Wirtschaft : Mitwohnzentralen sind zu Partnern der Personalbüros geworden

JULIA GIERTZ (dpa)

VON VON JULIA GIERTZ (dpa) STUTTGAR."Wenn man die eigenen Bilder an die Wand hängt, fühlt man sich fast wie zu Hause", meint Andreas Thier.Der Prokurist eines Einrichtungshauses hat über die Mitwohnzentrale für ein Jahr eine schöne Drei-Zimmer-Altbau-Wohnung in Stuttgart gefunden.Der Familienvater, der am Wochenende zu Frau und Tochter ins Münsterland pendelt, ist ein Beispiel dafür, daß die Kundschaft der Mitwohnzentralen immer seriöser wird. Mitwohnen ist zum "Überlassen von Wohnraum" im weitesten Sinne geworden und hat den Beigeschmack von Kommune, Gezänk um Spül- und Putzaufgaben und Lotterleben verloren."Immer mehr Unternehmen sind in der Rezession von Boarding Häusern und Hotels auf Wohnungsvermittlung umgestiegen", erzählt Frank Korn, Inhaber der Stuttgarter Mitwohnzentrale. Praktikanten, Trainees, aber auch Manager finden über ihn eine kurzfristige Bleibe.Von mehreren tausend Vermittlungen im vergangenen Jahr entfallen bereits 25 bis 30 Prozent auf Firmen, schätzt Korn.Vor drei Jahren waren es nur zehn Prozent.Im Durchschnitt aller Mitwohnzentralen kommen bereits 40 bis 50 Prozent der Kunden von Firmen, weiß Hanne Kottmann, Gründerin der ersten Mitwohnzentrale Deutschlands in München.Zu ihren Stammkunden gehören etwa Daimler-Benz, Bosch, die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte, die Unternehmensberatung Roland Berger oder Schauspielhäuser."Wir sind die Partner der Personalbüros", sagt Kottmann. Thomas Wolf, Vorstandsassistent der Stuttgarter Versicherung, ist bei der Wohnungssuche für die Trainees seit September von einem Boarding House auf die Mietwohnzentrale umgestiegen.Mußte er früher für eine "Studentenbude" von 13 Quadratmetern 2 200 Mark zahlen, bekommt er jetzt für die Hälfte des Geldes eine "Bombenwohnung in bester Lage"."Bei dem Boarding House hatte ich unterschwellig immer das Gefühl, ich werde ausgenommen wie eine Weihnachtsgans, zumal für jede Kleinigkeit extra bezahlt werden muß", meint Wolf."Das Preis- Leistungs-Verhältnis paßt einfach nicht mehr in unsere Zeit." Zudem schätzen die vorübergehenden Mieter, daß sie selbst Kochen und Besuch bekommen können."Wir vermitteln ein Zuhause auf Zeit", meint Kottmann. Mit dem gewandelten Image haben die Mitwohnzentralen in 42 Städten, darunter auch kleinere Orte wie Suhl, Tübingen oder Paderborn, auch ihr Auftreten verändert: Im Herbst 1996 haben sie sich in dem Verband Home Company zusammengeschlossen.Ein Grund ist die gewollte Abgrenzung zu "Trittbrettfahrern" wie Maklern und Mitfahrzentralen.Andererseits soll der gemeinsame Name Ausdruck sein für einheitliche Standards bei Verträgen, Geschäftsbedingungen und Vermittlungsgebühren.Der englische Name ist Zeichen für eine immer internationalere Klientel. Im Vergleich zu den Firmen spielt bei den Privatleuten Geld nicht mehr die entscheidende Rolle.Das hat zumindest Frank Korn in Stuttgart beobachtet."Unsere Privatkunden suchen Kontakte und entscheiden sich bewußt für das Mitwohnen", betont er.Zweck- Wohngemeinschaften sind heute nicht mehr der Normalfall."Wir vermitteln keine Zimmer, sondern Leute." Kreative Menschen verlangen Mitbewohner, die keine Langweiler sind, Akademiker teilen ihr Domizil am liebsten mit interessanten Berufstätigen, Geschiedene suchen einen netten Wohnungspartner für Gespräche und gemeinsames Kochen.Zu wählerisch darf allerdings keiner sein, denn der Markt ist derzeit mit Angeboten überschwemmt - auch von Immobiliengesellschaften, die bessere Zeiten auf dem Wohnungsmarkt abwarten und ihre Objekte so lange vermieten.dpa gi fa/lu io

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