um ihre Erfahrungen mit den Arbeitsagenturen, den Banken und Kammern sowie der Stadtverwaltung. In dieser Bewertung ist Leipzig Spitze – und Berlin Schlusslicht. Die Berliner Senatsverwaltung für Wirtschaft zweifelt allerdings an dem Ergebnis der Umfrage. Ein Sprecher des Wirtschaftssenators Harald Wolf (PDS) sagte, Berlin komme bei der Studie schlechter weg als es tatsächlich sei. Der Grund für die schlechte Bewertung sei wohl eher die aktuelle Stimmung in der Hauptstadt, die durch die schwache Konjunktur getrübt sei. „Aber wir werden die Studie genau auswerten, um eventuelle Schwachstellen zu beseitigen“, sagte er.

Diese Schwachstellen hat es vor vier Jahren offenbar noch nicht gegeben. Damals hatte „Impulse“ schon einmal die Wirtschaftsfreundlichkeit in deutschen Städten ermittelt, und da lag Berlin noch im Mittelfeld. Daher hat Stefan Siebner, Sprecher der IHK Berlin, auch eine ganz andere Erklärung für das Abschneiden Berlins: „Einem rot-roten Senat scheinen die Unternehmer weniger Wirtschaftskompetenz zuzutrauen als anderen Parteien.“ So habe sich der ohnehin schlechte Ruf Berlins bei Investoren offenbar weiter verfestigt. Dennoch müsse man anerkennen, dass der Senat an dem Thema Entbürokratisierung arbeite. Dazu sagte der designierte Berliner SPD-Landeschef Michael Müller im Tagesspiegel-Interview, zwar seien erste Schritte zum Bürokratieabbau gemacht. Allerdings reiche das nicht, es müsse „schneller gehen und umfassender“.

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