Nach dem Anschlag von Boston : Gute Geschäfte mit der Angst

Dass Deutschland immer gefährlicher wird, lässt sich kaum belegen. Bürger, Firmen und Ämter rüsten trotzdem auf

Kevin P. Hoffmann

Gott sieht alles. Aber Big Brother spürt es auch. Daher vertraut man im Vatikan auf ein Überwachungskamera-System der Firma Mobotix aus dem rheinland-pfälzischen Winnweiler, wenn es um die Schätze geht, die in der Apostolischen Bibliothek lagern.
Insgesamt 70 Kameras haben die Schriftverwalter Petri in der gut dreijährigen Renovierungsphase bis September 2010 in den Lesesälen, dem Lager und den Ausgangsbereichen installieren lassen. Die zeichnen nicht nur hoch aufgelöst auf, was in jedem Winkel des römischen Gemäuers passiert. Weil praktisch alle 1,7 Millionen Bücher, Handschriften und Karten heute auch mit einem RFID-Funkchip verklebt sind, können die Wächter aus der Kombination von Video und elektromagnetischen Wellen jederzeit auf den Schirm rufen, wer gerade mit welchem Buch wohin geht – oder gegangen ist. So geht totale Überwachungstechnik „Made in Germany“.
Mobotix, 1999 als Spin-off einer Universität von dem Tüftler Ralf Hinkel gegründet, erlöste zuletzt knapp 82 Millionen Euro im Jahr und gilt heute zumindest in Deutschland als Marktführer für digitale und vernetzte Kamerasysteme. Und die erobern gerade die Welt. Laut einer Prognose von IHS, einem Marktbeobachtungskonzern der Rüstungs- und Sicherheitsindustrie aus dem US-Staat Colorado, wird mit moderner Kameratechnik, die derartige Überwachung ermöglicht, im kommenden Jahr erstmals mehr Geld umgesetzt als mit der einfachen analogen Kameraüberwachung: Umgerechnet sieben Milliarden Dollar gegenüber 6,5 Milliarden für Analogtechnik. Innerhalb von nur fünf Jahren bis 2016 werde sich der weltweite Gesamtumsatz mit Video-Überwachungstechnologie von 9,6 Milliarden (2010) auf 20,5 Milliarden Dollar (15,7 Milliarden Euro) mehr als verdoppeln.
Während es der Berliner Polizei dieser Tage zum 1. Mai aus Datenschutzgründen noch verboten worden war, mit ihren Kameras auf einzelne Gesichter der Demonstranten zu zoomen, sind in manchen Ländern Kameras längst mit Software zur biometrischen Gesichtserkennung ausgestattet. Abu Dhabi am Persischen Golf gilt als die am besten überwachte Stadt der Welt. Dort ließen sich schon Straftäter am Bildschirm sitzend lückenlos vom Flughafen bis ins Hotelbett verfolgen. Auch in Londons Innenstadt kann man sich heute kaum verstecken.
Paul Everett von der Analysefirma IHS sagt, zwar sei es noch zu früh vorherzusagen, welche Folgen die jüngsten Anschläge beim Marathon von Boston auf dieses Segment haben werden. Allerdings zeigten die Erfahrungen nach dem 11. September 2001 und den Londoner U-Bahn-Anschlägen 2005, dass Regierungen später jeweils stark in die Kameraüberwachung investiert hätten. Die für 2016 prognostizierten 16 Milliarden Euro für Videotechnik im Dienste der inneren Sicherheit wären zwar ein Bruchteil der Summe von 1340 Milliarden Euro, die die Staaten der Welt laut dem Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri 2012 für Rüstungsgüter zur Landesverteidigung und Abschreckung ausgegeben haben. Während Investitionskosten für Kampfjets, Schiffe und Panzer und Raketen aber erstmals seit 1998 gegenüber dem Vorjahr zurückgingen, rüsten Innenbehörden – aber auch Firmen und vor allem Privatkunden – auf.

