Wirtschaft : Nach anfänglicher Toleranz unterdrückt der Staat nun selbstständige Arbeit vehement

Havannas Altstadt wird immer leerer. Auf dem Platz vor der Kathedrale, wo vor zwei Jahren noch Stände mit Andenken, Schmuck und Kunsthandwerk das Durchkommen erschwerten, stehen jetzt nur noch einige Tische staatlicher Restaurants. Die fliegenden Händler, die einst das Bild der kubanischen Hauptstadt belebten, sind an den Rand der Altstadt umquartiert worden.

Ihre Vertreibung steht sinnbildlich für den Rückgang der Privatinitiative im sozialistischen Kuba. Gab es Anfang 1996 noch mehr als 200 00 Selbstständige, so ist ihre Zahl inzwischen nach offiziellen Angaben auf etwa 125 000 geschrumpft. Von mehr als 200 Privatrestaurants in Havannas Stadtteil Vedado sind nur 20 geblieben.

Erst Mitte 1993, als die vom Zusammenbruch des Ostblocks in Gang gesetzte wirtschaftliche Talfahrt Kubas nahe dem Tiefpunkt war, hatte Staatschef Fidel Castro außer dem Dollarbesitz auch selbstständige Arbeit widerwillig zugelassen. Viele tausend Kubaner versuchten ihr Glück als "cuentapropistas" (Arbeiter auf eigene Rechnung). Doch der "comandante en jefe" sorgte von Anfang an dafür, dass aus Kleingewerbetreibenden nicht Großunternehmer wurden. Schon Ende 1995 wetterte er gegen die Gruppe der "Neureichen", die angeblich aus der Schar der Selbstständigen hervorgegangen sei. Sein Bruder Raul, Stellvertreter Fidels in allen Ämtern, setzte noch eins drauf. "Die Psychologie des privaten Arbeiters neigt zum Individualismus und ist keine Quelle sozialistischen Bewusstseins", sagte Raul Castro im März 1996 in einem Bericht vor dem Politbüro.

Damit war die Marschrichtung vorgegeben. Abgesehen davon, dass Kleinunternehmer niemals Mitarbeiter beschäftigen durften, wurde nun auch die Steuerschraube angezogen. Und ein Heer von Inspektoren machte den privaten Gastwirten das Leben zur Hölle. Ob Rind- statt Schweinefleisch serviert wurde oder einfach eine Einkaufsquittung für die Zahnstocher fehlte - für jeden noch so kleinen Regelverstoß setzte es eine saftige Buße. Immer mehr "paladares", wie die Privatrestaurants im Volksmund heißen, gaben auf.

"Er (Fidel Castro) erträgt es nicht, dass irgendjemand zu Geld kommt. Denn wirtschaftliche Unabhängigkeit bedeutet politische Unabhängigkeit", sagt der Elektriker Alfonso. Vor mehr als zwei Jahren verlor er die Lizenz für seine Reparaturwerkstatt. Um zu überleben, arbeitet er heimlich weiter, wie viele der Selbstständigen. So auch Roberto, ein 37-jähriger Lehrer. Seit ihm der Verkauf von CDs verboten wurde, bietet er am Rande der Altstadt Tonpüppchen von Fidel Castro und "Che" Guevara an.

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