Wirtschaft : Montenegro: Warten auf die Massen

Caroline Fetscher

Der Mann ist ein Abbild des Optimismus. Er verliert die gute Laune so wenig wie den Kopf, und all das ganz ohne amerikanische Attitüde. Johann-Friedrich Engel, Tourismusexperte, hat einfach immer wieder erlebt, dass seine Geschäftsideen klappen, dass sie wachsen und Früchte tragen. Engels derzeitiges Projekt hat einen noch kaum bekannten, wenngleich schön tönenden Namen: Montenegro.

Montenegro, Teilrepublik des übrig gebliebenen Jugoslawien und einstiges Königreich an der Adria, war von den sechziger Jahren bis 1990 ein Ferien-Eldorado sowohl der italienischen Schickeria wie auch der Charter-Touristen aus Deutschland, England, Skandinavien. Die Sandstrände, Häfen, Buchten und Felsküsten der Republik sind noch immer gesäumt von leer stehenden Hotelhochhäusern der Tito-Ära. Ebenso findet man am türkisfarbenen Wasser osmanische Festungen und feine, steinerne Villen aus venezianischen und italienischen Tagen. Insgesamt, sagt Engel, "ideale Voraussetzungen für künftigen Tourismus". Grafik: Übernachtungen in Montenegro Der, so hofft er, soll sich in den kommenden Jahren als eines der hochwertigsten und einträglichsten Szenarios im gesamten Mittelmeerraum präsentieren. Bewusst ist diese Chance auch den Verantwortlichen für den EU-Stabilitätspakt Südosteuropa. Dessen Mittel fließen unter anderem an das bundesdeutsche Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ). Das BMZ wiederum beauftragte die Deutschen Entwicklungs- und Investitionsgesellschaft (DEG) in Köln mit einem "Masterplan for Tourism in Montenegro", den Engel im Auftrag der DEG vergangene Woche vorlegte. Das tausend Seiten starke Werk will beiden Seiten gleichermaßen Gewinn bringen: Investoren wie Montenegrinern.

Die Chancen stehen gut. Schon vor zwanzig Jahren, zehn Jahre ehe der Markt durch die Balkankriege Milosevics kollabierte, sah der Tourismuskonzern TUI in der Küste Montenegros das größte Potential für den Mittelmeertourismus. Seit April 2001 sitzt der Diktator im Gefängnis, das ganze Land beginnt einen Neustart - und der Tourismus gehört an erster Stelle dazu.

In diesen Tagen und Wochen sind die Investoren unterwegs, um die Filetstücke der Republik Montenegro zu besichtigen: "Es wird ein Marathon", prophezeit James Burba, Vizepräsident der kalifornischen Firma WAT & G (Wimberley Allison Tong and Goo), die als Hoteldesigner- und Projektentwickler auf allen Kontinenten des Globus tätig ist. Burba, Ex-Präsident der Travel and Tourism Marketing Association in den USA, sprach Ende Mai vor über hundert Investoren aus dem Westen auf einer Konferenz im montenegrinischen Kurort Herceg Novi. Der Eindruck, den die Versammlung im einst weltberühmten 550-Betten-Kurhotel Igalo vermittelte, sprach für sich: Ab 2002 oder 2003 rechnen die potentiellen Investoren mit Rendite, zugreifen wollen die Mächtigsten jetzt schon - um die günstigsten Konditionen zu erhalten.

Von Reiseveranstaltern wie TUI, ITS und C & N bis hin zu Consultants wie Price Waterhouse Coopers waren sie nach Herceg Novi gepilgert. Neuland wird in Montenegro erobert, in der Branche, und "Go South-East" heißt die Devise. Wie groß sie hier jeweils einsteigen wollen, zwischen Meer und Bergen, darüber mögen die Veranstalter heute noch nicht offen sprechen. Doch dass sie es wollen, daraus machen sie keinen Hehl. Montenegro, dem über kurz oder lang Unabhängigkeit von Serbien vorausgesagt wird und das vom noch kriselnden Mazedonien hunderte von Kilomtern getrennt liegt, wird über kurz oder lang seine Touristenschwemme erleben - mit allen Chancen und Risiken.

Zweites Mallorca auf dem Balkan

Keine Branche außer dem Internet ist so international wie der Tourismus, dem die World Trade Organisation in einer Studie von 1999 "Unstoppable Growth" voraussagte. Bis 2010, heißt es da, sollen eine Milliarde Menschen den "grenzüberschreitenden Verkehr" ausmachen. Heute sind es 700 Millionen - 59 Prozent davon entfallen auf Europa. Dass dabei der mediterrane Raum eine Hauptrolle spielt, ist bekannt. Ralf Corsten, Kopf der Hapag Touristik Union, die während der Saison täglich für eine Million Touristen aus Deutschland verantwortlich ist, schätzt, dass sich die Zahl der deutschen Urlauber im Mittelmeerraum in den kommenden zwanzig Jahren verdreifachen wird.

Der Hunger der Massen nach unbekannten Gefilden kann ein Ziel wie Montenegro, da ist sich Experte Engel sicher, enorm lukrativ werden lassen. Ein "zweites Mallorca" sieht er am Horizont. Die Grundfläche von Montenegro ist mit knapp 14 000 Quadratkilometern sogar etwa viermal größer als Mallorca. Doch, fügt Engel hinzu, "von den Tourismus-Erfahrungen in Malta, Zypern oder Tunesien kann Montenegro jetzt lernen, und wirtschaftlichen wie ökologischen Fehlern vorbeugen, im Sinne der Einheimischen wie der Besucher." Engel, so handfest in der Marktanalyse wie begabt im Ausfeilen neuer Produkte, erfand unter anderem für die TUI den "Club Robinson". Heute ist er Geschäftsführer seiner eigenen Rostocker GmbH "Creatop", Visionen sind sein Business. Als hochbezahlter Globetrotter ist er unterwegs, begehrt von Südostasien bis Südosteuropa.

