Wirtschaft : Mobilfunkmarkt: Italiens UMTS-Versteigerung steuert ins Chaos

Werner Raith

57 Millionen Einwohner zählt Italien, mehr als 34 Millionen Handys sind in Gebrauch. Deutschland, mit fast einem Drittel mehr Bürgern, kommt auf gerade mal 26 Millionen Mobiltelefone. Dass der Markt zwischen Brenner und Agrigent zu den verlockendsten und lukrativsten Europas gehört, hat sich längst international herumgesprochen, und entsprechend hochrangig sind auch die Bieter, die in den kommenden Wochen bei der Versteigerung der Lizenzen für das Universale Mobile Telekomunikations System, kurz UMTS, teilnehmen.

Die meisten Ausländer sind dabei durchweg in italienische Sozietäten eingestiegen: Vodafone hält 76 Prozent an Omnitel, Hutchison Whampoa 51 Prozent von Andala, British Telecom 20 Prozent von Blu, France Télécom 43,3 Prozent von Wind, das ansonsten zu 56,6 Prozent dem Stromkonzern Enel gehört und allgemein als der sicherste Kandidat für einen Zuschlag gilt. Fast rein italienisch ist lediglich Tim, hinter dem Telecom Italia mit einem 60-Prozent-Anteil steht. Telecom Italia, obwohl größter Telefonanbieter des Landes, wollte selbst nicht bei der Versteigerung mitmachen, ebenso wie der zweitgrößte Festnetzinhaber Infostrada, bei dem neuerdings auch die Deutsche Telekom einsteigen will. Beiden war das Risiko zu groß, ein "Experiment mit möglicherweise ungeahnten zusätzlichen Kapitaleinsätzen" auf sich zu nehmen, so ein Sprecher von Telecom Italia.

So rangeln nun sieben Bieter - neben Tim, Omnitel, Wind, Blu und Andala noch Ipse und TU-Mobile - um die fünf zu vergebenden Lizenzen. Die im letzten Moment gegründete Anthill-Gruppe wurde wegen mangelnder Erfahrung im Mobilfunkgeschäft ausgeschlossen. Jeder Mitbieter musste eine Kaution von umgerechnet fünf Millionen Mark hinterlegen sowie eine Bank-Bürgschaft für nicht weniger als vier Milliarden Mark vorweisen.

Tatsächlich könnten die beiden Festnetzgesellschaften mit ihren Bedenken durchaus Recht haben. Denn wie es mit UMTS in Italien weitergeht, ist durchaus offen - und dies nicht nur wegen der technologischen Schwierigkeiten. Sondern auch, weil die rechtliche wie verfahrenstechnische Lage in Italien alles andere als klar ist. Mangels eindeutiger gesetzlicher Grundlagen für die Versteigerung der Lizenzen hangelt man sich am uralten italienischen Prinzip entlang, das alles erlaubt, was nicht ausdrücklich verboten ist.

Die Versteigerung der Lizenzen soll ab 19. Oktober 2000 stattfinden - doch das wird mit Sicherheit eine eher virtuelle Nummer. Denn einerseits kann die Anthill-Gruppe, deren Einspruch vom Verwaltungsgericht Rom zwar zurückgewiesen wurde, noch einmal in Revision gehen und damit Zuschläge in Frage stellen. Und: Das Verwaltungsgericht hat einem Einspruch der Verbraucherschutz-Organisation Codacons stattgegeben, die ein Umweltverträglichkeits-Gutachten für die neu zu errichtenden wellenstarken Übertragungsantennen gefordert hat.

Die Regierung hofft bei der Auktion zwar nicht auf die Rekordsumme von knapp 100 Milliarden Mark, die in Deutschland erzielt wurde, aber immerhin auf 40 bis 50 Milliarden Mark. Wie die verwendet werden sollen, ist allerdings ebenfalls unklar: Die Opposition fordert, den gesamten Erlös zum Abbau staatlicher Schulden zu verwenden. Die Regierung dagegen will - es ist schließlich bald Wahl - einen Teil für Bildungsförderung, einen anderen für Kleinbetriebe verwenden. Das Fell des Bären wird wieder einmal verteilt, ehe er erlegt ist.

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