Wirtschaft : Montags Papa, dienstags Chef

Flexible Arbeitszeitmodelle liegen im Trend – auch Führungspositionen sind heute in Teilzeit machbar.

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Durchatmen vor dem Durchstarten. Wer seine Arbeitszeit reduziert, schafft Raum für neue Perspektiven – Zeit für die Familie, mehr Muße für die eigene Kreativität. Vor allem Höherqualifizierte sollten einen solchen Schritt gut planen und Prioritäten setzen. Sonst besteht die Gefahr, dass sie in weniger Zeit das gleiche Arbeitspensum erledigen müssen. Foto: fotolia
Durchatmen vor dem Durchstarten. Wer seine Arbeitszeit reduziert, schafft Raum für neue Perspektiven – Zeit für die Familie, mehr...Foto: cirquedesprit Fotolia

Zu Hause bei Bernhard Krauß blüht der Garten, die Garage ist freigeräumt, erst neulich hat Krauß die Pflastersteine auf dem Gehweg mit einem Hochdruckreiniger gesäubert. Es sind all die Dinge, die er früher wochenlang vor sich hergeschoben hat, die er nun Stück für Stück erledigen kann. Oft ist das zwischen Frühstück vorbereiten und Bohnen fürs Mittagessen schnippeln, wenn die Kinder in der Schule und im Kindergarten sind – und zwar immer montags, wenn Bernhard Krauß seinen Tag hat, den er allein seiner Familie und seinem Zuhause widmet.

Der 40-jährige Marketing-Manager bei Bosch in Leinfelden-Echterdingen hat seit vergangenem Oktober seine Arbeitswoche von 40 auf 32 Stunden reduziert. Er wollte mehr für seine Familie da sein, mehr Zeit für den achtjährigen Sohn und die sechsjährigen Zwillingsmädchen haben. „Jetzt, in der Phase, wo sie noch keine Teenager sind und ihre Eltern mehr brauchen, da möchte ich auch mehr für meine Kinder da sein“, sagt Krauß. Deshalb erklärte er seiner Vorgesetzten im vergangenen Jahr, dass er sich für eines der flexiblen Arbeitszeitmodelle des Unternehmens entschieden habe.

Auch in Führungspositionen ist eine 32-Stunden-Woche heute denkbar. Die Unternehmen wollen ihre Mitarbeiter motivieren und ihnen mehr Raum für Kreativität geben – bei Bernhard Krauß hat das funktioniert. „Ich habe Ideen, auf die ich früher nicht gekommen wäre“, sagt er nach zehn Monaten in Teilzeit. Er hat jetzt sogar Muße, hin und wieder an seinem Roman zu arbeiten. „Das macht den Kopf frei“, sagt er. Im Kampf um qualifizierte Arbeitskräfte versuchen Unternehmen, ihre Arbeitsplätze möglichst attraktiv zu gestalten, um so Fachkräftemangel und demografischem Wandel entgegenzutreten. Geht es jedoch um weniger qualifizierte Stellen, geht der Trend deutlich in die Richtung einer Erhöhung der Lebensarbeitszeit.

Bernhard Krauß steht montags zwischen sechs und halb sieben Uhr auf. Die Kinder wollen frühstücken, Zähne müssen geputzt, Schulsachen gepackt werden. Wenn er die Zwillinge in den Kindergarten gebracht hat, überlegt Krauß, was er für das Mittagessen einkaufen soll. Es ist auch Arbeit, was er da macht. Aber die Belohnung ist mehr als ein Gehaltsscheck: „Es ist schön, wenn die Kinder nicht mehr 20 Mal am Tag nach der Mama rufen, sondern auch mal mit dem Papa Flöte üben wollen.“ Dann weiß Bernhard Krauß, dass seine Kinder spüren, dass auch er für sie da ist.

Mehr Zeit für die Familie, gesundheitliche Beschwerden, die Pflege eines Angehörigen – die Gründe, in Teilzeit zu gehen, können vielfältig sein. Es hänge von einzelnen Lebensphasen ab, welche Ansprüche man an die Arbeitszeit stelle, sagt Andreas Splanemann, Pressesprecher von Verdi im Landesbezirk Berlin-Brandenburg. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf steht dabei ganz weit oben.

