Wirtschaft : Mobilfunk boomt – nur bei Siemens nicht

Ericsson, Nokia, Motorola machen gute Geschäfte. Beim Münchner Konzern rechnen sie mit Verlusten

Corinna Visser

Berlin - Aus der Mobilfunkbranche kommen derzeit viele gute Nachrichten. Ericsson, der weltgrößte Lieferant von Technik für Mobilfunknetze, hat das erste Quartal besser als erwartet abgeschlossen. Der schwedische Konzern teilte am Freitag mit, den Umsatz um zwölf Prozent, den Gewinn sogar um 77 Prozent gesteigert zu haben. Auch die Nummer eins und zwei der Handyhersteller haben gerade überraschend gute Verkäufe verkündet: Nokia verkaufte 20 Prozent mehr Mobiltelefone als im ersten Quartal 2004, bei Motorola waren es plus 17 Prozent. Viele Beobachter sehen darin ein Indiz, dass die Branche die größten Schwierigkeiten überwunden hat – Siemens jedoch noch nicht.

„Siemens hat die Restrukturierungsarbeit in seiner Kommunikationssparte noch vor sich“, sagt Analyst Roland Pitz von der Hypo-Vereinsbank (HVB). Die anderen Konzerne hätten die harten Schnitte bereits in den vergangenen zwei Jahren vollzogen: Sie haben die Prozesse schlanker gemacht, massiv Mitarbeiter abgebaut. „Die Schrumpfkur steht bei Siemens noch aus – und sie wird schmerzhaft sein“, sagt Pitz. Laut Süddeutscher Zeitung soll nun der taiwanesische Elektronikkonzern Acer an einem Einstieg in das defizitäre Geschäftsferld interessiert sein. In Finanzkreisen heiße es, die Verhandlungen seien bereits weit fortgeschritten.

Siemens legt am Mittwoch Quartalszahlen vor. „Die Stimmung für Siemens ist im Moment extrem schlecht“, sagt Analyst Nicolas von Stackelberg vom Bankhaus Sal. Oppenheim. Das habe wenigstens ein Gutes: „Auch ein schlechtes Ergebnis wird paradoxer Weise einen positiven Effekt haben, wenn es besser ist, als die sehr negative Erwartung.“ Stackelberg geht davon aus, dass die Kommunikationssparte wegen guter Geschäfte im Netzwerkgeschäft einen positiven Ergebnisbeitrag leisten wird.

In der Handysparte erwartet von Stackelberg dagegen – wie seine Kollegen – weiterhin einen Verlust. Zwar wachse der Markt insgesamt. Nokia hat gerade die Prognose für den Weltmarkt von 707 Millionen auf 740 Millionen verkaufte Handys aller Hersteller in 2005 angehoben, und Ericsson erwartet, dass Ende 2005 weltweit rund zwei Milliarden Menschen mobil telefonieren werden – das bedeutet 200 Millionen Neukunden in den kommenden drei Quartalen. „Das sollte auch Siemens Schwung geben, allerdings mit der Einschränkung: Siemens hat immer noch zu viele hausgemachte Probleme“, sagt von Stackelberg. Eines ist, dass Siemens zu lange braucht, um neue Modelle auf den Markt zu bringen. Wer zu spät kommt, muss sich aber mit niedrigeren Verkaufspreisen zufrieden geben.

„Ich erwarte, dass die Handysparte kräftig verlieren wird. Als einziger unter den sechs größten Anbietern wird Siemens rückläufige Verkaufszahlen im abgelaufenen Quartal melden“, sagt von Stackelberg. Auch Pitz geht davon aus, dass Siemens in den drei Monaten bestenfalls so viele Geräte verkauft hat wie im vorangegangenen Quartal (nämlich rund elf Millionen Geräte) – bei einem im Vergleich zu den Marktführern deutlich niedrigeren Durchschnittspreis. Wie groß der Verlust bei den Handys ausfallen wird, sei schwer vorauszusagen. „Siemens muss endlich die Hängepartie beenden und konkreter sagen, wie die Kommunikationssparte wieder zukunftsfähig gemacht werden soll“, sagt Pitz.

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