Wirtschaft : Moder statt Modernisierung

Die Versprechungen des Karstadt-Käufers Nicolas Berggruen sind verhallt. Ein Konzept ist nicht erkennbar. Der Vorstandschef gibt auf.

Kirsten Ludowig
Offen defensiv. Karstadt-Eigentümer Nicolas Berggruen stellte sich am Freitag in Berlin demonstrierenden Angestellten. Foto: dpa
Offen defensiv. Karstadt-Eigentümer Nicolas Berggruen stellte sich am Freitag in Berlin demonstrierenden Angestellten. Foto: dpaFoto: dpa

Düsseldorf - Lächelnd kam Nicolas Berggruen aus der Karstadt-Filiale in Recklinghausen. Die Einkaufstüte in der Hand. So trat er hinaus auf den Altstadtmarkt der 120 000-Einwohner-Stadt im Ruhrgebiet. Spontan hatte der polyglotte Eigentümer, der immer in Hotels lebt, eines seiner Warenhäuser besucht.

Die Außenstelle im Reich des Finanzinvestors Berggruen stand schon oft von der Schließung. Da machte sich sein Auftritt in der vorigen Woche gut. Er ließ sich alles zeigen, redete mit Mitarbeitern und Kunden, ja, er shoppte sogar ein wenig – obwohl der Mann von Welt das sonst fast nie tut.

Der Milliardär weiß, wie er sich belegschaftsnah geben kann. Vor allem hier, in Recklinghausen, wo ein paar Meter weiter ein 30 000 Quadratmeter großes Shoppingcenter entsteht. Berggruen: „Wir werden damit zurechtkommen.“ Und: „Wir bleiben hier.“ Das kommt gut an.

Auch Andrew Jennings lächelte, sein Noch-Chef bei Karstadt. Seit zweieinhalb Jahren versucht der Brite, die angeschlagene Warenhauskette zu sanieren. Er wollte mit neuen Marken wie „Lipsy“ Flair verbreiten. Immer wieder kam Kritik auf, das alles ginge zu langsam.

Jetzt scheint die Rettung des Traditionskonzerns Karstadt, gegründet 1881, endgültig geplatzt. Jennings wird in ein paar Monaten gehen. Für die Firma, die unter Umsatzschwund leidet, haben Berggruen und sein Intimus Jared Bluestein, der den Aufsichtsrat von Karstadt führt, noch keinen Ersatz. Zudem zirkulieren Informationen über Berggruens Steuersparmodelle via Karibik. Das macht ihn noch angreifbarer.

Nichts hatte auf einen raschen Abgang von Jennings hingedeutet. Er hielt seine Strategie „Karstadt 2015“ bis zuletzt hoch. Vor wenigen Tagen noch sagte der Brite dem „Handelsblatt“: „Ich habe bis 2015 Zeit, Karstadt umzubauen.“ Da klingt es paradox, dass nun auf einmal sein Dreijahresvertrag planmäßig auslaufen soll. In einer Sitzung ging es am vorigen Dienstag in Essen nach Informationen des „Handelsblatts“ hoch her. Jennings habe daran erinnert, dass Berggruen Kapital versprochen habe. Angeblich 300 Millionen Euro. Berggruen wiegelt ab. „Diese Nachfolgeplanung ist der normale Geschäftsverlauf“, sagt er zum Abgang von Jennings. Der wirke bei der Suche nach Ersatz mit. Doch wer will sich Karstadt antun? „Jeder weiß, wie es um das Geschäft steht“, sagt ein Insider. „Keiner glaubt mehr daran, dass Berggruen noch investiert.“ Ohne Geld aber könnten selbst die besten Manager nichts richten.

Die Stimmung ist auf einem Tiefpunkt. Da die Umsätze wegbrechen, fehlt die Basis für die überfällige Modernisierung. In Finanzkreisen ist zu hören, dass Berggruen immer wieder mal bei möglichen Investoren zwecks eines Teilverkaufs vorgefühlt habe. Für die drei Premiumhäuser, darunter das Kadewe in Berlin, dürfte sich ein Käufer finden; allerdings redet in zwei Fällen die österreichische Immobiliengruppe Signa von René Benko mit. Sie hat langfristige Mietverträge. Auch die 28 Sporthäuser sind attraktiv, alles andere gilt als unverkäuflich. Berggruen dementiert Verkaufspläne.

Doch wer soll ihm noch trauen? Die Mitarbeiter sind nach Stellenstreichungen und Tarifausstieg wütend und konfliktbereit. Am Freitag parlierte Berggruen mit der Kunstszene in einem Museum in Berlin, in der die Sammlung seines Vaters ausgestellt ist. Mitarbeiter machten mit Trillerpfeifen vor der Tür Heidenlärm. Berggruen musste sich entschuldigen und vor die Tür. Ein Affront.

„Karstadt wird überleben, aber nur, wenn wir zusammenarbeiten“, sagte Berggruen. „Heute geht es um Kultur, nicht um Karstadt. Meine Mutter ist hier, sie ist 90. Bitte stören Sie nicht, dass wir hier Kultur machen. Für Deutschland.“

Die öffentliche Meinung hat sich gedreht. 2010 kam Berggruen als Retter, kaufte die Pleitefirma für einen symbolischen Euro und versprach Investitionen. Bislang hat er keinen Cent in Karstadt gesteckt. Dafür zieht seine New Yorker Holding jedes Jahr neun Millionen Euro für angebliche Dienstleistungen heraus.

An diesem Donnerstag tagt der Karstadt-Aufsichtsrat. Neben dem Vorstandssessel gibt es weitere heikle Gesprächsthemen. So belegen Dokumente der US-Börsenaufsicht SEC, aus denen „Bild am Sonntag“ zitiert, dass Karstadt über sechs Zwischenfirmen – unter anderem in den Niederlanden und auf Curaçao – dem Nicolas Berggruen Charitable Trust auf den British Virgin Islands gehören. Dieser Trust, ein Steuersparmodell, hält die Aktienbeteiligungen der Berggruen Holdings und soll gemeinnützige Aktivitäten unterstützen. Die Adresse des Trusts: Briefkasten Nummer 805 eines alten Holzhauses auf Tortola, der Hauptinsel der Steueroase.

Recklinghausen ist da weit weg. HB

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