Mögliche Übernahme durch Peugeot-Mutterkonzern : Welche Zukunft hat Opel?

Der deutsche Autokonzern Opel steht überraschend vor einem Verkauf an die Peugeot-Mutter PSA. Droht nun ein weiterer Arbeitsplatzabbau und wie reagiert die Politik? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

C. Eubel[R. Obertreis],M. Fiedler[R. Obertreis],A. Sirleschtov
Achtung Opel, bald könnte der deutsche Autobauer einen neuen Eigentümer haben.
Achtung Opel, bald könnte der deutsche Autobauer einen neuen Eigentümer haben.Foto: Reuters

Nach der überraschenden Nachricht von der geplanten Übernahme durch den französischen Autokonzern PSA schwankt die Stimmung bei Opel zwischen Verwunderung, Ratlosigkeit, aber auch Schock. Zumindest das Top-Management, das angeblich auch erst am Dienstagmorgen von der Verkaufsabsicht des Mutterkonzerns General Motors (GM) erfahren haben will, sollte am Mittwoch nähere Informationen erhalten: GM-Chefin Mary Barra und Opel-Aufsichtsratschef Dan Ammann kamen nach Rüsselsheim und informierten Opel-Chef Karl-Thomas Neumann über die Pläne.

Wie nehmen die Beschäftigten die Nachricht auf?

Niemand habe mit einer Übernahme durch den Autokonzern PSA gerechnet, sagt ein langjähriger Opelaner. Am Mittwoch sprachen alle darüber, aber die Informationen seien noch dünn. „Panik ist nicht zu spüren“, sagt der Opel-Angestellte. Zumal man ja mit den PSA-Marken Peugeot und Citroen zusammenarbeite und die Partnerschaft gut funktioniere. Generell sei die Stimmung bei Opel deutlich besser als 2009, als das Unternehmen auf dem Tiefpunkt stand und es fast zum Verkauf an den österreichisch-kanadischen Autozulieferer Magna gekommen war.

Wie ist die aktuelle Lage bei Opel?

Die Modelle, die Opel zuletzt auf den Markt gebracht hat, werden durchweg gelobt. Absolut wettbewerbsfähig nennt sie Branchenkenner Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler. Der neue Astra war 2016 in Europa ein Verkaufsschlager, in Kürze kommt das neue Top-Modell Insignia zu den Händlern, und auch das Elektro-Fahrzeug e-Ampera mit einer Reichweite von bis zu 500 Kilometern geht in diesem Jahr in den Verkauf. 2016 wurden in Europa knapp 980 000 Opel neu zugelassen, ein Plus von 5,4 Prozent. Allerdings schreibt der Autobauer seit 1999 keine schwarzen Zahlen mehr. Von 2006 bis 2016 häuften sich vor Steuern und Zinsen Verluste von mehr als 15 Milliarden Euro an.

Wie steht es um das Image der Marke?

Das hat sich deutlich verbessert, vor allem seit die ehemalige Henkel-Managerin Tina Müller die Verantwortung übernommen hat. Mit dem Werbeslogan „Umparken im Kopf“ und guten Ideen hat sie das Image der Marke nach vorne gebracht. Verantwortlich dafür ist auch der langjährige Werbepartner Jürgen Klopp. Trotzdem sei der Weg zur Kundschaft noch weit, sagt Pieper.

Warum kommt das Unternehmen trotzdem nicht so richtig aus dem Tief?

Opel musste seit 2014 herbe Rückschläge in Russland und der Türkei verkraften. Hinzu kommen aktuelle Brexit- Folgen, das Geschäft der Schwestermarke Vauxhall wird auf dem britischen Markt durch das schwache Pfund extrem schwierig. Zudem bewegt sich Opel in Fahrzeugsegmenten, die faktisch überbesetzt sind. Die Konkurrenz ist mit VW, Seat, Skoda, Fiat, Ford, Peugeot, Citroen, Renault und den japanischen und koreanischen Herstellern massiv.

Welche Einschnitte gab es zuletzt?

Opel hat seit 2008 rund 20 000 Stellen abgebaut, die Werke in Bochum, Antwerpen und in Portugal wurden geschlossen. Tausende von Arbeitsplätzen sind dort weggefallen. Allerdings gibt es für die drei deutschen Werke in Rüsselsheim, Kaiserslautern und Eisenach einen Standortsicherungsvertrag und eine Bestandsgarantie, die bis ins Jahr 2022 gilt.

