Wirtschaft : MLP – dem Kurssturz folgt die Flucht der Kunden

Gerüchte um Bilanztricks drücken das Geschäft des Finanzdienstleisters, der Dax-Ausschluss droht und der Chef ist kaum noch zu halten

NAME

Von Rolf Obertreis

Frankfurt (Main). Bis Anfang Mai noch fühlte sich Bernhard Termühlen ausgesprochen wohl auf seinem Vorstandssessel. Kein Wunder: Wieder einmal konnte der stets braungebrannte, smarte Chef des Heidelberger Finanzdienstleisters MLP über satte Zuwachsraten berichten. 30 Prozent Plus beim Gewinn gilt bei MLP seit Jahren als Untergrenze. Auch am 15. Mai zeigte sich der 46-Jährige gut gelaunt und erstaunlich gelassen. Gerade hatte das Anleger-Magazin „Börse Online“ zum ersten Mal über angebliche Bilanztricks berichtet. Der Kurs der MLP-Aktie stürzte um über 20 Prozent ab. Termühlen eilte nach Frankfurt, um die Öffentlichkeit über die Haltlosigkeit der Vorwürfe aufzuklären.

Eine Stunde referierte er damals in einem Nobelhotel über Provisionen und ihre Verbuchung, zeigte viele Charts und hinterließ doch Ratlosigkeit. Es blieb nicht der erste Lapsus in einem mehrmonatigen Desaster für das Unternehmen und die MLP- Aktie, deren Kurssturz nicht einmal von der T-Aktie übertroffen wurde. Im Juni auf der Hauptversammlung präsentierte Termühlen einen angeblich „unabhängigen“ Gutachter, der sich dann aber als MLP-Aktionär outete. Es folgen neue Vorwürfe von „Börse-Online“ und anderen Beobachtern, etwa über angebliche Verkäufe von Provisionsforderungen, was Gewinn und Umsatz um über 100 Millionen Euro aufgebläht haben soll.

Doch dafür gibt es bislang keine Beweise. MLP erwirkte im Juni eine einstweilige Verfügung gegen das Anleger-Magazin, deren Berichte sich, so Termühlen, „aus falschen Tatsachenbehauptungen, Unterstellungen und irreführenden Schlussfolgerungen“ zusammensetzten und Ansehen und die Glaubwürdigkeit von MLP untergraben sollten. Der Vorstandschef engagierte einen erfahrenen Öffentlichkeitsarbeiter von Daimler als neuen Finanzchef und beauftragte die Unternehmensberatung Ernst&Young mit einem Sondergutachten. Tenor: MLP habe gegen keine Bilanzierungsvorgaben verstoßen und habe sich rechtlich einwandfrei verhalten.

Doch auch das kann die Lage nur zeitweise beruhigen. Der Kurs rutscht weiter ab. Ende Juli schaltet sich die Staatsanwaltschaft Mannheim ein: Sie durchsucht die MLP-Zentrale in Heidelberg auf Grund einer anonymen Anzeige, beschlagnahmt Unterlagen und beginnt Ermittlungen wegen möglicherweise unrichtiger Bilanzierung.

Termühlen zeigt sich weiter „sehr gelassen". Aber es kommt noch dicker: Ende letzter Woche muss MLP zum ersten Mal in seiner Geschichte eine Gewinn-Warnung herausgeben. 2002 wird es nichts mit einem neuerlichen Plus von 30 Prozent. Im Gegenteil. Die MLP-Aktie stürzt um zeitweise über 50 Prozent auf nur noch acht Euro. Schon zwei Tage zuvor hatte Termühlen die Mitarbeiter darauf vorbereitet: Es sei nicht mehr so einfach, neue Kunden zu gewinnen. Für etliche der rund 2700 selbstständigen Berater und die rund 1400 festen Mitarbeiter von MLP, die vor allem unter jungen Akademikern neue Kunden suchen, war es schon vorher eng geworden. Sie hatten offenbar auf Pump selbst MLP-Aktien gekauft. Jetzt bürgen Termühlen und MLP-Gründer Manfred Lautenschläger mit 16 Millionen Euro aus ihrem Privatvermögen für die Mitarbeiter und Berater. Das Desaster bei MLP ist genauso beispiellos wie der Aufstieg des Finanzdienstleisters, der auch in den Frankfurter Bankentürmen immer wieder Verwunderung hervorgerufen hatte. 1971 wird MLP ( Marschollek, Lautenschläger und Partner) von Eicke Marschollek und Manfred Lautenschläger gegründet. Ziel: Die Finanzberatung von Juristen an der Uni. Schon 1974 zählt das Unternehmen zu den erfolgreichsten Versicherungsvermittlern Deutschlands.

In einem rasanten Tempo geht es weiter. Am 15. Juni 1988 geht mit MLP der erste Versicherungsmakler an die Börse, Termühlen wird Vorstandschef. Ende 1988 ist die MLP-Aktie 0,52 Euro wert. Mehrfach wird MLP zum Unternehmen des Jahres gekürt. Die Heidelberger melden Jahr für Jahr hohe zweistellige Wachstumsraten, ihr Geschäftsmodell erweist sich als goldrichtig: Akademiker schon an der Uni als Kunden gewinnen und später von ihren höheren und hohen Einkommen profitieren. Im Jahr 2000 steigt die MLP-Aktie auf fast 190 Euro. Am 23. Juli 2001 endlich wird das Papier, wie von Termühlen schon lange gefordert, in den Dax 30 aufgenommen. Danach häufen sich die Gerüchte, der Kurs bröckelt kontinuierlich ab bevor er seit Juni dramatisch abstürzt.

Heute wissen selbst Analysten nicht mehr so recht, was sie von MLP halten sollen. Sicher ist, dass die Gerüchte und das Kursdesaster massiv auf das Geschäft durchschlagen. Der Gewinn 2002 wird deutlich zurückgehen. Bei JP Morgan rechnet man mit einem Minus von mindestens 25 Prozent. Mehr noch: Nach nur einem Jahr droht in der nächsten Woche schon wieder der Ausschluss aus dem Dax. Mittlerweile ist nicht mehr sicher, ob die Heidelberger zum Jahresende noch selbstständig sein werden.

Das beste für MLP wäre der Rückzug von Termühlen und der Verkauf des Unternehmens, heißt es in Finanzkreisen. „Warum nicht an die Citibank“, sagte ein Analyst am Montag. Ohnehin gilt MLP trotz deutlicher Kursgewinne am Montag – die Aktie legte mehr als zehn Prozent zu – bei einem Börsenwert von rund 650 Millionen Euro als heißer Übernahmekandidat.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben