Wirtschaft : Muss Ungleichheit unglücklich machen?: Lernen von Amerika

Rainer Hank

Umverteilung hat in Europa viel mehr Anhänger als in Amerika. Wirtschaftspolitik müsse für Ausgleich sorgen und die Einkommensdifferenzen einebnen, sagen die Europäer. So bauen sie auch ihre Sozial- und Steuersysteme. Deshalb liegt die Staatsquote in Europa bei rund 45, in den USA aber bei 30 Prozent. Der Transferanteil am Sozialprodukt - das sind Gelder, die nur von der einen in die andere Tasche wandern - beträgt in Europa 22 Prozent, in Amerika sind es nur 14 Prozent. Offenbar sind die Amerikaner mehr als die Europäer dazu bereit, Ungleichheit zu ertragen. Eine ungleiche Gesellschaft macht Europäer viel unglücklicher als Amerikaner. Mehr noch: Der Abstand zwischen Arm und Reich hat sich in Amerika in den 90er Jahren vergrößert. In Europa zwar auch, aber in viel geringerem Maße. Gleichwohl hat die Spreizung der Einkommen in den Vereinigten Staaten nicht zu einem Wahlsieg der Linken geführt, sondern zum Erfolg der Partei der Konservativen, die vor allem die Reichen steuerlich zu entlasten versprach. Dagegen ist es in Europa für alle Regierungen - linke, liberale und konservative - heikel, Sozialstaatsprogramme einzufrieren oder abzuschmelzen - sie werden bei den nächsten Wahlen bestraft. Woran liegt das? Sind die Gene der Europäer mehr auf Gleichheit gerichtet als die der Amerikaner? Ist es eine Frage des politischen Geschmacks? Haben Europäer andere Gerechtigkeitsideale als Amerikaner?

Der Harvard-Ökonom Alberto Alesina wollte es jetzt genauer wissen - und hat dazu viele Daten ausgewertet. Wen macht Ungleichheit unglücklich? Alesina hat Arme und Reiche, Wähler der Linken und Wähler der Rechten diesseits und jenseits des Atlantik befragt. Die Antworten sind verblüffend: Im Amerika fühlt sich niemand durch Ungleichheit in seinem Glück gestört - bis auf reiche Linke. In Europa fühlen sich die meisten Menschen durch Ungleichheit irritiert - bis auf reiche Rechte. Damit scheidet die Gen- und Geschmacksthese als Erklärung aus. Sonst müssten alle Europäer für Gleichheit und alle Amerikaner für Ungleichheit votieren. Eine andere Deutung bietet sich an: Die amerikanische Gesellschaft bietet mehr Chancen der sozialen Mobilität. Wenn es nämlich stimmt, dass in den USA die Menschen eher nach oben kommen (und nach unten fallen) als in Europa, dann ist Ungleicheit nicht das Schicksal der Zukunft. Wer Chancen sieht, später einmal zu höherem Einkommen oder besserem Status zu kommen, der braucht sich heute nicht zu grämen, dass es anderen besser geht.

Das ist noch nicht das Ende vom Lied. Zwar ist unbestritten, dass die osmotischen Möglichkeiten der US-Gesellschaft größer sind als die Mobilitätschancen in Europa. Aber die Tellerwäscher-Story ist ein Mythos. Auch in Amerika halten sich reiche Familienclans über die Generationsgrenzen hinweg. Und Kinder von Harvard-Absolventen studieren eben in Harvard. Für die Frage von Glück oder Unglück angesichts von Ungleichheit ist das aber unerheblich: Allein der Glaube, jeder habe die Chance, ein Bill Gates zu werden, genügt den Amerikanern, sich von Ungleichheit nicht bedroht zu fühlen. Auf Bill Gates reagieren sie nicht mit Neid, sondern mit Respekt, der die eigenen Fähigkeiten anspornt.

Lässt sich daraus wirtschaftspolitisch für Europa etwas lernen? Ja. Verbesserten die Europäer die Bedingungen der sozialen Mobilität, würde dies die Menschen nicht unbedingt glücklicher machen, Ungleichheit bräuchte sie aber weniger bedrohen. An Vorschlägen zur Verbesserung der sozialen Mobilität mangelt es nicht: Eine Reform des Bildungs- und Universitätssystems würde für viele die Karrierechancen erhöhen. Eine Liberalisierung des Arbeitsmarktes würde für den Langzeitarbeitslosen Beschäftigungschancen bringen. Die Zulassung eines Niedriglohnsektors erweiterte das Angebot der Kinderbetreuung und hülfe, die berufliche Mobilität der Frauen zu verbessern. Die Beispielliste lässt sich fortsetzen. Doch man soll sich nicht täuschen. Die Verringerung der Barrieren hat ihren Preis: Sie nimmt größere Ungleichheit in Kauf - freilich ohne Abbruch für das persönliche Glück.

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