Wirtschaft : Mundharmonikas: Hohner hat den Blues gemacht

Michael Bröcker

Mitten im Schwarzwald, kurz hinter der durch Staudurchsagen wohl bekannten A81-Ausfahrt Villingen-Schwenningen liegt die Wiege der Mundharmonika. Hier, im 15 000 Seelen-Dorf Trossingen, wurde vor 174 Jahren die erste Mundharmonika produziert. Und von hier trat das Hemdentaschen-Instrument seinen Siegeszug durch die Musikschulen und Gesangszimmer der Republik an, geadelt durch tragende Rollen in Hollywood-Filmen wie "Spiel mir das Lied vom Tod". Angeblich soll das kleine 15cm lange Holz- und Kunststoffstück auch das erste Musikinstrument sein, das Bob Dylan erlernte.

20 Jahre Verluste

Kein Wunder also, dass in Trossingen auch der größte Mundharmonika-Hersteller, die Hohner AG, ihren Hauptsitz hat. Doch trotz der günstigen historischen Bedingungen machte das 1857 gegründete schwäbische Unternehmen 20 lange Jahre Verluste, bis es jetzt erstmalig in die schwarzen Zahlen geriet. Ein chinesischer Großinvestor engagierte sich im schwäbischen Mundharmonika-Geschäft - und es ging aufwärts. 951 000 Mark Konzerngewinn erwirtschaftete das Unternehmen 2000, nach minus 3,8 Millionen Mark im Vorjahr. Heute werden 1,5 Millionen Mundharmonikas von 240 Beschäftigten täglich produziert, dazu 1500 Akkordeons und 2,3 Millionen Blockflöten. Verkauft werden die Instrumente in alle Welt. Die Globalisierung hat das schwäbische Kleinstädtchen erreicht - und ist nicht mehr wegzudenken.

Musikgrößen wie die Bläck Fööss, die Hooters oder Blues-Legende Steve Baker spielen auf den schwäbischen Instrumenten. Allein 300 verschiedene Typen baut die Hohner AG, von der Kinder-Mundharmonika bis zum 7000 Mark teuren, mit Sterling-Silber beschlagenen Luxusstück. Sogar eine Blues-Mundharmonika, die durch spezielle Membrane den sanften, tiefen Blues-Ton besonders gut wiedergibt, hat Hohner entwickelt. Ob im Quelle-Katalog, im Toys-R-Us-Geschäft oder im Fachgeschäft - das handliche Musikinstrument ist überall zu bekommen.

Im Markt der Mundharmonikas ist Hohner mit 27 Prozent Marktanteil inzwischen führend. "Die Hohner-Modelle gelten in der Branche als das Nonplusultra, der Rolls Royce unter den Mundharmonikas", sagt Steffen Heycke, Marketingdirektor bei Musik Meyer, einem Musikgroßhandel.

"Die Durststrecke ist vorbei, die Sanierung endlich abgeschlossen", sagt Horst Bräuning, Vorstandsvorsitzender der Hohner AG. Die "Durststrecke" - wohl eher eine Marathonstrecke. Seit Beginn der 80er wirtschaftete das Unternehmen am Rande der Existenz. Der Marktanteil bei Akkordeons schrumpfte von 50 Prozent 1978 bis auf unter 25 Prozent 1997. Die Beschäftigtenzahl sank von knapp 5000 Beschäftigten Ende der 70er Jahre auf heute rund 240.

Ursachen waren hauptsächlich hausgemachte Probleme. "Eine unnötige Diversifizierung kostete viel - und brachte wenig", sagt Bräuning. Man habe alles produziert, was mit Musik zu tun hat. Sogar Ladenkassen und Klaviere wurden in Trossingen hergestellt. "Das Unternehmen war strukturiert wie ein Bauchladen. Das konnte nicht gutgehen", sagt Horst Bräuning.

1997 nahm der chinesische Großinvestor KHS den Tiefpunkt des Unternehmens zum Anlass, um 73 Prozent der Aktien günstig zu erwerben. Man startete ein Sanierungsprogramm nach dem Motto: Verringern und Verbessern. Bräuning und sein Team besannen sich auf das Kerngeschäft: Mundharmonikas und Akkordeons. Die Forschungsabteilung entwickelte neue Modelle, die aktuelle Trends berücksichtigen, wie Akkordeons, die moderne Techno-Melodien als Standard enthalten. Inzwischen wird mit den Instrumenten aus dem Schwabenland weltweit gespielt. Die Hohner AG - im wahrsten Sinne des Wortes ein Global Player. Doch wie konnte das Traditionsunternehmen die Jahre der Misswirtschaft finanziell überstehen? "Mit dem Prinzip Hoffnung und der Unterstützung treuer Freunde", sagt Bräuning. Damit ist vor allem die Stadt Trossingen gemeint. Für 16 Millionen Mark kaufte sie der finanziell angeschlagenen Firma das Firmengelände in der Innenstadt ab. Hohner bezog neue billigere Räume in einem Gewerbepark vor den Toren der Stadt.

Aushängeschild für den Ort

"Für die Stadt ist Hohner das Aushängeschild, wir mussten was tun", sagt Lothar Wülfle, Bürgermeister der Stadt. Nur die halbe Wahrheit, schließlich hat die Stadt auch ein Eigeninteresse an dem Mundharmonika-Hersteller. Knapp acht Prozent aller Beschäftigten der Stadt stehen auf der Gehaltsliste von Hohner. Über die Verflechtungen des Global Players und Trossingen hat der Tübingische Ökonom Professor Berghoff ein 700 Seiten starkes Dossier geschrieben.

Fazit des Mammutwerkes über die Mundharmonika: Der eine kann ohne den anderen nicht leben. Der Bürgermeister braucht sich aber keine Sorgen um einen Weggang des Unternehmens zu machen. Trossingen ist inzwischen so etwas wie die Hauptstadt der Mundharmonika. Jährlich findet hier das weltweit größte Mundharmonika-Festival statt, und nicht zuletzt hat der Deutsche Harmonika Verband seinen Hauptsitz - na, wo wohl? Genau, in Trossingen.

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