Was verspricht sich PSA von einer Opel-Übernahme?

Der Konzern ist zwar mit drei Millionen produzierten Autos groß, aber im Vergleich etwa zu VW immer noch klein. Mit Opel könnten die Franzosen ein gutes Stück aufholen und Vorteile aus einer besseren Auslastung der Fabriken, aus einer größeren Einkaufsmacht und einer gemeinsamen Entwicklung ziehen. Branchenkenner Pieper ist sich sicher, dass PSA Opel zudem bedeutend mehr Freiheiten lasse als GM. Die Amerikaner hätten die deutsche Tochter immer geknebelt. Auch sind die Modellpalette von Opel und Peugeot/Citroen sehr ähnlich, andererseits kooperieren beide Firmen bei drei Modellreihen. Das klappe gut, ist zu hören. Zudem seien die Plattformen für die Fahrzeuge sehr ähnlich, sagt Pieper.

Droht ein weiterer Arbeitsplatzabbau?

Dazu gibt es widersprüchliche Meinungen. Die Gefahr sei nicht so groß, glaubt Pieper, das entspreche nicht der Mentalität französischer Unternehmen. Außerdem seien die Opel-Mitarbeiter hochqualifiziert und loyal. Unter der Regie von GM seien die Arbeitsplätze viel stärker gefährdet. Pieper glaubt auch, dass die Franzosen drei bis vier Milliarden Dollar für Opel überweisen müssten, wenn Opel ab 2020 wieder Geld verdient. Die Rüsselsheimer hätten Vermögenswerte, gute Produkte und viel Technologie in der Pipeline. Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen sieht das anders. Er glaubt, dass bei einer Übernahme durch PSA mindestens ein Drittel der gut 14 000 Arbeitsplätze in Rüsselsheim wegfallen. Auch die Werke in Kaiserslautern und Eisenach sieht er in Gefahr. Und auch beim Kaufpreis ist er anderer Meinung: Wegen der Verluste müsse PSA eigentlich für den Kauf sogar noch etwas dazu bekommen.

Wie reagiert die Politik?

Besorgt wie vor fast genau acht Jahren auch. Im März 2009 war Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sogar nach Rüsselsheim gekommen und hatte ihre Unterstützung zugesagt. Nun diskutiert das Bundeskabinett über den möglichen PSA-Verkauf. Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD) und Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) wollen mit ihren Kollegen in Paris sprechen. PSA-Chef Carlos Tavares zeigt sich offen für Gespräche mit Kanzlerin Merkel. Faktisch aber ist ein möglicher Verkauf von Opel durch General Motors an PSA ein privatwirtschaftliches Geschäft, auf das die Politik wenig bis keinen Einfluss hat. Sie kann allenfalls appellieren, dass durch die Übernahme keine Standorte infrage gestellt werden und auch keine Arbeitsplätze wegfallen dürften. Der wirtschaftspolitische Sprecher der Grünen im Bundestag, Dieter Janecek, erwartet, „dass Peugeot die Übernahme von Opel dazu nutzen wird, noch stärker in Elektromobilität zu investieren“. In diesen Markt werde mehr Geschwindigkeit kommen, prognostiziert Janecek. „Die deutschen Autohersteller müssen zusehen, dass sie dabei nicht völlig ins Hintertreffen geraten“, sagte der Grünen-Politiker dem Tagesspiegel.

Was macht die Bundesregierung?

Für die neue Wirtschaftsministerin Zypries, die vor Kurzem die Nachfolge von Sigmar Gabriel (SPD) angetreten hat, ist der Kampf um den Erhalt der 20 000 Arbeitsplätze die erste große Herausforderung. Sie wollte am Mittwoch mit ihrem französischen Pendant Michel Sapin telefonieren. Das Bundeswirtschaftsministerium sei auch mit den Arbeitnehmervertretern in Kontakt, sagte eine Sprecherin. Ziel sei es, den weiteren Prozess eng zu begleiten, die Arbeitnehmer miteinzubeziehen und „volle Transparenz“ herzustellen. Zudem telefonierte Zypries mit den Regierungschefs der drei Bundesländer mit Opel-Standorten. Auch das Verkehrsministerium unter Alexander Dobrindt (CSU) wird sich an den Gesprächen beteiligen. „Die Bundesregierung ist an einer erfolgreichen Zukunft von Unternehmen und Standort interessiert“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Die Kanzlerin hält sich noch zurück. Zu Berichten, laut denen PSA-Peugeot-Chef Tavares mit Merkel sprechen will, sagte Seibert: „Es hat noch keine offizielle Anfrage gegeben.“ Merkel schließe ein solches Gespräch zwar nicht aus, aber zunächst seien die Fachminister am Zug.