Drei Jahrzehnte Know-how hat er im Tourismus-Business gesammelt, und die Region, die er derzeit erschließen hilft, ist ihm gut bekannt: Ehe er im Auftrag der Bundesrepublik den eben erschienen "Masterplan for Tourism in Montenegro" schrieb, verfasste Engel einen ähnlichen Plan für Kroatien. Dort machte ein Zuwachs von 30 Prozent an Übernachtungen das Land im vergangenen Jahr zu einem Hit der Saison. "Cum grano salis" müsse man das zwar genießen, sagt der Experte, denn die Ausgangsposition war relativ mager. Aber: Zuwachs ist Zuwachs, Trend ist Trend.

Sollen die von den Balkankriegen an den Rand des Ruins getriebenen Länder sich ökonomisch erholen, gibt es, jedenfalls für die Anrainer der 1777 Kilometer langen Adriaküste gegenüber von Italien vor allem die eine Kur: Besucher. Besucher an den Stränden und Steilküsten, in den Bergschluchten und auf den Wildwasserflüssen, an den Seen und in den alten Klöstern und Moscheen. Engels Konzept, indirekt auch unterstützt von einem neun Millionen Mark schweren Projekt der Kreditanstalt für Wiederaufbau zur Abwasserreinigung an der Küste, setzt zunächst auf die einzelnen Reisenden, denen es um Landschaft und Leute geht, erst in den kommenden Jahren auf die Massen.

280 000 Fremdenbetten soll das Land laut "Masterplan" im Jahr 2020 aufweisen, und knapp 26 Millionen Übernachtungen pro Jahr. Das scheint hoch gegriffen, bedenkt man, dass Experten wie Engel heute für maximal 3000 Betten der Republik westlichen Standard diagnostiziert. Kritisch, hart und realistisch ist auch Engels Analyse weiterer Faktoren, die Investoren zu schaffen machen: Das Land habe ein Imageproblem, erklärt er, da es kaum bekannt sei, und im Westen noch immer mit Nachbarländern verwechselt werde, die in die Balkankriege verstrickt waren. Ungenügend geregelt sind administrative Verfahren beim Erwerb von Pacht oder Besitz, nicht zeitgemäß geschult ist das Personal. Entweder haben Hotelfachkräfte seit einem Jahrzehnt kaum in ihren Berufen gearbeitet - es gab nur noch Lokaltourismus -, oder sie sind ins Ausland abgewandert. Aber, so Engel: "Das hat den entscheidenden Vorteil, eine Ferienregion komplett neu erfinden zu können, einen neuen Namen, ein neues Image. Nichts an Montenegro ist langweilig."

Schmuggel und Schwarzmarkt

Montenegros Küste erstreckt sich über 200 Kilometer südlich von Dubrovnik bis an die Grenze zu Albanien und gilt als die schönste des Adria-Raumes. Wie ein weiser Bruder, der den Streit der Großen nicht mitmacht, hat sich die kleine jugoslawische Teilrepublik Montenegro fast zehn Jahre lang aus den Kriegen und Konflikten der Region herausgehalten, und vieles dabei riskiert. Während Milosevic die Reste Jugoslawiens in den Ruin trieb, etablierten sich in Montenegro unter Präsident Milo Djukanovic unabhängige Nachbarn, die Ende 1999 sogar als Währung die Deutsche Mark statt des jugoslawischen Dinar einführten. Doch mit dem Kapital, das im Land zirkuliert, ist es nicht weit her.

Auch Montenegro war von den Wirtschaftssanktionen während der Konflikte betroffen, und beziffert sein heutiges Budgetdefizit auf 100 bis 120 Millionen Dollar. Größtes Kapital des 650 000 Einwohner zählenden Landes sind seine lernbegeisterten Jugendlichen: Allein 10 000 studieren an der Universität Podgorica, viele von ihnen Wirtschaft, Jura und technische Berufe. Ebenso groß ist das "natürliche Kapital": Die Landschaft, die so variationsreich ist, wie an kaum einem anderen Ort in Europa.

Beim Abschlussdinner für die Investoren aus aller Welt sprach der hochaufgeschossene 33-jährige, pro-westliche Präsident Milo Djukanovic allerdings nicht von diesen Schönheiten. Er hatte es nicht nötig - man dinierte am Meer auf der Terasse der ehemaligen Fischerinsel Sveti Stefan, die 1960 zum Luxushotel umgebaut wurde, Prominente wie Sophia Loren beherbegte und von fast unwirklicher Schönheit ist. Djukanovic sprach vielmehr über die brennendsten Themen dieser Zeit nach den Konflikten, wohl wissend, dass Schmuggel und Schwarzmarkt zum Ruf der heutigen Ökonomie der Republik gehören. Er sprach von Stabilität und Demokratie. Er versprach Rechtssicherheit und die unbürokratische Abwicklung von Geschäften und Verträgen für Ausländer. Seine Rede war freimütig und sollte vor allen eines bedeuten: Ihr seid willkommen. Am kleinen Ehrentisch des Präsidenten saß, wie zu erwarten, der "Masterplaner", Herr Engel aus Rostock.

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