• Nach dem Chaos am Mainzer Hauptbahnhof: Kritiker befürchten verschärften Personalmangel bei der Bahn

Nach dem Chaos am Mainzer Hauptbahnhof : Kritiker befürchten verschärften Personalmangel bei der Bahn

Die Bahn will hunderte Fahrdienstleiter einstellen - doch damit ist das Problem längst nicht gelöst, warnen Kenner des Unternehmens

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Ein Mann steht an einem Mainzer Bahnsteig, an ihm fährt gerade ein roter Regionalzug vorbei.
In Mainz rollt der Verkehr nach Wochen wieder ordnungsgemäß – Personal-Engpässe wird es aber noch lange geben.Foto: dpa

Berlin - Der Intercity nach Tübingen am Nachmittag war verspätet, zehn Minuten wies die Anzeigetafel aus. Ähnlich war es beim Regionalexpress nach Frankfurt am Main, eine „verspätete Bereitstellung“ bremste ihn aus. Doch das war kein Vergleich zu den Wochen zuvor: Der Verkehr im Mainzer Hauptbahnhof läuft seit Montag wieder. Zum Glück für die Deutsche Bahn – seit Anfang August war die rheinland-pfälzische Landeshauptstadt vom Fernverkehr abgekoppelt, auch viele Regionalbahnen konnten nicht halten. Personalmangel im Stellwerk stand dahinter – für die Bahn wurde dies zu einer bodenlosen Blamage im Sommerloch.

Ausgestanden ist das Thema noch lange nicht. Am Montag mussten Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) und Bahn-Chef Rüdiger Grube die peinliche Panne im Bundestag erklären. Und berichten, was man aus dem Vorfall gelernt hat. Hier wollte sich der Top-Angestellte des Bundes nicht lumpen lassen. „Am Geld wird es nicht scheitern. Wir machen das, was gemacht werden muss“, versicherte Grube nach der Sitzung des Verkehrsausschusses. Die gesamte Personalplanung wolle man noch einmal hinterfragen, und zusätzliche Fachleute nicht nur für die Stellwerke einstellen. Bis Jahresende will die Bahn gut 600 zusätzliche Fahrdienstleiter unter Vertrag nehmen – weil die aktuell 12 000 nicht reichen. „Die Bahn ist kostenmäßig ausgehungert worden“, sekundierte Ramsauer. Mit dem Stellenabbau sei es nun vorbei. „Wir bauen auf.“

Ausweislich eines Berichts aus seinem Haus ist das auch nötig. Beim Personal in Mainz hätten sich je Mitarbeiter 120 Überstunden sowie 28 Tage Resturlaub angesammelt, heißt es darin. Von den 18 Fahrdienstleitern und -helfern hatten sich im August fünf krank gemeldet, drei waren im Urlaub. In anderen Stellwerken gab es ähnliche Probleme – schon im Oktober 2012 hatten sich Bahn-Konkurrenten beschwert, deren Züge mangels Stellwerkern nicht mehr fuhren. Das Eisenbahn-Bundesamt und die Bundesnetzagentur nehmen die Personalplanung der Bahn nun genau unter die Lupe.

Die Gewerkschaften befürchten weiter, dass es auch andernorts Engpässe wie in Mainz geben könnte. „Jederzeit kann woanders eine ähnliche Situation entstehen“, warnte Alexander Kirchner, der Vorsitzende der Verkehrsgewerkschaft EVG. Trotz mehr Personal im letzten Jahr gebe es noch mehr Überstunden und Resturlaubstage. Neben Stellwerkern gebe es Engpässe bei Ingenieuren, die man erst in Jahren beheben könne, sowie bei Lokführern, berichtete Kirchner. Ebenso bezweifelt Claus Weselksy, Chef der Lokführergewerkschaft GDL, dass nun alles besser wird. Die Lokführer der Bahn hätten bereits jetzt so viele Überstunden angesammelt wie sonst in einem gesamten Jahr. „Jetzt höre ich immer wieder Beteuerungen, dass sich das System ändert, aber ich sehe es nicht.“ Das Personal werde noch immer dem Budget angepasst, nicht dem tatsächlichen Bedarf – damit „die, die ihre Zielvorgaben haben, erfolgreich sind“, sagte er mit einem Seitenhieb auf die Bahn-Manager. 1000 Lokführer fehlten der Eisenbahn insgesamt, bemängelte er. Eine ebenso große Lücke bei den Fahrdienstleitern sieht sein Gewerkschaftskonkurrent Kirchner.

Die Verkehrspolitiker nutzten das Thema Mainz überdies gerne für den Wahlkampf. „Es darf in der Zukunft solange keine Preiserhöhungen bei der Deutschen Bahn geben, bis die Qualität, die die Fahrgäste zu Recht verlangen, wiederhergestellt ist“, verlangte SPD-Verkehrsexperte Sören Bartol. Derzeit habe die Bahn mit dem Hochwasser, den Klimaanlagen und eben den Stellwerken zu viele Probleme auf einmal.

Die kleineren Parteien wollen eher über die Struktur der Bahn reden. Die FDP etwa fordert ein unabhängiges Schienensystem. „Das Netz muss vom Staat finanziert sein. Transport- und Logistik soll wie ein Unternehmen geführt werden und auch langfristig an die Börse gehen“, sagte FDP-Verkehrspolitiker Oliver Luksic. Das Netz dürfe seine Gewinne aber nicht an den Konzern überweisen. Anton Hofreiter, verkehrspolitischer Sprecher der Grünen, hat ähnliche Pläne. Er will das gesamte System ändern. „Der Renditedruck, die Struktur, die Zersplitterung der Infrastruktur – hier gibt es einen großen Reformbedarf“, stellte Hofreiter fest.

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