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Nach dem Brexit-Votum : Bank of England senkt Leitzins auf Rekordtief - Börse jubelt

Die Bank of England hat den Leitzins um 0,25 Prozentpunkte gesenkt. Das ist weniger als erwartet. Unklar ist, ob das ausreicht, um eine Rezession infolge des Brexit zu verhindern.

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Zinssenkung beschlossen: Die Bank of England in London
Zinssenkung beschlossen: Die Bank of England in LondonFoto: Reuters/Neil Hall

Die britische Notenbank reagiert auf den Brexit-Schock mit einer Leitzinssenkung. Der Schlüsselsatz wurde am Donnerstag auf das Rekordtief 0,25 von zuvor 0,5 Prozent gekappt. Damit liegt der Zinssatz auf einem neuen Rekordtief. Allerdings war an den Märkten eine Senkung um 0,5 Prozent erwartet worden.

Die Bank of England (BoE) weitete zudem ihr Wertpapierkaufprogramm überraschend aus. Das angepeilte Gesamtvolumen werde von derzeit 375 Milliarden Pfund auf 435 Milliarden Pfund erhöht. Die Entscheidung bedeutet, dass die Notenbank nun wieder Wertpapiere kaufen wird. Das bisherige Gesamtvolumen war bereits ausgeschöpft gewesen.

Die Bank of England lockerte damit erstmals seit März 2009 die Zügel, als sie gegen die Weltwirtschaftskrise ankämpfte. Zugleich deutete sie nun an, dass sie noch dieses Jahr zu einer weiteren Senkung in Richtung der Null-Linie bereit ist.
Hintergrund der Maßnahmen sind die befürchteten negativen Auswirkungen eines Brexit für die Wirtschaft Großbritanniens.

Es könnte sein, dass BoE-Chef Mark Carney deshalb nicht weiterging in seinen Maßnahmen, weil die Brexit-Befürworter ihm sonst vorwerfen würden, er wolle Panik schüren. Die Brexit Befürworter hatten ihm vor dem Referendum mehrfach vorgeworfen, er würde die möglichen negativen Folgen eines Brexit übertrieben darstellen. Dabei ist es eine Ironie, dass die Brexit-Befürworter einen Mann kritisieren, der die schlimmsten Auswirkungen ihrer Entscheidung mildern will.

Die Börse jubelt

Nach der Senkung der britischen Leitzinsen haben die Anleger am Donnerstag das Pfund Sterling aus ihren Depots geworfen. Die britische Währung brach um 1,3 Prozent auf 1,3158 Dollar ein. Kurz vor Bekanntwerden der Entscheidung hatte es noch über 1,33 Dollar notiert. Im Gegenzug zog auch der Euro zum Pfund um rund ein Prozent auf 84,56 Pence an.

Die Zinssenkung sei nicht überraschend, aber beim Anleihekaufprogramm seien die Markterwartungen übertroffen worden, sagte Helaba-Analyst Ulrich Wortberg. "Dies gilt auch vor dem Hintergrund, dass die BoE für die Zukunft weitere Maßnahmen in Aussicht gestellt hat."

An den Aktienmärkten freuten sich die Anleger über den Geldsegen: Der Index FTSE 100, der "Footsie", in London weitete seine Gewinne aus und kletterte um 1,4 Prozent. Auch der Dax notierte mit 10.257 Punkten 0,9 Prozent höher. Am Rentenmarkt zogen sowohl der Bund - als auch der Gilt -Future an.

Konjunktureinbruch befürchtet

Die Frage ist aber, ob die Maßnahmen ausreichen werden, um eine Rezession zu verhindern. In den vergangenen Tagen hatten Umfragen bei Unternehmen Schlimmes befürchten lassen.

Das Land steuert nach dem EU-Austrittsreferendum vom 23. Juni auf den stärksten Konjunktureinbruch seit sieben Jahren zu. Es herrscht Unsicherheit, ob Großbritannien künftig noch Zugang zum EU-Binnenmarkt haben wird. Dies drückt auf die Konsumlaune und lastet auf der Investitionsbereitschaft der Unternehmen.

Der Gouverneur der Bank of England, Mark Carney.
Der Gouverneur der Bank of England, Mark Carney.Foto: AFP

Gegenüber der Agentur Reuters haben sich mehrere Ökonomen in ersten Reaktionen geäußert. Kathrin Löhken von Sal. Oppenheim sagte: "Die Bank of England entscheidet sich für den großen Wurf, in dem zwar viele Maßnahmen gebündelt werden, die jedoch jeweils in eher kleiner Dosis eingesetzt werden. Das ist intelligent. Denn faktisch haben sich die negativen Auswirkungen der Brexit-Entscheidung noch nicht konjunkturell manifestiert. Die BoE will sich der mit der Brexit-Entscheidung entstandenen Unsicherheit entgegenstellen und hat sich für ein ganzes Maßnahmenpaket ausgesprochen: Moderate Zinssenkung, moderate Ausweitung des Anleiheankaufprogramms, Neuauflegung eines Ankaufprogramms für Unternehmensanleihen und Neuauflegung eines Liquiditätsprogramms.
Die Bündelung dieser Maßnahmen stellt darauf ab, über alle geldpolitischen Kanäle Liquiditäts- und Kreditprobleme zu beheben und die Wirtschaft zu beleben. Dadurch, dass jede Maßnahme für sich jedoch in ihrem Ausmaß besonnen ist, behält sich die BoE den Trumpf in der Hand, bei einer künftigen Verschlechterung der Wirtschaftslage nachlegen zu können."

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Thomas Gitzel, VP Bank, sagte Reuters: "Die Bank von England macht kurzen Prozess und eröffnet beim Kampf gegen den Brexit das Feuer. Eine Überraschung ist allerdings, dass die Notenbanker ihr Aufkaufprogramm erneut ins Rampenlicht befördern. Die Londoner Währungshüter reagieren damit nicht gerade zimperlich auf die spürbar gefallenen Konjunkturindikatoren. Die Wahrscheinlichkeit, dass das BIP im dritten Quartal schrumpft, nimmt täglich zu. Zinssenkungen und Anleihekäufe gleichen aber in Großbritannien dem Spiel mit dem Feuer. Die Inselökonomie sieht sich mit einem hohen Leistungsbilanzdefizit von 5 Prozent des BIP konfrontiert und ist auf einen stetigen Kapitalzufluss angewiesen. Je niedriger das Zinsniveau und damit uninteressanter eine Kapitalanlage ist, desto schwieriger wird es, die Löcher zu stopfen."

Ulrich Wortberg, Helaba, sagte: "Die Zinssenkung kommt nicht überraschend, nachdem die BoE bereits auf der letzten Sitzung im Juli geldpolitische Maßnahmen als Reaktion auf das Brexit-Votum in Aussicht gestellt hat. Mit der Wiederbelebung des Anleihekaufprogramms wurden die Markterwartungen übertroffen. Dies gilt auch vor dem Hintergrund, dass die BoE für die Zukunft weitere Maßnahmen in Aussicht gestellt hat." (mit Reuters/dpa)

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