Wirtschaft : Mobilfunk: UMTS-Betreiber kämpfen gegen Kostendruck

Corinna Visser

Sie haben hoch gepokert und teuer bezahlt. Jetzt suchen die Unternehmen, die im vergangenen August eine Lizenz für den neuen Mobilfunk der dritten Generation (UMTS) in Deutschland ersteigert haben, nach Schlupflöchern im Regelwerk. Sie wollen die Kosten drücken, die jetzt beim Aufbau der neuen Netze noch auf sie zukommen. 50,5 Milliarden Euro (98,8 Milliarden Mark) haben sie zusammen bereits für die Lizenzen in Deutschland ausgegeben. Für die nötige Infrastruktur veranschlagen Analysten noch einmal 30 Milliarden Euro. Einsparmöglichkeiten könnten sich ergeben, wenn verschiedene Anbieter beim Netzaufbau und -betrieb zusammenarbeiten und sich so bestimmte Kosten teilen. Doch jede Kooperation muss zunächst von der Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post (RegTP) genehmigt werden.

Es gebe Signale, dass die Regulierungsbehörde den Netzbetreibern entgegenkomme und Kooperationswünsche wohlwollend prüfe, sagt der Sprecher des Mobilfunkanbieters Viag Interkom. Auch Analysten haben die Äußerungen von Matthias Kurth als Ermutigung ausgelegt. Der Präsident der Regulierungsbehörde hatte in einem Interview mit der "Welt" in dieser Woche gesagt, er sehe "eine gewisse Verantwortung", UMTS zu einem Erfolg zu machen. Dies gelte auch für "Bestrebungen einiger Netzbetreiber, gemeinsam Antennen und Basisstationen zu nutzen". Seine Behörde werde den Parteien "hilfreiche Hinweise" geben, wie die Lizenzbedingungen ausgelegt werden können. Er sagte aber auch, dass sich an den Bedingungen selbst nichts ändern werde.

Die Euphorie ist weg

Die Regeln hat die Behörde bereits vor der Versteigerung festgelegt. Sie kann sie nicht ändern, ohne Klagen von Wettbewerbern zu riskieren, die keine Kooperationen eingehen wollen oder von den Unternehmen, die bei der Versteigerung der Lizenzen leer ausgegangen sind. In den Regeln steht, dass jeder Netzbetreiber die volle Funktionsherrschaft über sein Netz haben muss. Im Klartext: Wenn ein Netzbetreiber sein Netz abschaltet, dann darf von dieser Abschaltung kein anderes Netz betroffen sein.

In der anfänglichen Euphorie, die noch im vergangenen Jahr um die UMTS-Technik herrschte, hat wohl noch kein Netzbetreiber daran gedacht, ausgerechnet mit einem seiner Wettbewerber zusammen zu arbeiten. Doch seit die enormen Kosten nicht nur die Schulden der Mobilfunkfirmen in die Höhe getrieben, sondern auch die Aktienkurse der Unternehmen auf Talfahrt geschickt haben, hat das Umdenken begonnen. Daher werden jetzt die Grenzen getestet. "Die Lizenzauflagen bieten eine Reihe von Möglichkeiten der Zusammenarbeit", sagt Gerhard Schmid, Vorstandsvorsitzender der Mobilcom AG. "Und die wollen wir in Anspruch nehmen." Die Netzbetreiber haben bereits Vorschläge beim Regulierer eingereicht. Kurth will diese bis Ende Mai prüfen. Grafik: UMTS-Lizenzen in Europa Unstrittig ist, dass Mobilfunkanbieter passive Elemente der Netze gemeinsam nutzen dürfen. Das sind Standorte mit Betriebsgebäuden, die Stromversorgung, Antennenmasten und auch Antennen. Die Betreiber der bestehenden Mobilfunknetze der zweiten Generation nutzen diese Möglichkeit bereits. Was bisher möglich war, soll auch weiterhin gestattet sein. Anders sieht es jedoch bei den aktiven Netzelementen, etwa bei Basisstationen aus. Hier ist eine gemeinsame Nutzung nicht gestattet. Seit die Lizenzbedingungen aufgestellt wurden, hat sich die Technik jedoch weiterentwickelt. Wenn es technisch möglich sei, auch Basisstationen so einzurichten, dass verschiedene Netzbetreiber sie unabhängig voneineinder nutzen können, könnte auch dies erlaubt werden. So heißt es vorsichtig bei der Regulierungsbehörde. Jetzt kommt es darauf an, ob die Hersteller auch die entsprechenden Basisstationen liefern können.

