Nach dem Hochwasser : Die Geldprüfer von Mainz

Was geschieht, wenn das Ersparte im Fluss versinkt? 100.000 Scheine aus den Flutgebieten landen im Analysezentrum der Bundesbank. Die Experten dort sind noch ganz andere Fälle gewohnt.

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Angespült. Das Sommer-Hochwasser bereitet den Geldprüfern der Bundesbank in diesem Jahr viel zusätzliche Arbeit.
Angespült. Das Sommer-Hochwasser bereitet den Geldprüfern der Bundesbank in diesem Jahr viel zusätzliche Arbeit.Foto: dpa/Montage: Sascha Lobers

Wenn Rainer Elm auf Hochzeiten eingeladen ist, schaut er sich die Geschenketische immer ganz genau an. Ihn interessieren die Geldscheine, die – mal gefaltet, mal aufgeklebt, mal laminiert – in Grußkarten oder Blumensträußen stecken. Elm weiß, dass viele dieser Scheine bald auf seinem Schreibtisch liegen werden. „Jede zweite Hochzeit landet bei uns“, sagt er und lacht. Rainer Elm ist Leiter des Nationalen Analysezentrums der Deutschen Bundesbank in Mainz. Scheine und Münzen, die beschädigt sind, zum Beispiel, weil die Laminierung nicht mehr abgeht oder weil das Flusshochwasser sie aufgeweicht hat, werden zu ihm oder seinen Kollegen geschickt und dort untersucht.

Der laminierte Geldschein ist ein einfacher Fall, ihn zu prüfen dauert nur wenige Minuten. Auch an diesem Tag ist wieder so einer angekommen, zehn Euro, eingeschickt aus einer Filiale in Leipzig. Im Analysezentrum kümmern sich 13 Mitarbeiter um das beschädigte Bargeld. Die Geldscheine und Münzen kommen auf flache Holztabletts. Die meisten der jährlich rund 20 000 Fälle können schnell bearbeitet werden, ein kleiner Teil, etwa 500, landet bei Franz Herzog und Uwe Holz: verbranntes, geschreddertes oder durchweichtes Geld. Herzog und Holz sind die Spezialisten. Um das zu machen, was sie machen, muss man einen Auswahltest bestehen: Geduld, feinmechanisches Geschick, ein gutes fotografisches Gedächtnis und detektivisches Gespür sind erforderlich. 99 von 100 Kandidaten fallen durch.

Hochwasser in Deutschland
Das Hochwasser geht, der Schaden bleibt. Wie hier auf der Bundesstraßee 188 bei Kabelitz (Sachsen-Anhalt).Weitere Bilder anzeigen
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27.06.2013 21:23Das Hochwasser geht, der Schaden bleibt. Wie hier auf der Bundesstraßee 188 bei Kabelitz (Sachsen-Anhalt).

Franz Herzog – kariertes Hemd, Jeans, kein Banker – ist gerade dabei, die Überreste eines verbrannten Portemonnaies zu untersuchen. Auf dem Tablett liegen Aschereste, Herzog schaut durch ein Mikroskop, eine Kamera überträgt den vergrößerten Ausschnitt auf den Computer. Das Papier der Banknoten ist reliefartig, normales Papier dagegen glatt. In einem Schnipsel, klein wie Konfetti, erkennt Herzog direkt einen Zehn-Euro-Schein.

Geldbündel hart wie Backsteine

Ihm gegenüber sitzt Uwe Holz, auch er trägt ein kariertes Hemd und Jeans, auch auf seinem Tablett liegen Aschereste. Die Scheine wurden von einer Geldklammer zusammengehalten, sie sind nahezu komplett verbrannt. Als Uwe Holz sie aus der Klammer lösen wollte, zerfielen sie. Nun muss er die Aschereste sortieren und versuchen, die einzelnen Scheine zu rekonstruieren. Welche Summe liegt da vor ihm? Seine Arbeit erinnert an die von Archäologen, wenn sie Überreste von Vasen finden und sie mühevoll wieder zusammensetzen müssen. Wären die Scheine nicht auseinandergefallen, hätte Holz zwei Stunden gebraucht, jetzt sitzt er den fünften Tag daran.

