Wirtschaft : Mobilfunk: Das große Warten

Adrian Schuster

Scheinbar voreilig haben manche Marktbeobachter den Sieg für das mobile Internet proklamiert. Bereits für das Jahr 2005 wurden mehr mobile Internetsurfer als im Festnetz prophezeit. Inzwischen sind die Prognosen korrigiert, und der mobile Break Even ist verschoben in eine fernere Zukunft zwischen 2008 und 2010.

Da bleibt Zeit genug für WAP (Wireless Application Protocol) doch noch zu zeigen, was in ihm steckt. Dass die Internet-Alternative für Handys die hochgesteckten Erwartungen bis heute nicht erfüllt, kann jedenfalls nicht mehr an dem früher oft beklagten Mangel an Geräten liegen. Praktisch alle Handys der oberen Preiskategorien und auch immer mehr günstige Modelle beherrschen diesen Dienst.

Und auch die Zahl der Inhaltsangebote wächst rasant: Niemand muss mehr unterwegs auf aktuelle Nachrichten zu Wetter, Wirtschaft oder Politik verzichten. Live erfahren mobile Broker per WAP alles zu Banken und Börsen. Fahrpläne und Kinoprogramme bringt WAP heute ebenso aufs Handy-Display wie das persönliche Horoskop. Ähnlich wie das Internet ist WAP in Seiten gegliedert, die mit einem Browser im Handy ausgewählt und dargestellt werden.

Im Unterschied zum Internet muss auf grafische Aufbereitung weitgehend verzichtet werden. Dafür sind Handy-Displays einfach zu klein. Wer probeweise das mobile WAP durchforsten und zu günstigen Gebühren interessante Seiten finden will, kann dies problemlos am heimischen PC mit Internetanschluss tun. Dafür ist lediglich ein so genannter Emulator erforderlich, der WAP-Seiten im Internet-Browser darstellen kann. Eine gute Adresse dafür ist das Internetportal "www.xonio.de".

Profitieren könnten WAP-Angebote von der schnellen Datenübertragungstechnik GPRS (General Packet Radio Service). Abhängig von der Leistungsfähigkeit des Handys können Fahrpläne, Börsenkurse oder Sportnachrichten damit bis zu vier Mal schneller als bisher empfangen werden. GPRS zerlegt den Datenstrom für den Transport in kleine Päckchen, die beim Empfänger wieder zusammengesetzt werden.

Tarifmix

Angekündigt wurde GPRS als Wegbereiter für den Multimedia-Mobilfunk der nächsten Generation. Theoretisch ermöglicht GPRS zeitunabhängige Tarife, die nur vom übertragenen Datenvolumen abhängen. Praktisch aber mischen viele Tarife die Preise für Datenvolumina, Nutzungsdauer und für die Zahl geladener WAP-Seiten - mal mit, mal ohne zusätzliche Grundgebühr. Nur in wenigen Fällen, wie zum Beispiel bei Viag Intercom, wird WAP per GPRS tatsächlich günstiger als die GSM-üblichen, keineswegs billigen 39 Pfennig pro WAP-Minute. Auch schnelle Downloads im Internet sind je nach Tarif und Anbieter um die Hälfte bis über das Zehnfache teurer als konventionelle GSM-Verbindungen. Kaum vorstellbar, dass solche Preise die Verbraucher locken.

Altgeräte lassen sich nicht für GPRS aufrüsten. Da hilft nur ein Handy-Neukauf: Gut zwei Dutzend GPRS-fähige Modelle hält der Markt zurzeit bereit. Die Preise rangieren zwischen 400 und 2000 Mark.

Als Türöffner erweist sich WAP womöglich für ortsbezogene Dienste, die so genannten Location Based Services, kurz LBS. Jedenfalls setzen die meisten LBS-Anbieter ein registriertes WAP-Handy voraus. LBS wertet die Standortdaten des Handys aus und führt seinen Besitzer zielsicher zum nächst gelegenen Hotel oder Restaurant seiner gewünschten Kategorie.

Ein großes Potenzial haben LBS zudem für Speditionen sowie für alle Unternehmen mit vielen Außendienstmitarbeitern: Eine Zentrale, die jederzeit alle Standorte von Fahrzeugen und Mitarbeitern kennt, kann ihre Routen und Kapazitäten optimal steuern und lenken. Allerdings ist die Ortung von Mobiltelefonen nicht überall hinreichend genau, vor allem nicht in dünn besiedelten Gebieten mit großen Funkzellen.

