Nach dem Hochwasser : Mückenschutz - das Geschäft mit der Plage

Das Hochwasser hat nicht nur jede Menge Verwüstung zurückgelassen, sondern auch eine Mückenplage ausgelöst. Die Hersteller und Händler von Mückenschutzmitteln können sich darüber freuen.

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Eine Mücke sitzt auf menschlicher Haut.
Plagegeist. Stechen und saugen, das machen Mücken am liebsten.Foto: dpa-tmn

Vom Besuch eines Biergartens in der Altmark oder im Jerichower Land ist derzeit abzuraten. In der Dämmerung seien da und dort hunderte Stechmücken in „schwarzen Wolken“ über die Menschen hergefallen, berichtet das Umweltministerium von Sachsen-Anhalt. „Wir kämpfen mit einer überdurchschnittlich hohen Mückendichte“, sagt ein Sprecher.

Eine Folge des Hochwassers: Weil die Fluten in den Ebenen des Elbe-Saale-Winkels nur langsam ablaufen, breiten sich die Plagegeister millionenfach und rasend schnell aus. Ähnliches wird aus Bayern, Sachsen und Thüringen berichtet. Ein paar heiße Tage wirken wie ein Brutkasten für zahlreiche Arten. „Die Brutbedingungen sind optimal“, weiß das Umweltministerium in Magdeburg. Aggressive „Überschwemmungsmücken“, deren Eier sich mitunter über eine lange Zeit in Mulden und Wiesen angesammelt haben, „machen die Menschen verrückt“. Auch in Berlin sind nach dem feuchten Winter mehr Blutsauger unterwegs als üblich.

Für eine flächendeckende Bekämpfung ist es zu spät. Umweltschonende Mittel wie BTI (Bacillus thuringiensis israelensis) töten die Larven von Stechmücken, bevor die Plage ausbricht. Die Insekten sind aber längst geschlüpft. „Wir haben keine Waffen mehr in der Hand“, sagt der Ministeriumssprecher.

Im manchen Geschäften gibt es keine Mückenschutzmittel mehr

Wer sich jetzt in den Hochwasserregionen im Freien aufhält, muss deshalb den Nahkampf üben. Und darüber freuen sich die Hersteller und Händler von Mückenschutzpräparaten. In einigen besonders betroffenen Gegenden wird von leer geräumten Drogerie- und Apothekenregalen sowie Lieferproblemen berichtet.

Der Autan-Produzent SC Johnson, ein verschwiegenes Familienunternehmen aus den USA (Umsatz: neun Milliarden Dollar), registriert eine „gestiegene Nachfrage in Süd- und Ostdeutschland“. In Gebieten, in denen der Verbrauch außergewöhnlich hoch sei, „kann es zu Engpässen kommen“. Details lässt sich die deutsche Johnson-Niederlassung in Erkrath nicht entlocken. Seit 2002 ist SC Johnson mit Autan Marktführer beim Mückenschutz. Für mehr als 700 Millionen Euro hatte das Unternehmen 2002 die Haushaltsinsektizid-Sparte von Bayer gekauft.

Die ehemalige Bayer-Tochter Lanxess produziert bis heute den Wirkstoff Icaridin (Handelsname: Saltidin) für die US- Firma, die in Deutschland nach früheren Angaben 22 Millionen Euro Umsatz mit Insektiziden macht. „Da wir unseren Wirkstoff Saltidin weltweit ausliefern und Hochwasserkatastrophen sowie Mücken- und Zeckenplagen in den vergangenen Jahren zugenommen haben, sind wir auf solche Ereignisse vorbereitet“, beruhigt eine Lanxess-Sprecher. Noch seien die Läger voll. Eng könne es im kommenden Jahr werden: „Der Mehrbedarf durch Hochwasser oder Plagen kommt bei uns immer zeitlich verzögert an.“

Die Produktion von Antibrumm wurde bereits hochgefahren

Auch der „Antibrumm“-Hersteller Hermes Arzneimittel aus Großhesselohe bei München hat die Produktion seiner Mückenschutzmittel hochgefahren. „Wir erwarten mit Hochspannung die Zahlen für Juni“, sagt eine Sprecherin. Für die Antibrumm-Produkte, die früher von Togal hergestellt wurden, hat Hermes seit 2011 eine Kooperation mit der schweizerischen Vifor Pharma. Beliefert werden nur Apotheken; hier ist Antibrumm Marktführer. „Es ist sehr viel Bewegung im Markt“, sagt die Sprecherin.

Nach Angaben des Marktforschers IMS Health wurden 2012 in Apotheken 1,6 Millionen Packungen Mückenschutz aller Hersteller für 14,2 Millionen Euro verkauft. Dieses Jahr könnten es bis zu 400 000 mehr sein, sagt die Hermes-Sprecherin. Zahlen für den Drogeriemarkt und zu Marktanteilen insgesamt gibt es nicht.

Der Handel freut sich über die hohe Nachfrage nach Mückenschutz

Vom Boom der Mückenpräparate profitiert auch der Handel. Rossmann hat „im Juni im Vergleich zum Juni 2012 mehr als doppelt so viel Mückenschutz verkauft“. Lieferprobleme gebe es nicht. „Wir sind gut bevorratet“, heißt es. Es könne aber vorkommen, dass einzelne Filialen „mal ausverkauft sind“. Ähnlich Wettbewerber dm: „Besonders im Osten und Südwesten Deutschlands können wir einen sprunghaften Anstieg der verkauften Repellents (Insektenschutzmittel) feststellen“, sagt Petra Schäfer, für Marketing und Beschaffung zuständige Geschäftsführerin. Die Drogeriekette plane „in größeren Mengen“ und versorge „die vom Hochwasser stark betroffenen Gebiete bevorzugt“.

Mit der Bekämpfung der Mückenplage beschäftigte sich am Freitag auch der Landtag in Sachsen-Anhalt. Einstimmig wurde ein fraktionsübergreifender Antrag verabschiedet, in dem die Landesregierung zum Handeln aufgefordert wird. „Wir haben ein Problem, das wir sehr ernst nehmen“, sagte Umweltminister Onko Aeikens. Das Land prüft nun, wie man mit vereinten Kräften gegen die Mückeninvasion kämpfen kann. Vorbild könnte die Kommunale Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage am Oberrhein sein. Seit 1976 halten hier 98 Städte, Gemeinden und Kreise sowie das Land Baden-Württemberg Stechmücken in einem Gebiet von 6000 Quadratkilometern mit BTI in Schach.

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