Musikbranche : Exodus der Stars

Die Stones bei Universal, Robbie Williams im Streik, 2000 Jobs weg - Emi schockt die Musikbranche.

Moritz Honert

BerlinUnd jetzt sind auch noch die Stones weg. Zwar wechseln die alten Herren des Stadionrocks zunächst nur für ein Album von der angeschlagenen Plattenfirma Emi zu Universal. Guy Hands, seit Sommer 2007 Chef von Emi, dürfte die Entscheidung der umsatzstarken Band trotzdem mächtig gewurmt haben.

Denn Ärger hat Hands schon mehr als genug. Die Rolling Stones sind nicht die einzigen Künstler, mit denen der 48-Jährige derzeit im Clinch liegt. Robbie Williams trat vor einigen Tagen in den Streik. Grund: Hands benehme sich wie ein „Plantagenbesitzer“, ließ er über sein Management verlauten. Andere haben bereits Ernst gemacht. Aus Protest gegen den neuen Geschäftskurs, den Hands und der hinter ihm stehenen Private-Equity-

Fonds „Terra Firma“ ankündigten, haben Paul McCartney und die Band Radiohead das Label bereits verlassen.

Am Dienstag wurde Hands deutlich. In London kündigte er an, Abteilungen zusammenzulegen, Marketing-Budgets zusammenzustreichen und ein Drittel der weltweit rund 5500 Stellen abzubauen. Auch der weitere Verbleib der Stones im Hause ist fraglich. Laut der englischen „Times“ haben sich Band und Label noch nicht auf eine Verlängerung ihres im Mai auslaufenden und mit 14 Millionen Pfund dotierten Vertrags einigen können.

Wie alle Plattenfirmen leidet auch Emi unter der Absatzkrise des Musikmarkts (siehe Grafik). 2007 hatte das kleinste der vier großen Musikunternehmen, das von Terra Firma für geschätzte drei bis vier Milliarden Pfund übernommen wurde, einen Verlust vor Steuern von 263,6 Millionen Pfund eingefahren. Hands Radikalkur soll den angeschlagenen Konzern nun wieder auf Gewinnkurs zwingen. In den kommenden sechs Monaten sollen zwischen 1500 und 2000 Jobs wegfallen und pro Jahr rund 200 Millionen Pfund eingespart werden. Der Stellenabbau soll vor allem das Musik-Kerngeschäft mit seinen rund 4400 Mitarbeitern treffen. Emi-Publishing, der hauseigene Musikverlag, der sich um die Vermarktung von Rechten kümmert, arbeitet nach Emi-Angaben profitabel.

Wo und in welchem Umfang die Stellen exakt gestrichen werden, und ob auch Deutschland betroffen ist, wollte Emi am Freitag nicht mitteilen. Deutsche Mitarbeiter gehen jedoch davon aus, dass „die Umstrukturierung auch hierzulande Auswirkungen haben wird“, wie ein Emi-Beschäftigter aus Berlin dem Tagesspiegel sagte. Ein Hinweis sei der bereits im Dezember 2007 beschlossene Umzug der noch in Berlin beheimateten Emi- Tochter Virgin/Labels/Mute an den deutschen Firmenstammsitz in Köln. Nachdem schon vergangenen Frühling 50 Prozent der Belegschaft entlassen worden seien, habe Deutschlands Emi-Chefin Birgit Adels nun angekündigt, lediglich die elf festen Mitarbeiter aus Berlin in Köln garantiert zu beschäftigen. Den etwa noch mal so vielen freien Kräften und Aushilfen sei gekündigt worden. „Die Emi-Mitarbeiter in Köln sind zur Zeit sehr verunsichert.“

Befürchtet wird auch, dass die Zusammenführung der Labels sich negativ auf die Arbeit mit den Musikern auswirkt. „Denn einerseits entscheiden sich Künstler ja für ein Team und außerdem müssen Popmusiker ganz anders vermarktet werden als Rockmusiker.“

Bracheninsider sehen in dem Umbau von Emi einen Vorboten für die Entwicklung der Branche. Auch andere Labels müssten sich in Zukunft verstärkt Gedanken über ihre Organisation machen, sagt Manfred Gillig, Chefredakteur der „Musik-Woche“. Als Kleinster der Großen spüre Emi die Zwänge des Marktes nun als erster. Außerdem habe die Firma sich lange einen teuren Mitarbeiterapparat geleistet. Doch das lasse weder die jetzige noch die künftige Marktsituation zu, sagt Gillig. „2007 ging der Umsatz erneut zurück, 2008 wir das nicht anders werden.“

Hands jedoch will kämpfen. Am Freitag machte er ein Angebot für die Übernahme des Labels Chrysalis, das Rechte an Blondie-Songs hält und das Analysten mit 150 Millionen Pfund bewerten.

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