Nicht alle Anwendungen können und wollen sich mit dieser Ungenauigkeit abfinden und setzen auf GPS (Global Positioning System). Das Satellitenortungssystem kann überall in Deutschland Positionen mit einer Genauigkeit von 15 Metern bestimmen. So wirbt die Mannheimer Vitaphone AG für das Herz-Handy, eine Kombination aus GSM-Mobiltelefon und integriertem GPS-Empfänger: Auf den ersten Blick von einem üblichen Handy kaum zu unterscheiden, soll es Herz- und Kreislaufpatienten mehr Mobilität und Lebensfreude verschaffen. Denn auf der Rückseite des Geräts sind Elektroden angebracht, so dass das Herz-Handy überall und jederzeit ein Elektrokardiogramm aufzeichnen kann. Per Knopfdruck gelangt das EKG samt Positionsdaten des Patienten zum Service-Center von Vitaphone, wo im Bedarfsfall weitere Schritte initiiert werden.

Eine analoge Kombination aus GPS-Empfänger und Handheld oder Smartphone kann zudem eine günstige Alternative zu kostspieligen Navigationssystemen im Auto sein: Hierbei werden die GPS-Positionen per Short Message Service SMS an das externe Rechenzentrum des Navigationsanbieters versandt. Die fertig berechneten Routen sowie relevante Verkehrsinfos und Staumeldungen kommen von dort auf gleichem Wege zurück. Als Komplettpaket offerieren beispielsweise "Tegaron" und "Distefora" derartige Lösungen, die nicht nur Autofahrer, sondern auch Trecking-Radlern Orientierungshilfe geben können.

Smartphone & Co.

Selbstverständlich sind brauchbare Reiserouten und Landkarten nicht auf einem drei mal vier Zentimeter großen Handy-Display darstellbar. Ohne Pocket PC, Handheld oder PDA (Personal Digital Assistant) kommen Navigationslösungen nicht aus. Zum Smartphone werden sie, sobald ein GSM-Modul eine Brücke in die Mobilfunknetze schlägt. Ursprünglich bezeichnen Smartphones intelligente Mobiltelefone mit einigermaßen handhabbarer Tastatur oder Touchscreen. In anderen Worten: ein kleiner Computer, mit dem man bequem auch telefonieren kann.

Anders als bei Laptops und stationären PCs gibt es mehrere Betriebssysteme. Hersteller wie Palm, Compaq oder Psion gehen jeweils eigene Wege. So setzt Compaq bei seinem iPAQ auf Windows CE, der kleinen Schwester des populären Desktopsystems von Microsoft. Marktführer Palm kommt zwar mit wesentlich weniger Hardware- Leistung aus, sein Palm OS eignet sich aber eher für monochrome Bildschirme. Und das Betriebssystem EPOC ist ganz auf das Breitformat der Psion Handhelds zugeschnitten. Die Folge dieser bunten Vielfalt: Der Kauf eines bestimmten Geräts grenzt auch die Optionen für das Zubehör ein.

Als ideale Mischung aus Mobiltelefon und mobilem Office gilt der Nokia Communicator 9210. Er ging als klarer Sieger aus einem aktuellen Test des Handy-Portals "www.xonio.de" hervor. Sein Farb-Display, die flexible Speichererweiterung, die einfache Bedienung und seine hervorragenden Telefonfunktionen überzeugen. Ein Wermutstropfen: der relativ hohe Preis von fast 2000 Mark. 500 Mark weniger kostet das kleinere und leichtere Motorola Accompli 008 mit ebenfalls sehr guten Noten.

Das Magazin "connect" geht in seinem aktuellen Heft der Frage nach, welches Handy wohl am besten zu welchem Handheld passt. Als Dreamteam der Windows CE-Handhelds schnitt dabei Compaqs neuer iPAQ H3870 in Kombination mit dem Nokia 6210 (plus Nokia Connectivity Pack DTL 1P) ab. Und der zurzeit interessanteste Palm-OS-Organizer stammt von Sony, der Clié N770C. Er funktioniert mit einem Handy gleicher Marke, dem Sony-Handy CMD-J5. Eine andere empfohlene Kombination: Der Psion-Organizer "Revo plus" in Verbindung mit dem Siemens S45.

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