Das Bundeswirtschaftsministerium geht davon aus, dass der Weltmarkt für sicherheitstechnische Lösungen und Dienstleistungen von gut 61 Milliarden Euro (2008) auf über 138 Milliarden im Jahr 2015 extrem stark steigen wird. Gut 31 Milliarden Euro, also mehr als ein Fünftel des Marktes, dürften deutsche Firmen erwirtschaften, so diese Prognose.
Das Herstellen von Technik für scharfe Videos ist dabei nur ein Feld. Körper-, Fingerabdruck-, sogar Handvenen-Scanner aus deutscher Produktion stehen derzeit auf den Einkaufslisten der Behörden. Technologiekonzerne wie Bosch bieten heute über Computer oder Handy aus der Ferne zu steuernde Schlösser, Rollläden, Kameras im System fürs Eigenheim samt automatischem Kontaktaufbau zum Wachschutz. Panzerschrank-Marktführer Hartmann aus Paderborn in NRW verzeichnet jährlich zehnprozentige Umsatzsteigerungen. Für bis zu 20<ET>000 Euro verkauft er Kunden dafür auch einen rund eine Tonne schweren Schrank, der den Inhalt vor Feuer schützt.
Wofür das alles? Die neueste verfügbare Kriminalstatistik verzeichnet zwar eine zuletzt wieder leicht steigende Zahl von Wohnungseinbrüchen – 140 000 waren es 2011. Vor 15 Jahren, 1998, gab es allerdings noch 210 000 Einbrüche. Objektive Belege dafür, dass Deutschland unsicherer wird, gibt es nicht. Gleichwohl sind Bürger heute bereit, mitunter 60 bis über 100 Euro für ein Fahrradschloss auszugeben, um damit ein Rad zu schützen, das kaum doppelt so teuer war.
Auffällig ist auch, mit welcher souveränen Arroganz Vertreter der Sicherheitsbranchen ihrer potenziellen Kundschaft entgegentreten. Bürger seien zu dumm, Gefahren richtig einzuschätzen, hört und liest man immer wieder. „Viele ordern erst einen Tresor, nachdem eingebrochen wurde“, sagte etwa Christian Fretter vom Schloss-Marktführer Abus unlängst. Urban Brauer vom Bundesverband der Hersteller- und Errichterfirmen von Sicherheitssystemen (BHE) beklagt im Tagesspiegel-Interview eine „Vollkasko-Mentalität“. Die Deutschen würden zu sehr darauf vertrauen, dass der Staat sie schützt.
Niemand kann seriös sagen, wie viele Diebe oder Attentäter sich von einem Bügelschloss oder einer Kamera abschrecken lassen. Was der Preis der Angst ist, weiß man indes besser: So mussten Europas Flughäfen vor den Anschlägen vom 11. September rund acht Prozent ihres Umsatzes für die Sicherheit aufbringen, mittlerweile sind es bis zu 35 Prozent.
Das größte Wachstumspotenzial haben Sicherheitsdienstleistungen für das Internet, wo Kriminelle heute mehr als nur virtuelle Schäden anrichten: So haben Experten des Computermagazins „c’t“ erst vergangene Woche berichtet, wie sich Hacker in ihrem Testauftrag leicht Zugang zu Steuerungssystemen von Fabriken, Gefängnissen, Heizkraftwerken oder sogar einem Fußballstadion mit 40 000 Plätzen verschaffen konnten. Dort etwa hätten sie aus der Ferne alle Türen schließen können. Noch einfacher sei der Zugang zu Systemen, mit denen Privatleute die Sicherheitsanlagen ihrer Einfamilienhäuser cool übers iPhone steuern, wurde berichtet. Da einmal angeschaffte Systeme teils über Jahrzehnte ihren Dienst verrichten, seien dies „tickende Zeitbomben“, hieß es.
So gibt es regelmäßig Studien wie die des IT-Marktforschungsinstituts IDC aus Boston von vergangener Woche. Demnach würden Firmen vor allem die Gefahr zielgerichtete Hackerangriffe auf Personen und Firmenteile (APT-Angriffe) unterschätzen. Ob die Warnung angemessen ist oder nur den Verkauf von Software ankurbeln soll, weiß nur Gott.

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