Seit wann weiß die Bundesregierung davon?

Am Montag hatte sich Merkel mit dem französischen Premierminister Bernard Cazeneuve getroffen, doch Opel war laut Seibert kein Thema. Das ist verwunderlich – der französische Staat ist an PSA Peugeot beteiligt. Es steht die Frage im Raum, ob die französische Regierung von einer Transaktion in dieser Größenordnung nicht hätte wissen müssen. Die Deutschen jedenfalls haben laut offiziellem Sprachgebrauch „kurzfristig“ von der möglichen Übernahme erfahren. Wann genau, wollte Regierungssprecher Seibert auf Nachfrage nicht beantworten.

Was hat die Politik 2009 erreichen können?

Als General Motors während der Finanzkrise selbst ins Schlingern geriet und die Zukunft Opels auf dem Spiel stand, mischte sich die Bundesregierung ein. Zwar sei das Unternehmen nicht „systemrelevant“, sagte Merkel damals und lehnte eine staatliche Beteiligung ab. Darlehen und Bürgschaften hielt sie aber für möglich. 2009 zeichnete sich zunächst eine Übernahme Opels durch den Autozulieferer Magna ab. Bund und Länder zeigten sich bereit, einen Kredit für Magna in Höhe von 4,5 Milliarden Euro zu stemmen. Doch schließlich wurde der Verkauf abgesagt, weil GM gestärkt aus dem Insolvenzverfahren hervorgegangen war.

Werden die Landespolitiker in Thüringen, Rheinland-Pfalz und Hessen kooperieren?

Die Landesregierungen der betroffenen Standorte sind überrascht worden. Aus dem Wirtschaftsministerium in Thüringen heißt es aber, dass man sich mit Hessen und Rheinland-Pfalz abstimmen wolle. Ob sich hier eine Taskforce bilden wird, ist unklar. Sicher ist nur, dass auf politischer Ebene Gespräche stattfinden werden. Dabei ziehen dann drei Landesregierungen unterschiedlicher politischer Couleur an einem Strang. Am Mittwoch konferierte die drei Ministerpräsidenten telefonisch mit D Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD). Dabei seien auch mögliche Vorteile einer solchen Verbindung in den Blick genommen worden, sagte die rheinland-pfälzische Regierungschefin Malu Dreyer (SPD) am Mittwoch in Mainz. Auch das Opel-Management in Rüsselsheim, Betriebsräte und die IG Metall seien an den Beratungen beteiligt gewesen. Die Gespräche seien zwar noch nicht abgeschlossen, sagte Dreyer. „Generell kann man aber sagen, dass man das nicht so negativ sehen muss, sondern dass sich aus dieser Konstellation auch positive Effekte ergeben können“, sagte Dreyer. So sei PSA in Frankreich und Südeuropa stark vertreten, während Opel in Deutschland, England und Osteuropa seine wichtigsten Absatzmärkte habe. Sie kritisierte die „Kommunikationspolitik“ der Unternehmen, „ohne die erforderliche Mitbestimmung der Arbeitnehmer“. Der weitere Prozess werde nun aber eng begleitet, auch auf Bundes- und Landesebene.

Was fordern die Gewerkschaften?

Von den Verkaufsgesprächen wurden die IG Metall und der Gesamtbetriebsrat bei Opel kalt erwischt. Dies sei „eine beispiellose Verletzung sämtlicher deutscher wie europäischer Mitbestimmungsrechte“, schimpfen die Arbeitnehmervertreter in einer ersten Stellungnahme. Ehemalige Betriebsräte des Unternehmens fürchten, dass mit der Übernahme zahlreiche Entlassungen einhergehen könnten. „Da tun sich zwei zusammen, die das Gleiche produzieren, den gleichen Markt abdecken und wahrscheinlich Überkapazitäten haben“, sagt Rainer Einenkel, früher Betriebsratschef des mittlerweile geschlossenen Opel-Werks in Bochum. „ Da werden mit Sicherheit Werke auf der Strecke bleiben – und das werden mit Sicherheit keine französischen Werke sein.“ (mit dpa)

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