Musikindustrie : Lehren aus dem Dauerabschwung

Weiter nach unten konnte es nicht gehen: Die Musikindustrie legt hoffnungsvolle Zahlen für 2008 vor.

Kai Müller
Perry
Nach oben. Künstler wie Kate Perry verkaufen sich gut. -Foto: ddp

Berlin - Es sollte zwar nicht abgehoben wirken, die Zeiten sind schwer genug, trotzdem setzte der Bundesverband Musikindustrie ein Zeichen mit dem Entschluss, die Marktzahlen für das Jahr 2008 in luftiger Höhe bekannt zu geben. Im 17. Stock eines Kreuzberger Wohnblocks, in dem sich der Solar-Klub mit imposanten Panoramascheiben befindet, drängt sich Weitblick auf. Verbandschef Dieter Gorny wurde denn auch nicht müde, vor dem Hintergrund weiter sinkender Umsätze die Großperspektive der Web 2.0-Revolution zu suchen und so dem branchenüblichen Lamento über Netzpiraterie und Privatkopie eine kulturphilosophische Dimension zu geben.

Dabei steht es um die deutsche Musikindustrie nicht schlecht. Mit ihrem konservativen Kurs, am klassischen Tonträgergeschäft festzuhalten, kann sie den Abschwung mit einem Verkaufserlös von 1,575 Milliarden Euro auf 4,7 Prozent begrenzen. In den USA wird im Vergleich dazu mit einem Umsatzrückgang von 19 Prozent gerechnet. In den meisten anderen Ländern ist er ebenfalls zweistellig. Damit schiebt sich Deutschland mit einem Weltmarktanteil von nunmehr 7,6 Prozent auf den vierten Rang.

Motor dieser Entwicklung ist der seit fünf Jahren nahezu stabile CD-Verkauf. Mit 81 Prozent am Gesamtumsatz ist er das bei weitem größte Geschäftsfeld. Wobei besonders die umsatzstarken Album-Verkäufe kaum Einbußen erleiden (145 Millionen Exemplare wurden verkauft) und sich auf dem Stand von 2004 halten. Wer angesichts der digitalen Umwälzungen das Ende des Albums eingeläutet sah, erlebt nun eine Renaissance dieser Kunstform. Denn auch im konkurrierenden Online-Segment werden vermehrt ganze Alben heruntergeladen. Der Verkauf hat hier um 50 Prozent zugenommen. Dafür ist der Klingelton-Markt praktisch zum Erliegen gekommen. Die neuen Handy- Generationen erlauben sehr viel größere Datentransfers.

Hoffnungsvoll erscheint auch, was sich „neue Erlösquellen“ nennt. Gemeint sind 360-Grad-Deals, mit denen die traditionellen Musikfirmen sich in multi-funktionale Unterhaltungsanbieter verwandeln. Einer Umfrage des Verbands zufolge könnten Lizenzgeschäfte mit Videospielherstellern (Guitar Hero) oder Portal-Betreibern (Youtube und MySpace), Ticketverkauf und Künstlermanagement bald 15 bis 20 Prozent des Gesamtumsatzes ausmachen.

Mit derlei Allround-Aktivitäten wollen vor allem die Marktführer kompensieren, dass sie die Hoheit über die in der Gesellschaft zirkulierende Musik verloren haben. Erstmals bekommt die Musikindustrie 2008 die Folgen der zunehmenden Verschiebung von Entertainment-Angeboten ins Internet zu spüren. Einer gekauften CD stehen nach der „Brennerstudie“ des Verbandes 2,5 unbezahlte Kopien gegenüber. Und sie werden nicht mehr via CD-Rohling verbreitet, sondern von Computer-Festplatten, Handys und MP3-Playern. 26 Milliarden Dateien seien illegal in Umlauf geraten, 30 Prozent mehr als im Vorjahr. Das entspricht einem Umsatzverlust von etwa einer Milliarde Euro.

Obwohl der Musikklau im Internet durch konsequente Strafverfolgung „zumindest eingedämmt“ werden konnte, wie Verbandsgeschäftsführer Stefan Michalk sagt, setzt die Branche verstärkt auf aufklärerische Impulse. Um den Wert geistigen Eigentums im Bewusstsein der Menschen besser zu verankern, wird mit der Musikhochschule Hannover eine „Fair Play“-Initiative gestartet. Sie soll das Thema als kreative Auseinandersetzung in die Schulen tragen, wo der Tausch von Musik gängige Praxis ist. Denn wie es ein Schüler bei der Präsentation der Kampagne ausdrückt: „illegal bietet Vorteile, aber man darf sie nicht nutzen“.

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