Vor 15 Jahren noch hatte man gehofft, dass man durch eine generelle Arbeitszeitverkürzung neue Arbeitsplätze schaffen könne, sagt Splanemann. „Aber das hat nicht funktioniert.“ Mit einer verkürzten Arbeitszeit wurde eingespart, statt neue Arbeitsplätze zu schaffen – oft mit dem Resultat, dass die Arbeitnehmer mit weniger Zeit die gleiche Arbeit stemmen mussten. Genau hier liege auch die Falle, sagt Splanemann. „Dann passiert es, dass man zwar formell weniger arbeitet, aber trotzdem das gleiche Arbeitsvolumen hat.“ Deshalb setze sich Verdi zwar für Arbeitsverkürzungen ein, jedoch nur mit vollem Lohn- und mit Personalausgleich.

Bernhard Krauß muss sich gut organisieren. Im Prinzip hat er als Marketing-Manager die gleichen Aufgaben wie vorher. Doch montags vertritt ihn eine Mitarbeiterin, außerdem überlegt sich Krauß jetzt bei jeder Sitzung, ob es wirklich wichtig ist, dass er dabei ist. „Ich gehe die Dinge effizienter an und überlege daher auch mal eher, ob ich zwingend an jeder Besprechung teilnehmen muss“, sagt er. Seine Termine organisiert er früher, setzt andere Prioritäten. Die Erfahrung zeigt: Nicht alles muss sofort getan werden.

Gerade in höherqualifizierten Positionen sei es wichtig, sich diese Gedanken zu machen, wenn man in Teilzeit geht, sagt Jan Dettmers, Juniorprofessor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Hamburg. Schließlich sind hier die Aufgaben oft weniger genau definiert als in Jobs, bei denen jeder Tag die gleichen Arbeitsabläufe bringt.

Generell, sagt Dettmers, seien die Zusammenhänge ziemlich eindeutig: Mit steigender Arbeitszeit steigen auch die Fehleranfälligkeit und die gesundheitlichen Beschwerden, die Produktivität sinkt. Die meisten Studien vergleichen jedoch eine 35- bis 40-Stunden-Woche mit 50 bis 60 Stunden Wochenarbeitszeit – es geht also um überlange Arbeitszeiten. Eine Schwelle liege auf jeden Fall beim 8-Stunden-Tag, sagt Dettmers. „Bei Arbeitsspannen von über acht Stunden steigt die Fehleranfälligkeit. Außerdem braucht man länger, um sich davon zu erholen.“ Zur 32-Stunden-Woche gibt es bislang kaum Untersuchungen.

Aus Arbeitgebersicht geht es oft um eine Flexibilisierung der Arbeitszeit, zum Beispiel über Arbeitszeitkonten. „Flexible Arbeitszeiten entsprechen den Bedürfnissen von Betrieben und Arbeitnehmern besser als eine starre 32-Stunden-Woche“, sagt Mandy Reichel, zuständig für Lohn- und Tarifpolitik bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). Dabei wolle man besonders auch die Leistungsfähigkeit bis ins hohe Alter erhalten. Verdi-Sprecher Andreas Splanemann dagegen warnt vor zu viel Flexibilität, vor allem was die digitale Erreichbarkeit betrifft. „Das liegt auch am Hang vieler Beschäftigter zur Selbstausbeutung“, sagt er. Der Drang zu mehr Flexibilität verwische die Arbeitszeitmodelle, wenn man immer erreichbar ist.

Ob er irgendwann wieder in Vollzeit gehen wird, kann Marketing-Manager Bernhard Krauß jetzt noch nicht sagen. Fest steht: Die Entscheidung, auf Teilzeit umzusteigen, hat er keinen Moment bereut. Die neuen Aufgaben machen ihm Spaß und beflügeln ihn auch in der Arbeit. Nach zwei, drei Jahren wird er sich dann noch einmal mit seiner Frau zusammensetzen und neu entscheiden.

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