Wirtschaft : Nach dem Börsen-Crash: Märkte setzen ihre Hoffnung auf Greenspan

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Mit Spannung haben die Kapitalmärkte am Montag auf eine Zinsentscheidung der amerikanischen Notenbank gewartet. Nach den Verlusten der vergangenen Woche an der Wall Street hofft vor allem die US-Wirtschaft auf eine deutliche Senkung der Zinsen an diesem Dienstag. Als wahrscheinlich gilt eine Verringerung der Tagesgeldzinsen um mindestens 0,5 Prozentpunkte. Am Neuen Markt gaben die Kurse unterdessen weiter nach.

Der für die Zinspolitik verantwortliche Offenmarktausschuss tritt an diesem Dienstag in Washington zusammen. An den europäischen und amerikanischen Börsen wurde am Montag darüber spekuliert, wie deutlich das Signal des US-Notenbankchefs Alan Greenspan ausfallen wird. Analysten sagten weiter fallende Kurse voraus, sollte die Fed den Erwartungen nicht gerecht werden. Für viele Anleger wäre eine Senkung um lediglich 50 Basispunkte eine Enttäuschung, hieß es am Montag an der Wall Street. "50 Basispunkte nach unten sind schon längst in den Kursen enthalten", sagten Händler. Nach dem überraschendem Anstieg des Verbrauchervertrauens in den USA rechneten allerdings immer weniger Marktteilnehmer mit einer Zinssenkung um 75 Basispunkte. Auch am Bankenplatz Frankfurt wurden Spekulationen über eine radikale Senkung der US-Leitzinsen für unwahrscheinlich gehalten. "Ein solcher Schritt könnte in Amerika als Panik interpretiert werden und eher schaden als nutzen", sagte der Chef-Volkswirt der Dresdner Bank, Klaus Friedrich.

Mangelndes Vertrauen der Investoren in die Marktentwicklungsetzte am Montag an den Börsen vor allem Telekom- und Technologie-Titel weiter unter Druck. Während die US-Börsen freundlich in den Handel starteten, fiel der Neue Markt in Frankfurt zeitweise auf ein neues Rekordtief. Der Nemax-50 stürzte unter die Marke von 1600 Zählern. Gegen Abend stand er bei 1586 Punkten - ein Verlust von 1,7 Prozent gegenüber dem Schlusskurs vom Freitag.

Die zweimaligen Zinssenkungen der US-Notenbank im Januar um einen ganzen Prozentpunkt sind inzwischen an den Börsen verpufft, eine psychologische Stütze für den Markt war die Entscheidung nicht. Seit der zweiten Zinssenkung Ende Januar ist der führende Aktienindex Dow Jones Industrial um mehr als neun Prozent abgesackt. An der US-Technologiebörse brach der Nasdaq-Index gar um 30 Prozent ein. Greenspan hat bisher nicht zu erkennen gegeben, wie der nächste Beschluss des Offenmarkausschusses aussehen wird. Die Leitzinsen stehen derzeit bei 5,5 Prozent (Tagesgeld) und 5,0 Prozent (Diskont). Mit der Kürzung um 75 Basispunkte würde der maßgebliche Zinssatz in den USA künftig bei 4,75 Prozent liegen. Dies wäre der niedrigste Stand seit November 1998 und derselbe wie in der Euro-Zone. "Wenn es einen Schnitt von 75 Basispunkten oder sogar mehr gibt, erwarten wir einen kurzfristigen Schub für die Märkte", sagt Hilary Cook von Barclays Stockbrokers in London. "Ob das von Dauer sein wird, ist eine andere Frage."

Inwieweit eine Zinssenkung der US-Notenbank auch die Europäische Zentralbank (EZB) zu einem Zinsschritt veranlassen könnte, wurde am Montag unterschiedlich beurteilt. Als Folge der massiven Kursverluste war zuletzt die Forderung nach einer konzertierten Zinssenkungsaktion beider Notenbanken laut geworden. Die Hamburger Berenberg Bank erwartet einen solchen Schritt nur dann, wenn es "extrem schlecht" um das weltweite Finanzsystem stehe. "Dies ist jedoch nicht der Fall", so die Privatbanker. Da die Fed - anders als die EZB - neben der Preisstabilität auch ein Wachstumsziel im Auge behalte, sei von einer Zinssenkung um 50 Basispunkte auszugehen. Auch die Schweizer Bank Sarasin erwartet angesichts einer Inflationsrate von mehr als zwei Prozent in Europa "kaum positive Impulse für das Börsengeschehen" von Seiten der EZB. Die Analysten von Morgan Stanley Dean Witter gehen hingegen davon aus, dass die EZB den als Leitzins fungierenden Hauptrefinanzierungssatz von zurzeit 4,75 Prozent spätestens im April senken wird. Mit einer baldigen Erholung der Aktienkurse rechnen die Experten allerdings nicht. "Es wird noch einige Zeit vergehen, bis das ramponierte Anlegervertrauen, wieder hergestellt ist", teilte die Investmentbank mit.

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