Wirtschaft : Mittelstand wartet auf durchgreifende Reformen

Pessimistische Prognose / IW: "Rückgrat des Arbeitsmarktes"

BERLIN (mot).Die Wettbewerbssituation kleiner und mittelständischer Unternehmen droht sich in diesem Jahr erneut zu verschlechtern.An den pessimistischen Prognosen zum Jahresanfang habe sich nichts geändert, erklärte der Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft, Helmut Becker, am Donnerstag in Berlin."Zur Jahresmitte ist abzusehen, daß aufgrund der unzureichenden Ausstattung mit Eigenkapital die Zahl der Firmenzusammenbrüche auf gleichbleibend hohem Niveau bleibt." 1996 hatten 28 000 Mittelständler Konkurs angemeldet.Vor allem in Ostdeutschland, wo "blühende Landschaften sein sollten", sei die Lage der mittelständischen Betriebe schwierig.Becker verband die Halbjahresbilanz mit einem eindringlichen Appell an die Politik, die geplanten Reformprojekte in die Tat umzusetzen.Höchste Priorität hätten die Abschaffung der Gewerbekapitalsteuer, die Senkung der Lohnzusatzkosten und eine neue niedrigere Tarifstruktur.In Deutschland müsse ein neues Gründerklima entstehen: "Wir brauchen eine Million Unternehmen." In den drei Millionen mittelständischen Betrieben werden laut Becker 52 Prozent des Bruttoinlandsproduktes erwirtschaftet und 80 Prozent aller Lehrlinge ausgebildet. Im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit haben einer aktuellen Studie zufolge vor allem mittelständische Dienstleister Fortschritte gemacht.In den Jahren 1994 bis 1996 hätten sie in den neuen Bundesländern per saldo 129 000 neue Jobs geschaffen, heißt es in einer jetzt veröffentlichten Untersuchung des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft.Der westdeutsche Mittelstand habe hingegen unter dem Strich im gleichen Zeitraum 122 000 Stellen abgebaut.Allein in Berlin sind nach Angaben des Kölner Instituts seit 1994 15 000 Stellen in mittelständischen Unternehmen gestrichen worden.In Großbetrieben gingen im gleichen Zeitraum sogar fast 70 000 Arbeitsplätze verloren.Der erhebliche Zuwachs von insgesamt 225 000 Stellen bei westdeutschen Dienstleistern habe nicht ausgereicht, um den Rückgang in anderen Bereichen auszugleichen, erklärt das IW die Negativ-Bilanz im Westen. In Deutschland insgesamt habe sich der Mittelstand aber im genannten Zeitraum gegen den Trend als "Rückgrat des Arbeitsmarktes" erwiesen.Per saldo seien zwischen 1994 und 1996 7000 mittelständische Arbeitsplätze entstanden.Den größten Teil des Beschäftigungsabbaus von insgesamt 530 000 Stellen im Beobachtungszeitraum hätten die Großbetriebe zu verantworten."Im Mittelstand gingen nur 4600 Arbeitsplätze verloren", so die Studie.Als mittelständisch bezeichnet die Studie alle Betriebe mit bis zu 499 Beschäftigten.Im bundesdeutschen Schnitt waren Ende März 1996 76,1 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in mittelständischen Betrieben tätig.Berlin bildete mit einem Anteil von 63 Prozent gemeinsam mit Hamburg (63,1) das Schlußlicht.

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