Wirtschaft : Mobilfunk: Ein Nilpferd schmort für UMTS

Rainer Bücken

Das Rezept klingt einfach: Nilpferd in Burgunder. Die Zutaten sind allerdings nicht ganz ohne. Ein passender Schmortopf fürs Nilpferd und 2000 Liter Burgunder müssen schon sein, unter denen dann eine Flamme das Ganze nebst einigen Zutaten acht bis vierzehn Tage kochen lässt. Das Rezept wurde kürzlich auf einer Tagung des Münchner Kreises, einer 1974 gegründeten Vereinigung für Kommunikationsforschung, vorgetragen, und damit es auch jeder mitbekam, gleich zwei Mal hintereinander. Allerdings sollten die etwa 400 Teilnehmer danach keinen Flug nach Afrika buchen und sich den exotischen Weihnachtsbraten dort selbst schießen, mit dem ungewöhnlichen Nilpferdrezept wurde die gute Sprachqualität demonstriert, die mit der UMTS-Technik möglich wird - dafür müssen manchmal kuriose Beispiele herhalten.

UMTS - diese vier Buchstaben stehen für Universal Mobile Telecommunications System und sorgten vor 16 Monaten für eine regelrechte Euphorie im Land. Nicht nur die Bundesregierung freute sich über den plötzlichen Geldsegen für die Staatskasse, auch die Industrie gab sich hoffnungsfroh, zeugten doch die Gelder von einer hohen Investitionsbereitschaft der künftigen Netzbetreiber. Jeder der sechs Netzbetreiber (E-Plus, Quam, Vodafone, Mobilcom, T-Mobil und Viag Interkom ließ sich das Geschäft mit der Zukunft etwa 16,5 Milliarden Mark kosten, zusammengerechnet ersteigerten sie die Frequenzlizenzen für 99,3682 Milliarden Mark. Viele Milliarden sind nochmals für die Infrastruktur fällig, etwa für die Steuerungsrechner, die Festnetz-Übergänge und Antennen nebst Basisstationen. Die heißen künftig "Node B" - Techniker bestimmen auch das künftige Kommunikationsvokabular.

Erfolg ungewiss

Frank Rothauge vom Bankhaus Sal. Oppenheim in Frankfurt rechnete beim Treffen des Münchner Kreises vor, dass die Rentabilitätsschwelle für einen UMTS-Netzbetreiber bei acht Millionen Kunden liegen würde. Die Lizenzen gelten überdies nur bis Ende Dezember 2020. Danach soll die vierte Mobilfunkgeneration startklar sein - schlechte Aussichten für Quam und Co?

Die technische Entwicklung für UMTS ist weitgehend abgeschlossen, die Produktion der Endgeräte und der Infrastruktur wird vorbereitet. Eines scheint aber nicht mehr ganz sicher - dass sich der beispiellose Erfolg von GSM (Global System for Mobile Communications) mit seinen - weltweit - bald 600 Millionen Nutzern in 400 Netzen durch UMTS wiederholen lässt. Für den Münchner Kreis jedenfalls war das Anlass genug, all das zu hinterfragen.

Als GSM 1993 so richtig loslegte, versammelten sich in zwei Mobilfunknetzen binnen Jahresfrist etwa 900 000 Teilnehmer. Heute hat Branchenprimus T-Mobil allein 22,7 Millionen Teilnehmer, dicht gefolgt von Vodafone (D2) mit 21,8 Millionen Mobiltelefonierern. Datenübertragung als SMS ist wohl die wichtigste "Nebentätigkeit", denn monatlich gehen allein bei T-Mobil 800 Millionen Botschaften quer durch die Netze. Damit aber auch das Internet mobil wird, wurden schrittweise neue Übertragungstechniken eingeführt. Dazu zählen einerseits GPRS (General Packet Radio Service), eine Paket-Datenübertragung mit bis zu 171,2 Kilobit pro Sekunde und andererseits HSCSD (High Speed Circuit Switched Data), mit der sich bis zu vier GSM-Kanäle bündeln lassen und so Datenraten bis 115,2 Kilobit möglich machen. Auch die nächste Stufe ist bereits in Betrieb: EDGE (Enhanced Data Rates for GSM-Evolution), eine Kombination dieser beiden Techniken, die es auf 452,8 Kilobit bringen kann.