Im vergangenen Jahr haben Holz und seine Kollegen 840 000 Banknoten bearbeitet. In diesem Jahr werden es wohl mehr werden, vor allem wegen der Flut in Süd- und Ostdeutschland. Rund 100 000 Scheine kamen aus den betroffenen Gebieten nach Mainz und anders als verbrannte oder geschredderte Scheine mussten sie sofort geprüft werden. „Wir mussten schnell arbeiten, weil das Geld zu schimmeln begann“, sagt Michael Erbert, der die Gruppe Beschädigtes Bargeld leitet. „Und wenn schlammige Scheine ganz getrocknet sind, kleben sie aneinander. Die Banknotenpäckchen werden hart wie Backsteine, das können wir nur noch schwer bearbeiten.“ Auch an diesem Tag liegt ein feuchtes Bündel auf einem der Tabletts, die Scheine kommen aus der Nähe von Dresden, immer noch Flutgeld.

Die Hälfte ist zu wenig

In Deutschland müssen mindestens 50 Prozent eines Scheins vorhanden sein, um den Betrag erstatten zu können. „Ist nur noch genau die Hälfte eines Scheins übrig, bekommt man nichts“, sagt Leiter Rainer Elm. „Das ist dann Pech.“ Denn die andere Hälfte könnte noch irgendwo sein und dann müsste der Betrag doppelt erstattet werden. Glück hat, wer nachweisen kann, dass der Rest eines Scheins vernichtet wurde. Daher ist es gut, wenn man ein verbranntes Portemonnaie komplett einschickt und nicht versucht, die Aschereste selbst herauszulösen. Die Vorgaben sind strikt, natürlich würde es nicht reichen zu behaupten: Mein Hund hat den Geldschein gefressen. Man müsste schon den ausgeschiedenen Schein einreichen.

Vorsätzlich zerstörtes Geld wird ebenfalls nicht erstattet. Wer Scheine und Münzen einschickt, muss einen Erstattungsantrag ausfüllen, darin soll beschrieben werden, wie das Geld beschädigt wurde. Einmal schrieb eine Frau, dass sie aus Wut die Scheine zerrissen habe. Das Geld bekam sie nicht wieder.

32 Millionen Euro sind 2012 erstattet worden, 2007 waren es noch knapp 17 Millionen Euro. „Durch die Bankenkrise und die niedrigen Zinsen auf Sparguthaben horten anscheinend mehr Menschen einen Teil ihres Geldes zu Hause“, sagt Rainer Elm. „Zumindest wird seitdem bei uns mehr beschädigtes Geld eingeschickt.“ 2007 waren es rund 450 000 Scheine, im vergangenen Jahr dagegen fast das Doppelte.

Holzbein und Gurkenglas als Verstecke ungeeignet

Zu den beliebtesten Geldverstecken der Deutschen gehört die Mikrowelle. Blöd nur, wenn jemand, der von dem Versteck nichts weiß, sie anschaltet. Euro-Banknoten bestehen aus reiner Baumwolle. Der Sicherheitsfaden im Geldschein wird heiß, der Schein beginnt zu brennen. Am Ende bleibt nicht mehr übrig als ein feiner Staub.

Doch es gibt auch ausgefallene Verstecke. Ein Mann hatte mehrere tausend Euro in sein Holzbein gesteckt. Er merkte nicht, dass die Scheine langsam Richtung Sohle rutschten, bei jedem Schritt zerrieben sie ein bisschen mehr. Eine Frau bewahrte ein Bündel in einem Gurkenglas auf, mit Gurken und Gurkenwasser. Nach Jahren zersetzten Essig und Gewürze das Geld.

Einmal wurden Scheine aus einer Filiale in Fukushima, Japan, eingeschickt. Das war kurz nach dem Erdbeben. Weil man nicht wusste, ob das Geld mit radioaktiven Substanzen kontaminiert war, musste der Tüv kommen. Die Scheine waren aber in Ordnung. In den meisten Fällen können Erbert und seine Kollegen helfen, die Erfolgsquote liegt seit Jahren bei deutlich mehr als 90 Prozent.

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