Wirtschaft : Moral zahlt sich aus

Milliarden-Abschreibungen und Riesengehälter machen Unternehmer verdächtig – nicht immer zu Recht

Henrik Mortsiefer

Obszön – ein Wort, das Johannes Rau öffentlich nicht allzu oft in den Mund genommen hat. „Obszön“, so formulierte der scheidende Bundespräsident jetzt in einem Interview, würde er es finden, wenn die Steuerzahler am Ende die Übernahmeschlacht zwischen Vodafone und Mannesmann mitbezahlen müssten.

Der Grund für Raus Empörung: Während vor dem Düsseldorfer Landgericht Millionen-Abfindungen für ehemalige Mannesmann-Manager verhandelt werden, will Vodafone einen Verlustvortrag von 50 Milliarden Euro so geschickt in der Bilanz buchen, dass das Unternehmen für Jahre in Deutschland keine Steuern zahlen muss. Auch wenn die Abschreibungen womöglich legal seien, so Rau. Moralisch rechtfertigen ließen sie sich nicht. Einfach obszön das alles.

Das Stichwort Mannesmann ist zum Reizbegriff in der Debatte um Recht und Moral, Unternehmerethik und Selbstbedienung geworden. Angestoßen von den Skandalen des Neuen Marktes und den Milliardenpleiten von Enron & Co. hat die Diskussion einen grundsätzlichen Charakter bekommen: Gefragt wird nicht mehr nur nach der Moral einzelner Unternehmer, stattdessen geht es ums Ganze. Ist der Wettbewerb an sich unmoralisch? Während die Emotionen hochkochen, sortiert die Wissenschaft ihre Argumente.

Einig scheint sich die Zunft nur in der Einschätzung, dass nicht der Wettbewerb an sich Moral untergräbt, sondern die „Bedingungen, unter denen man die Kräfte des Wettbewerbs loslässt“, wie Peter Ulrich, Leiter des Instituts für Wirtschaftsethik an der Universität St. Gallen formuliert. „Wir wollen den Wettbewerb, weil er Wohlstand schafft, und wir müssen versuchen, die Moral mit dem Wettbewerb und nicht gegen ihn zur Geltung bringen“, sagt auch Karl Homann, Wirtschaftsethiker am Lehrstuhl für Philosophie und Ökonomik der Universität München. Die große Frage aber, die sich verprellte Anleger genauso wie Politiker und Medien stellen: Wie setzt sich die Moral durch?

Der Corporate Governance Index, Leitbilder und Guidelines, berufsständische Verhaltensregeln – die Palette freiwilliger Vereinbarungen in der Wirtschaft, die ethisches Verhalten anregen und kontrollieren sollen, ist seit den Bilanzskandalen erweitert worden. Aber: „Es fehlt an einem aufgeklärten Verständnis von guter Unternehmensführung“, sagt der Wirtschaftsethiker Ulrich. Stattdessen herrsche trotz aller Regeln „die ökonomistische Ideologie vor, dass Unternehmer sich um das Geschäft kümmern sollten – und um sonst nichts“. The business of business is business. Diese Fiktion, so Ulrich, „schwirrt noch durch die Köpfe“. Der Fall Mannesmann zeige, dass neben gesetzlichen Rahmenbedingungen und unternehmerischer Selbstbindung noch etwas nötig sei: „das persönliche Ethos der Führungskräfte“. Der Staat müsse nicht gleich eingreifen. Besser sei es, wenn sich Unternehmer „nicht aufspalten in den reinen Homo Oeconomicus und den Staatsbürger“. Wer Bürgersinn und Erwerbssinn zusammenhalte, bleibe integer.

Doch Unternehmer, die ihr Selbstverständnis umfassender definieren, tun sich schwer. „Wirtschaftsethik ist ein zähes Geschäft“, bringt es Gerhard Hütter auf den Punkt. Hütter ist Vorstandsmitglied des noch jungen Deutschen Netzwerkes Wirtschaftsethik und Mitarbeiter in der PR-Abteilung von Siemens. „Ich würde mich verheben, wenn ich sagen würde, dass ich die Unternehmensethik beeinflussen könnte“, sagt Hütter. Doch die Bescheidenheit ist übertrieben. Deutschlands größter Elektronikkonzern ist in puncto ethische Leitlinien vorbildlich.

Freilich auch aus pragmatischen Gründen: Moral zahlt sich aus, weil sie die Reputation verbessert. Das belegen Studien, wie die des US-Instituts Governance Metrics, das Ende 2003 empirisch nachwies, dass ehrlichere Firmen für ihre Anleger höhere Gewinne erzielten. „Viele große Konzerne handeln nach dieser Strategie: Sie können es sich nicht leisten, dauernd am Pranger der Weltöffentlichkeit zu stehen“, sagt Karl Homann. Und: Es sei gefährlich geworden „Verantwortung vorzuspielen, wo keine ist“, sagt Peter Ulrich. „Die Ernsthaftigkeit wächst.“ Doch die moralischen Vorleistungen der Großkonzerne verbessern noch nicht die Welt. Denn: Moral kann immer ausgebeutet werden, wenn sich nicht alle daran halten.

Die Empörung im Fall Vodafone richte sich im Übrigen an die falsche Adresse, gibt Homann zu bedenken. Angesichts damals geltender Steuergesetze könne man von den Briten nicht verlangen „unter schärfsten Wettbewerbsbedingungen dem Staat ein Geschenk zu machen, wenn es sonst auch niemand tut“, sagt Homann. Dem holländischen Nationalteam hätte man im Spiel gegen Deutschland ja auch kein Extra-Tor geschenkt, selbst wenn der deutsche Sieg sicher gewesen wäre. „Was wir im Sport akzeptieren, tolerieren wir in der Wirtschaft nicht.“

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