Allerdings sind die Kosten hoch. Peter Vary von der RWTH Aachen rechnet vor, dass für die drahtlose Übertragung einer 3,6 Megabyte-Datei, der Datenmenge für ein kurzes Video, bei GPRS immerhin Kosten zwischen 32 und 248 Mark anfallen - das wohl teuerste Pay-TV der Welt. Ob das mit UMTS anders wird, wagt noch keiner vorherzusagen. Bei NTT DoCoMo, dem japanischen Vorreiter in Sachen UMTS, werden Daten mit 64 Kilobit vom Handy weg und mit 384 Kilobit ins "Mobile" geladen. Partyfotos sind ebenso beliebt wie die aktuelle Arbeitsübersicht. Die künftigen Endgeräte entsprechen denn auch eher einem PDA als einem klassischen Mobiltelefon.

UMTS wird es also weltweit geben, aber mit recht deutlichen Unterschieden. Japan und die USA haben schon darauf geachtet, dass nicht allzu viel Lizenzen nach Europa fließen. Auch China hat einen eigenen Standard. Ein multinationales Endgerät ist vorerst nicht zu erwarten, wohl aber Basisstationen, die in Europa und den USA gleichermaßen einsetzbar sind.

Nun wird UMTS im Allgemeinen mit Datenraten von zwei Megabit in Verbindung gebracht, zumindest wurde das von den Protagonisten so versprochen. Vary sprach in München gar von theoretisch möglichen 2,88 Mbit / s, kam dann aber auf realistische Größenordnungen zurück: "Diese Werte erreicht man bei nur einer einzigen Basisstation und einem einzigen Nutzer."

Eine ewige Baustelle?

Auch bei der Zahl der Basisstationen möchte sich derzeit kein Netzbetreiber in die Karten gucken lassen. Von 10 000 bis 15 000 pro Netz ist die Rede, die alle 700 bis 7000 Meter entfernt aufgestellt sein wollen. Und damit ist dann längst noch keine bundesweite Deckung erreicht. Die Ausbaupläne sehen vielmehr vor, dass 25 Prozent der Bevölkerung bis Ende 2003 versorgt sind - und da sind die Bewohner der großen Städte im Vorteil. Auch dürften UMTS-Handys aus der Großserie erst ab 2003 zur Verfügung stehen. Bis 2005 sollen 50 Prozent der Bevölkerung "versorgt" sein, auch diese Zahl ist vor allem innerstädtisch zu realisieren. Flächenmäßig wären das bei 30 000 Quadratkilometern gerade 8,5 Prozent. Selbst bei einer 70-prozentigen Bevölkerungsversorgung wird man flächendeckend UMTS-Dienste nur nutzen können, wenn die Endgeräte auch noch bei GSM / GPRS mitspielen, dann freilich mit niedriger Geschwindigkeit.

Wie nun die zur Verfügung stehenden Ressourcen genutzt werden, scheint beliebig zu sein. Die Netzbetreiber können ihre Netze variabel gestalten. Dazu Vary: "Man kann in der Zelle beispielsweise 50 Sprachkanäle haben oder 10 niederratige Videoverbindungen oder zwei schnelle Datenübertragungen oder eine Kombination von Diensten." Eine Überlastung des Netzes tritt jedenfalls so schnell nicht auf.

Bei so viel Variabilität bleibt allerdings die mögliche Sprachqualität auf der Strecke. Für die Sprache stehen nämlich Datenraten von zunächst 4,75 bis 12,2 Kilobit zur Verfügung, später bis maximal 24 Kilobit. Einmal lassen sich beispielsweise 92 Sprachkanäle bedienen, das andere Mal nur 46 Kanäle - dann wird aber eine UMTS-Sprachqualität mit sieben Kilohertz möglich. Damit alle künftigen Nutzer den Unterschied irgendwann erleben können, müssen aber wohl noch viele Nilpferde in Burgunder schmoren.

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