Möbelkonzern : Die dunkle Seite von Ikea

Das positive Image von Ikea-Gründer Ingvar Kamprad ist erlogen, behauptet Johan Stenebo. Der Insider enthüllt miese Geschäftspraktiken.

André Anwar

Stockholm - Um Ikea-Gründer Ingvar Kamprad ranken sich viele Geschichten. Die meisten sind positiv. Den inzwischen 83-jährigen Eigenbrödler machte seine geniale Geschäftsidee, aktuelle Design-Möbel billig zu verkaufen, indem sie der Kunde selbst zusammenbaut, zu einer weltweiten Unternehmerlegende und zum unangefochtenen Nationalhelden Schwedens. Letzteres vor allem, weil sein Image den gigantischen wirtschaftlichen Erfolg mit der typisch antielitären schwedischen Bescheidenheit und Bodenständigkeit verbindet. Kamprad tritt auf als schrulliger, aber sympathischer Kauz, der ähnlich wie der schwedische König unter einer Lese- und Schreibschwäche leidet, in Interviews ein bisschen begriffsstutzig wirkt und am liebsten den Bus nimmt, um das Benzin für seine alte Klapperkiste einzusparen. Gleichzeitig ist er einer der reichsten Männer der Welt.

Doch dieses Image ist erlogen, behauptet Johan Stenebo. Der Topmanager hatte sich innerhalb von zwanzig Jahren vom Trainee zum persönlichen Assistenten Kamprads hochgearbeitet und war zuletzt die rechte Hand des Patriarchen. Nun hat er ein Buch geschrieben: „Die Wahrheit über Ikea“. Darin beschreibt Stenebo seinen Ex-Chef als jemanden, der seine Mitarbeiter mit stasiähnlichen Methoden überwacht und keine moralischen Skrupel bei der Auswahl seiner Zulieferer hat. So sei es üblich, billiges Holz aus geschützten chinesischen und sibirischen Wäldern zu beziehen.

Stenebo verließ das Unternehmen vor neun Monaten und ist der erste Insider in der 60-jährigen Geschichte des Möbelkonzerns, der auspackt. Er selbst nennt Ikea „eine der verschlossensten Firmen der Welt“, in der alle höheren Mitarbeiter Kamprad „Treue bis in den Tod“ geloben müssen. Diese Treue hat Stenebo jetzt aufgekündigt. Er teilt kräftig aus. Kamprads zur Schau gestellter Geiz habe vor allem die Sparkultur im Konzern rechtfertigen sollen, schreibt er. Ikea betont, in dem Unternehmen verdiene niemand viel. Doch eine schwedische Zeitung enthüllte kürzlich, dass die höheren Manager, die offiziell keinen Bonus erhalten, Belohnungsgelder aus einem Steuerparadies überwiesen bekommen.

„Die Firma lässt sich besser lenken, wenn Kamprad sich selbst als asketischen und dümmlichen Greis darstellt“, sagt Stenebo. Zudem drücke die „kleinbürgerliche Fassade“ die Einkaufspreise bei den Zulieferern. Es sei erlogen, dass der wegen Steuervorteilen in der Schweiz wohnende Konzernchef sich am wohlsten in einem rustikalen Häuschen in seiner idyllischen südschwedischen Heimat Småland fühle, dort selbst Einweggeschirr zweimal benutze, auf einem uralten Ikea-Sofa weile und für Schweden typische Probleme wie übertriebenen Alkoholgenuss oder schlechte Englischkenntnisse zur Schau stelle. Kamprad sei in Wirklichkeit ein harter, diktatorischer Typ, der abweichende Menschen nicht schätze. Zwar sei das Kassenpersonal gemischt, aber ethnische Minderheiten finde man ein paar Stufen höher nicht mehr im Konzern.

Bereits bekannt ist, dass Kamprad in seiner Jugend in Nazi-Kreisen aktiv war. Das wurde ihm in Schweden aber längst als Jugendsünde verziehen. Stenebo räumt ein, dass Kamprad diesen Teil der Vergangenheit ehrlich bereut. Das Familienunternehmen sei dennoch von einer rassistischen Unternehmenskultur geprägt. Höhere Angestellte würden Schwarze abfällig als „Neger“ bezeichnen. Kamprads Sohn Peter, der in fünf Jahren die Leitung übernehmen soll, wird von Stenebo gar als inkompetenter Rassist bezeichnet, der auf Ausländer und auf Frauen herabschaue. Ikea selbst teilte den Medien knapp mit, man kommentiere das Buch nicht. Es sei die Meinung einer Privatperson.André Anwar

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