Wirtschaft : Muschelsuppe und Mohnkuchen

Die US-Soldaten haben 24 Fertiggerichte aus der Plastiktüte zur Auswahl/Tägliche Speisetests bei der Truppe

Dan Morse[Camp Wolf]

Wer hätte gedacht, dass ein Lager der US-Army in Kuwait ein passender Ort für eine Verbraucherumfrage ist? Für den Mann mit dem Notebook unterm Art ist Camp Wolf jedenfalls der ideale Platz, um ausgiebig Marktforschung zu betreiben. „Na gut, das Hühnchen nach thailändischer Art ist nicht ihr Geschmack“, sagt der Lebensmitteltechnologe Michael Acheson, während er die Kommentare des Soldaten Joe Diggins notiert. Um ihn herum haben sich weitere Infanteristen versammelt. Acheson arbeitet beim Direktorat für die Verpflegung der US-Streitkräfte in Boston. Dort entwickelt man für die Armee die Fertiggerichte, die bei der Truppe unter dem Kürzel MRE (Meal Ready-to-Eat) bekannt sind. Die fast schon legendären MRE-Mahlzeiten sind nicht nur extrem lange haltbar. Eingeschweißt in gummiartige Plastikbeutel sind sie auch stabil genug, um den Abwurf mit einem Fallschirm oder das Herabwerfen von einem Lkw schadlos zu überstehen.

Auch Acheson testet die Armeeverpflegung täglich, doch nichts geht über die Meinung der Truppe, in der die Fertignahrung mal Ziel des Spotts, dann wieder Objekt der Wertschätzung und bei einigen Gerichten auch Gegenstand von Abscheu ist. Je länger die Soldaten auf den Krieg warten, desto öfter kreisen die Gespräche um die Gerichte.

In Camp Wolf, einer Sammelstation nahe des Flughafens von Kuwait City, trifft Acheson ganze Hundertschaften von US-Truppen. Dem Soldaten Diggins kann er für heute versichern, dass die Verbesserungen beim Thai-Hühnchen bereits in Arbeit sind. Denn zwei wichtige Zutaten – Bambussprossen und Wasserkastanien – seien wieder verfügbar. In der Sprache der Streitkräfte ist der 53-jährige Acheson ein ziviler Helfer, der bei der Koordinierung von Vertragspartnern der Armee mitwirkt. Der kulinarisch bewanderte Armeeveteran kochte einst selbst für einen General. Jetzt trägt er eine Tarnuniform mit eingesteckter Gasmaske. Eine seiner Zielgruppen ist die 101. Fliegerdivision und damit die Leute um Joe Diggins, deren Antworten ihm gerade entgegenfliegen: „Die Kuchenstücke sind große Klasse, ob Vanille, Orange oder Ananas. Immer weiter so“, meint Soldat Justin Morrow. „Aber die Mint-Brownies könnt ihr euch schenken“, fügt ein anderer hinzu. Per Email informiert Acheson sein Hauptquartier in Massachusetts darüber, was bei der Truppe in diesen Tagen ankommt und was nicht.

Insgesamt 24 verschiedene Hauptgerichte gibt es in der Fertigküche der US-Army, von Rindfleischgerichten bis zu Käsetortellini. Neben der Hauptspeise finden sich im Lunchpaket einige kleine Tüten, die Beilagen, Saucen und Desserts enthalten. Die MRE-Pakete sind beschriftet, und jeder Soldat kann zum Essen seiner Wahl greifen. Einige Gerichte können erwärmt werden, indem man sie in einen im Paket enthaltenen Plastiksack steckt, der nach Zugabe von Wasser eine sprudelnde und erhitzende Lösung freisetzt.

Die Fertiggerichte wurden zu Beginn der Achtziger Jahre eingeführt. Sie ersetzten die bis dahin üblichen Militär-Rationen, die in Dosen konserviert waren. Laut Angaben der US-Armee kostet eine Fertigmahlzeit im Durchschnitt sechs Dollar.

Einige der Armeelager sind groß genug für eine eigene Küche. Hier bleibt den Soldaten wenigstens zeitweise der Verzehr und das Herumtragen der Fertigspeisen erspart. Die Pakete können immerhin bis zu 680 Gramm wiegen, was viele Soldaten dazu bewegt, die MRE-Bündel „feldtauglich“ zu machen. Sie zerlegen die Tüten und lassen überflüssige Beilagen und das Verpackungsmaterial zurück.

Wie bei vielen Requisiten des Militärs ranken sich auch um das Fertigessen diverse Geschichten. Eine weit verbreitete geht so: die Mahlzeiten seien bewusst so komponiert, dass sie die Verdauung hemmen, damit der Soldat im Kampf eine Sorge weniger hat. „Alles Unsinn“, schwört Acheson, „Verstopfung ist nur Folge der Ernährungsumstellung“. Zur Gewissheit gehört aber, dass die Fertiggerichte im Mittelpunkt von Spielen stehen, mit denen sich die Soldaten die Langeweile zu vertreiben suchen. Besonders beliebt ist die MRE-Challenge. Dabei schüttet der Bewerber sämtliche Komponenten des MRE-Bündels in die äußere Tüte. Um den Spaßfaktor noch zu steigern, wird alles mit Tabasco-Sauce und den mitgelieferten Papierservietten angereichert, bevor der Soldat es mit Wasser übergießt und ordentlich durchrührt. Gewonnen hat, wer das ganze innerhalb von 15 Minuten ausgelöffelt hat. „Den Leuten fällt hier draußen vor Langeweile nicht mehr ein,“ sagt der Soldat Joe Claussen. „Auch ich hab mitgemacht und nach zwölf Minuten musste ich mich übergeben.“

Gänseleber von Belgiern

Um aus der Monotonie auszubrechen, fangen die Soldaten an, ihre MRE-Pakete untereinander oder mit Truppen aus anderen Ländern zu tauschen. „In Somalia hatten die Belgier die besten Fertiggerichte, die ich je gesehen habe“, meint Soldat Claussen. „Die hatten Gänseleberpastete und man musste vier von unseren Gerichten dafür geben.“ Nach der Operation Desert Storm nahm die Armee Anfang der 90er Jahre ungeliebte Gerichte aus dem Programm, damit die Soldaten mehr essen. Die Truppe bestätigt, dass sich das MRE-Essen verbessert hat. Eine Ausnahme bleibt das wenig geschätzte Rindfleisch mit Pilzen. „Das erste schlechte Essen nach langer Zeit“, sagt Soldat Claussen. Michael Acheson versichert indes, das Gericht würde von der Speisekarte gestrichen. Das gleiche Schicksal wird auch dem ungeliebten Schweinekotelett nach Jamaikanischer Art ereilen. Dieser Hauptgang fällt vor allem bei der Verkostung in kaltem Zustand durch. Die Soldaten sind oft zu müde, zu hungrig oder zu schnell unterwegs, um sich das Essen aufzuwärmen. Ein Großteil der Fertiggerichte wandert daher kalt in die Mägen. Beim Kotelett aber gleicht das einer Qual.

Die Neuheiten in diesem Jahr sind eine herzhafte Muschelsuppe und Mohnkuchen. „Wir arbeiten auch an einem Lachs-Gericht“, lässt Acheson die Soldaten wissen. Ein Leutnant rümpft verächtlich die Nase und lässt seinem Ärger freien Lauf: „Diese Gemüse-Chips sind das Übelste, was sie je in ein MRE gepackt haben", sagt er. „Nun, das höre ich heute nicht zum ersten Mal“, antwortet Acheson und macht sich eine Notiz.

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