Wirtschaft : Mosaik des Lebens

Wer seinem Berufsleben eine neue Richtung geben will, kann sich an Beratungsfirmen wenden. Die Spezialisten fragen nach Wünschen, Werten, Fähigkeiten – und setzen daraus ein manchmal überraschendes Bild zusammen.

von
Steinchen für Steinchen. Ist es wichtiger, viel Geld zu verdienen oder sucht man eher nach einer sinnvollen Arbeit? Wie hat man geheiratet? Was war das wichtigste, das man vom Vater gelernt hat? Aus den Antworten auf solche Fragen erarbeiten Berater mit Ratsuchenden manchmal eine völlig neue Berufsrichtung. Foto: Thilo Rückeis
Steinchen für Steinchen. Ist es wichtiger, viel Geld zu verdienen oder sucht man eher nach einer sinnvollen Arbeit? Wie hat man...

Es war einmal ein Mädchen, das in eine hölzerne Galionsfigur verzaubert wurde und nur zurückverwandelt werden konnte, falls ihr Geliebter, ein Seemann, sie auf dem Meer wiedererkennen und ansprechen würde. Beim dritten von drei Versuchen tat er das tatsächlich. Sie wurde wieder zu einer Frau aus Fleisch und Blut – und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende.

Die Geschichte „Die Galionsfigur“, ist das Lieblingsmärchen von Silja Daum – und zwar, weil es „wahnsinnig rührend ist und eine Geschichte von der Liebe erzählt und davon, niemals die Hoffnung aufzugeben.“ Die Frage nach ihrem Lieblingsmärchen gehörte für Silja Daum zu ihrer Suche nach einem beruflichen Neuanfang: Einen Tag verbrachte die 31-Jährige mit den beiden Journalistinnen Katrin Wilkens und Miriam Collée – und am Ende stand für Silja Daum eine konkrete Idee, wie es bei ihr beruflich weitergehen sollte: Wilkens und Collée haben „I.Do" gegründet, ein Unternehmen, das für seine Kunden nach dem perfekten Job sucht: nach einer Tätigkeit, die den eigenen Talenten entspricht und die man gerne ausübt. Die beiden Journalistinnen vergleichen das, was sie machen, mit der Tätigkeit einer Werbeagentur. Sie fragen alle Parameter ab, die nötig sind, um eine Idee zu entwickeln. Dabei setzen sie auf ihre journalistischen Fähigkeiten: Fragen, die oft um die Ecke führen – wie die nach dem Lieblingsmärchen – und deren Beantwortung nicht durch Ratgeberliteratur trainiert werden kann. Und die Fähigkeit, schnell einschätzen zu können, wie andere Menschen ticken, wo Stärken und Schwächen liegen.

„Wir fragen zum Beispiel danach, wie jemand geheiratet hat, um zu sehen ob jemand Sinn für Konventionen, schrille Ideen oder Materielles hat“, sagt Katrin Wilkens. Aus den Antworten, die vor Ort gegeben werden – und dem ausgefüllten Fragebogen, den die Kundinnen mitbringen, entstehe ein Mosaik, an dem sie Wünsche, Werte und Fähigkeiten ablesen können. Noch am selben Tag entwickeln Wilkes und Collée eine konkrete Idee für die Ratsuchenden. Zwei Wochen nach dem Treffen schicken sie dann auch eine schriftliche Zusammenfassung. Sie helfen dabei, die Idee umzusetzen – und auch das Umfeld von dem neuen beruflichen Weg zu überzeugen, den man einschlagen möchte.

Silja Daum hatte zuvor leidenschaftlich gerne im Marketing gearbeitet, Anfang 2012 war sie Mutter geworden. Dann begann sie, nach einem Weg zu suchen, beides zu kombinieren – und statt Vollzeit eben 20 bis 25 Stunden wöchentlich in Teilzeit zu arbeiten. Heute kümmert sich sie nicht mehr um große Firmen, sondern um Kleinunternehmen. Sie hat sich selbstständig gemacht. Die Idee und den Namen für Silja Daums Firma – „Lüttes Marketing“ – haben Katrin Wilkens und Miriam Collée für sie entwickelt.

Silja Daum fand es „sehr spannend“, von den beiden Journalistinnen stundenlang beobachtet und befragt zu werden. „Sie wollten von mir wissen, wie viel ich arbeiten will und wie viel Geld ich mindestens verdienen muss.“ In dem Fragebogen, den sie bereits vor dem Treffen ausgefüllt hat, sollte sie etwa beschreiben, was sie von ihrem Vater gelernt hat.

Die meisten Kunden von „I.Do“ – der Firmenname bezieht sich übrigens nicht auf das englische „I do“, sondern auf den japanischen Begriff für Veränderung und Reise – sind Mütter, die sich genau wie die beiden Journalistinnen selbst irgendwann die Frage gestellt haben, wie sich Babys und die Berufstätigkeit miteinander vereinbaren lassen.