Wieviel die UMTS-Betreiber sparen können, wenn sie sich beim Bau und Betrieb der Netze mit anderen zusammentun, haben die Analysten der Investmentbank Credit Suisse First Boston (CSFB) errechnet: Knapp 40 Prozent seien maximal möglich. Auch die Volkswirte der Hypo-Vereinsbank gehen davon aus, dass die Netzbetreiber 15 bis 40 Prozent bei ihren Ausgaben für die Infrastruktur sparen können - vorausgesetzt die Regulierungsbehörde spiele mit.

Nicht alle denken zuerst ans Sparen

Doch nicht auf allen Netzbetreibern lastet der gleiche Druck, Einsparmöglichkeiten zu finden. Auf ein Entgegenkommen der Regulierungsbehörde sind vor allem die kleineren Netzbetreiber E-Plus und Viag Interkom und die Neueinsteiger Mobilcom und Group 3G (ein Konsortium der spanischen Telefónica und der finnischen Sonera) angewiesen. KPN, die niederländische Muttergesellschaft von E-Plus, hat nach Berechnungen der CSFB in Europa für UMTS-Lizenzen insgesamt 10,2 Milliarden Euro ausgegeben, etwa 61 Prozent des aktuellen Börsenwertes der Gesellschaft. Bei Sonera erreichen die Ausgaben für UMTS-Lizenzen 47 Prozent des Börsenwertes, bei British Telecom, Muttergesellschaft von Viag Interkom, immerhin 28 Prozent. Der weltgrößte Mobilfunkanbieter Vodafone, in Deutschland mit dem Marktführer D2 vertreten, hat zwar europaweit das meiste Geld für UMTS-Lizenzen ausgegeben, steht finanziell jedoch von allen am besten da. Vodafone betont daher auch, dass es einen Wettbewerb auch bei der Infrastruktur geben müsse - und keine Kooperationen. Bei T-Mobil, der Mobilfunktochter der Deutschen Telekom, heißt es ebenfalls, man werde sich zwar wie bisher die Standorte teilen. "Alles was darüber hinaus geht, ist für uns kein Thema", sagt ein Sprecher von T-Mobil. Die Netzqualität sei ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal am Markt - auch im Wettbewerb um attraktive Inhalte für die Netze.

Sparen allein wird nicht allen Netzbetreibern helfen. Viele Branchenbeobachter erwarten, dass es zu einer Konsolidierungswelle in ganz Europa kommt und einige kleinere Mobilfunkbetreiber aufgeben müssen. "Auf gar keinen Fall werden alle sechs Lizenzgewinner überleben", sagt Analyst Werner Stäblein von der BHF Bank. Er rechnet damit, dass es am Ende nur noch vier Wettbewerber in Deutschland geben wird. "70 bis 80 Prozent des Marktes werden sich allein D1 und D2 teilen", sagt Stäblein.

Ob UMTS überhaupt ein Erfolg wird, hängt nicht nur von den finanziellen Möglichkeiten der Netzbetreiber ab. Die Technik muss funktionieren, die Preise müssen stimmen und die neuen Mobilfunkgeräte in ausreichender Zahl verfügbar sein. Vor allem aber muss es gelingen, die Kunden zu überzeugen, dass sie die neuen Dienste wirklich brauchen. Die Volkswirte der Hypo-Vereinsbank sind da "verhalten optimistisch": "Der enorme Druck auf die Beteiligten dürfte jedoch auch ebenso enorme kreative Kräfte freisetzen, die zum Gelingen des geplanten Großprojektes UMTS notwendig sind."

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