Wirtschaft : Multimedia: Die Gestalter der virtuellen Welt

Barbara Wörmann

Die eigene Website ist heute ein Muss für jedes Unternehmen. Kein Großkonzern kann es sich mehr leisten, nicht im weltweiten Datennetz vertreten zu sein, und auch immer mehr kleine Betriebe finden den Weg ins Netz. Beim Bäcker von nebenan kann man Torten online bestellen, und der Imker, der bisher nur an seine Nachbarn verkauft hat, verschickt seinen Honig jetzt in die ganze Welt. Doch die Kunden werden immer anspruchsvoller: Sie erwarten nicht nur einen professionellen Auftritt im Netz, sondern auch guten Service. Wenn ein Händler wie der Otto-Versand seinen Katalog ins Internet stellt und Kunden Kleidung dort direkt bestellen können, verändert sich das ganze Geschäftsmodell. Um in der digitalen Welt mithalten zu können, nehmen die Unternehmen die Hilfe von Multimedia-Agenturen in Anspruch. Das sind die Leute, die Deutschland ans Netz bringen.

"Von der breiten Öffentlichkeit unbemerkt und - wie es manchmal scheint - auch von der Politik, ist die New Economy ein lebenswichtiger Teil der deutschen Volkswirtschaft geworden," erklärt der Präsident des Deutschen Multimedia-Verbandes (DMMV) Rainer Wiedmann das Selbstverständnis der Branche. Das Geschäft mit dem Internet sei der innovativste deutsche Wirtschaftszweig, der am schnellsten wachse und das meiste Zukunftspotenzial habe. Genaue Zahlen, die diese Aussagen bestätigen, gibt es allerdings nicht.

80 000 neue Jobs in Internetagenturen

Die für andere Wirtschaftszweige üblichen Daten werden vom Statistischen Bundesamt für die Internetbranche noch nicht getrennt erhoben. Die Dienstleistungsstatistik richtet sich nach einer Klassifikation aus dem Jahr 1993, einer Zeit, als es das Internet als Wirtschaftszweig noch gar nicht gab. Der DMMV schätzt, dass es im vergangenen Jahr 3000 Multimedia-Agenturen in Deutschland gab, 1999 waren es erst 2170. In den vergangenen sechs Jahren sind allein in den Agenturen, die andere ins Netz bringen, 80 000 neue Arbeitsplätze entstanden. Auf der Basis eines Wachstums von zwanzig bis dreißig Prozent pro Jahr prognostiziert der Verband für die gesamte Wertschöpfungskette - angefangen vom Online-Shop über Intranets und Info-Dienste - 142 000 Arbeitsplätze bis zum Ende diesen Jahres.

Die Branche wächst rasant. Wie sehr, lässt sich an den größten Playern ablesen. Von 1998 bis 1999 steigerte der deutsche Marktführer GFT Technologies seinen Umsatz um 430 Prozent auf 70 Millionen Mark. In den ersten neun Monaten 2000 waren es dann bereits 126 Millionen Mark. Ebenso spektakulär war der Anstieg bei der Berliner I-D Media AG. 1999 wuchs der Umsatz im Vergleich zum Vorjahr um 219 Prozent auf 30 Millionen Mark. Bis Ende September 2000 waren es dann schon 58 Millionen Mark.

Umzugskisten und Handwerker gehören in einer Multimediaagentur zum Alltag. Von 1998 bis 1999 verdoppelte die deutsche Niederlassung des amerikanischen Multimediakonzerns March First die Zahl ihrer Mitarbeiter auf 283. Zur Zeit sind es 350. Das Bertelsmann-Unternehmen Pixelpark musste sich im vergangenen Jahr ein neues, größeres Domizil suchen. Die Zahl der Mitarbeiter beim größten Berliner Multimedia-Dienstleiter wuchs von rund 100 im Jahr 1998 auf heute knapp 1000 Menschen.

Freilich lässt sich dieses Wachstum schwer aus eigener Kraft erreichen. Um sich frühzeitig Marktanteile in der Wachstumsbranche New Economy zu sichern, kaufen die Multimediaagenturen andere Unternehmen auf. Interessant sind dabei auch Firmen im Ausland, denn so können große internationale Kunden vor Ort betreut werden. Besonders spannend ist laut DMMV-Präsidenten Wiedmann die Expansion nach Osteuropa. Hier fangen die Konzerne erst an, sich mit dem Internet zu beschäftigen. Ist der erste Kontakt geknüpft, kann sich aus einem kleinen Auftrag schnell ein großes Projekt entwickeln. Wiedmanns Firma, die Münchner Agentur "Die Argonauten", hat daher im Jahr 2000 fünf Büros in Osteuropa eröffnet.

Mit der Zeit haben sich die Anforderungen verändert. Die Agenturen haben ihr Dienstleistungs-Angebot kontinuierlich ausgeweitet. So hat zum Beispiel die Wiesbadener Concept AG gerade die Berliner Firma Art+Com übernommen, um auch dreidimensionale Bewegtbilder anbieten zu können.

So viel Wachstum kostet Geld. Während kleinere Multimediafirmen Anteile an ihrem Unternehmen häufig an Werbeagenturen verkaufen, um die Kassen zu füllen, sind acht der Top-10 Multimediadienstleister an den Neuen Markt gegangen. Bis zum April 2000 spielten die Anleger mit. Auf dem Gipfel der Multimedia-Euphorie war die Pixelpark-Aktie 194 Euro, ID-Media 105 Euro und Concept 73 Euro wert. Danach ging es stetig bergab. Heute ist ein Pixelpark-Anteil für etwa 26 Euro zu haben und die Aktie von I-D Media kostet nur noch knapp fünf Euro.

Volker Tietgens schaffte mit seiner Concept AG noch kurz vor dem Crash den Gang an den Neuen Markt. Dass seine AG zu den zehn schlechtesten Neuemissionen des Jahres 2000 gehört, sieht er gelassen: "Die Entwicklung ist nicht zufriedenstellend, aber so wie die Kurse vorher nach oben übertrieben waren, sind sie es nun nach unten." Von 200 Millionen Mark Emissionserlös hat er erst 15 Millionen Mark ausgegeben. Da bleibt noch genug, um auch eine längere Durststrecke zu überstehen. Durch die niedrigen Kurse müssen vergleichsweise mehr Aktien bei Übernahmen ausgegeben werden, sagt Markus Scheuermann, bei Pixelpark für Akquisitionen zuständig. "Früher haben viele gekauft, um schnell zu wachsen. Heute müssen die Firmen auf mehr Qualität und Profitabilität achten."

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