Aber auch andere stellen sich die Frage, ob das Berufsleben so weitergehen sollte wie bisher – oder ob man nicht doch mal einen neuen Weg einschlagen sollte. Gerade zum Jahreswechsel machen sich viele Menschen darüber Gedanken. Aber allein ist es oft schwierig, einen solchen neuen Weg zu finden. Wer Hilfe dabei braucht, ein neues Konzept für seine berufliche Zukunft zu finden, kann sie zwar auch spezielle Gruppenangebote wahrnehmen. Oft ist eine persönliche Beratung, die genau auf den Ratsuchenden zugeschnitten ist, aber Erfolg versprechender.

„I.Do“ gehört zu einer wachsenden Zahl von Angeboten, die nicht nur danach fragen, für welche Tätigkeiten ein Arbeitnehmer eingesetzt werden könnte; sondern den Menschen in den Mittelpunkt stellen. Und sich Zeit nehmen für die Frage, welcher Job wirklich zu ihr oder ihm passt. Mittlerweile sind fünf bis zehn Prozent der Kunden von Wilkens und Collée von „I.Do“ Männer. In diesen Beratungen gehe es allerdings kaum um die Vereinbarkeit von Familie und Job. Sondern vor allem um eine berufliche Neuorientierung, die Suche nach etwas anderem, das da doch noch sein muss.

Die beiden Journalistinnen lasen aus Silja Daums Antworten, dass dort immer wieder ihre Leidenschaft fürs Marketing aufblitzte – für ihren eigentlichen Beruf. Oft merken die beiden Journalistinnen in den Gesprächen jedoch, dass Menschen noch nie hinterfragt haben, ob sie das, was sie beruflich machen, gerne tun. „Mir fällt in der Beratung schon auf, dass viele Kunden stark von der Erziehung geprägt sind, und zum Beispiel Betriebswirtschaft studiert haben, weil die anderen Geschwister eben bereits Jura oder Medizin gewählt hatten“, sagt Katrin Wilkens.

Seit vielen Jahren hat die FU Kurse zum sogenannten „Life/Work-Planning" im Angebot, die der US-Amerikaner John Carl Webb abhält. Auch hier geht es darum, herauszufinden, was man wirklich gerne tut – und dann, so ist auf der Homepage zu lesen, eine „Marketingkampagne“ für sich selbst entwickeln Die klassischen Methoden der Arbeitssuche würden auf den Kopf gestellt: Nicht der Arbeitgeber wählt einen geeigneten Mitarbeiter aus – vielmehr entscheidet sich der Jobsuchende für einen geeigneten Arbeitgeber. Die Methode wird in den USA bereits seit Jahrzehnten angewandt, sie gehört zu den wichtigsten Verfahren der Karriereberatung und steht in den meisten US-Bundesstaaten auf den Lehrplänen von Schulen und Universitäten.

Auch die Berufs- und Karriereberaterin Imke Haack erinnert sich noch gut an die Zeit, in der sie sich immer wieder mit ihren eigenen beruflichen Wünschen und Zielen beschäftigt hat. Sie machte nach der Schule eine Tischlerlehre, ließ sich zur Musical-Darstellerin ausbilden und ging anschließend an die Uni, um Psychologie zu studieren. Damals hätte sie sich ein ähnliches Angebot gewünscht wie jenes, das sie heute ihren Kunden macht. Eine neutrale Beratung, die jedes Talent und jeden Wunsch ernst nimmt. „Gute Ratschläge von Freunden und Verwandten sagen viel über deren Vorstellungen aus, dem Ratsuchenden hilft das nicht.“

Viele Klienten wollen ihren derzeitigen Job aufgeben. Aber sie wissen nicht, was danach kommen soll. Imke Haack sucht nach Fähigkeiten und Interessen, die zum Beispiel darüber Auskunft geben, welche Branche für den nächsten Job in Frage kommen könnte. Anschließend arbeitet sie heraus, welche Eigenschaften auf jeden Fall mitgebracht werden müssen – etwa Besonnenheit oder Durchsetzungsvermögen. Und sie befasst sich mit der Frage, was den Klienten im Beruf am wichtigsten ist: Exzellente Bezahlung und Ansehen oder eher die Möglichkeit, anderen zu helfen. Jeder Dritte, der ihre Beratung in Anspruch genommen hat, schlägt danach eine „völlig neue“ Berufsrichtung ein.

Vor dem Wechsel müsse der mögliche Wunschberuf allerdings unbedingt mit der Realität konfrontiert werden, etwa durch ein Kurzpraktikum: Haack erinnert sich an eine Kundin, die sich als Erzieherin auf die Betreuung autistischer Kinder spezialisieren wollte. Eine Tätigkeit, für die man gerne mit Kindern arbeiten sollte, aber auch mit den Strukturen eines Kindergartens klarkommen muss. Nach einem Kita-Praktikum begann für sie eine lange Ausbildungszeit. Für die Klientin war das in Ordnung: Sie war sich ihrer Sache absolut sicher.

0 Kommentare

Neuester Kommentar