Wirtschaft : "Modernste Hauptstadt Europas im Bau"

BERLIN (mhm/HB).Die deutsche Hauptstadt wird vom Regierungsumzug und der anstehenden Erweiterung der Europäischen Union nach Osten profitieren.Das ist nach einer Umfrage des Düsseldorfer Handelsblatts die überwiegende Meinung der großen deutschen Konzerne.So schätzt die Veba AG, daß Berlin "in weniger als fünf Jahren die modernste Hauptstadt Europas" sein wird.Der Autozulieferer ZF Friedrichshafen erwartet, daß die Stadt "als künftige Großstadt von internationalem Rang sicher eine ähnliche Bedeutung wie Paris, London oder Rom" erhalten werde.Offenheit und Vielfalt der Metropole würdigt auch der Elektronikkonzern Philips, wenngleich es "noch an Souveränität im Gesamtauftritt" fehle.

Der Regierungsumzug und die Osterweiterung der EU würden Berlin als großes europäisches Wirtschaftszentrum aufwerten, heißt es bei der Deutschen Bahn AG.Die zentrale Lage an wichtigen Ost-West- und Nord-Süd-Magistralen und die Anbindung an das europäische Hochgeschwindigkeitsnetz seien Voraussetzungen dafür.Die DB ist einer der ganz großen Investoren der Stadt: Allein 10 Mrd.DM fließen in die Modernisierung des Fernverkehrsnetzes, wozu etwa der Bau des neuen Lehrter Bahnhofs in unmittelbarer Nähe zum Sitz von Regierung und Parlament gehört.Weitere 10 Mrd.DM werden in die Schienenverkehrsinfrastruktur Berlins und Brandenburgs investiert.

Schon jetzt erzielen nicht nur Bau-Unternehmen handfeste Vorteile aus dem Regierungsumzug.Bei der Siemens AG, die hier nach massivem Stellenabbau mit 18 000 Beschäftigten immer noch ihren weltweit größten Fertigungsstandort unterhält, wirkt sich der Regierungsumzug schon jetzt positiv auf das Geschäft mit Gebäudetechnik, Informations- und Kommunikationstechnik sowie Computerdienstleistungen aus.

Für die Viag AG ist die Randlage Berlins mit dem Regierungsumzug und der anstehenden Ost-Erweiterung der EU behoben.Für andere Konzerne spielt Berlin in diesem Zusammenhang keine Rolle, weil sie in der Region keine Produktionsstätten und oder das Geschäft in Osteuropa vor Ort betreiben.So heißt es bei Bilfinger + Berger, die Osterweiterung der EU werde "keine nennenswerten direkten Auswirkungen für unsere Berlin-Aktivitäten haben, da wir in Polen und Tschechien bereits mit eigenen Tochterunternehmen vertreten sind.

Mehrere Firmen stellen die Erwartungen an Berlin als Ost-West-Drehscheibe unter den Vorbehalt einer stabilen Entwicklung der mittel- und osteuropäischen Länder.Als Vorzug streicht etwa der Waschmittelhersteller Henkel die "Bedeutung als Tor zum Osten, insbesondere im Fall der Konsolidierung Rußlands" hervor.Die Deutsche Telekom AG, die in der deutschen Hauptstadt das wohl dichteste Glasfasernetz der Welt installiert hat, setzt auf die engere Verflechtung mit den östlichen Nachbarn.8 Mrd.DM hat der börsennotierte Staatskonzern in den letzten Jahren investiert, mehrere Hundert Mill.DM sind für die kommenden Jahre projektiert.Telekom-Wettbewerber Mannesmann AG verdoppelte in dieser Zeit seine Berliner Belegschaft auf knapp 2 200 und erwartet weitere Zuwächse von der Expansion des Dienstleistungssektors.

Darauf setzt auch die Dienstleistungstochter der Daimler-Benz AG, Debis.Die Region habe gute Chancen, zu einem modernen Dienstleistungsstandort mit einer leistungsstarken industriellen Basis zu werden, sagt Debis-Vorstandschef Klaus Mangold, der sich zugleich als Konzernbeauftragter um Ost- und Mitteleuropa kümmert.Mit über 4 Mrd.DM Investitionsvolumen ist Daimler-Benz einer der größten privaten Investoren in Berlin.

Die Auswirkungen des Regierungsumzugs sorgen bei den Bauunternehmen für eine immer noch gute Auftragslage, aber nicht unbedingt für gute Stimmung.Das Volumen stimme, "allerdings zu unbefriedigenden Konditionen", heißt es bei der Strabag AG.Auf Bauaufträge hofft auch die RWE-Tochter Hoch-Tief AG, die sich in einem Konsortium um den Bau des Großflughafens Schönefeld bewirbt.Derzeit beschäftigt RWE im Großraum Berlin an die 8 500 Mitarbeiter."Die Zahl würde sich mit weiteren Engagements - etwa im Fall des Flughafens - mehr als verdoppeln", heißt es in Essen.Der soll nach bisherigen Planungen 2006 in Betrieb genommen werden.Nach Auffassung vieler Firmen kommt das zu spät."Der größte Nachteil ist die noch unzureichende Infrastruktur, insbesondere in den Bereichen Straßen- und Luftverkehr", erklärt Mannesmann im Einklang mit anderen Firmen.

Auch die Kölner Ford AG, die in Berlin mit einem größeren Zulieferbetrieb vertreten ist, beklagt die "nach wie vor problematische Verkehrsanbindung" und zu hohe Energiekosten.Für den Berliner Pharmakonzern Schering AG ist "die einmalige Wissenschafts- und Forschungslandschaft" das schlagende Argument für Berlin.Gerade im Bereich der Gen- und Biotechnologie werde sich Schering weiter stark engagieren.Investitionen von 730 Mill.DM während der vergangenen fünf Jahre sollen nun weitere 400 Mill.DM bis 2001 folgen.

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