Modianos Roman "Unfall in der Nacht" : Wachtraum

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Mag sein, dass sie besondere Erinnerungskünstler sind, die Franzosen. Marcel Proust mit seiner Madeleine und all dem, was sie heraufbeschwört aus den Tiefen des Vergessens. Der Künstler Christian Boltanski, der den verblichenen Spuren folgt, die Fotos, Kleider, Lebensläufe legen. Oder eben Patrick Modiano. In seinem neuen Buch „Unfall in der Nacht“ sind es die Spuren der Kindheit, die den Erzähler umtreiben. Ein Autounfall, eine rätselhafte Frau, die ihn im Krankenhaus besucht, eine Jugendliebe und immer wieder Begegnungen mit dem Vater: schwebende Episoden, sie rauschen vorbei wie das Erwachen nach der Narkose, wenn man danach hascht, zerrinnen sie zwischen den Fingern. Nicht unbedingt ein Roman, dieses Buch, auch wenn es eine Handlung gibt, die Suche nach einer geheimnisvollen Schönen, einem unheimlichen Geschäftsmann, einem wassergrünen Fiat. Zuletzt ein tastendes Happy-End. Eher ein Bewusstseinsstrom, ein langer schöner Traum auf den nächtlichen Straßen von Paris. Man mag gar nicht aufwachen, in Berlin.

Patrick Modiano: Unfall in der Nacht. Roman. Aus dem Französischen von Elisabeth Edl. Hanser Verlag, München. 144 Seiten, 15, 90 €.

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