Nach dem Öl : Die Suchttherapie

Nach der Krise steigt der weltweite Öldurst wieder. Wir brauchen den Stoff zum Frühstück und im Bett. Wege aus der Abhängigkeit werden gesucht.

von und

Morgens im Bad wird die Sucht zum ersten Mal gestillt: Beim Zähneputzen verbraucht der Mensch die ersten Liter Öl. Etliche werden zur Herstellung der Zahnpasta verwendet. Schon im Schlaf waren wir auf den Rohstoff angewiesen. Um die Matratze aus synthetischem Latex herzustellen, mussten rund 150 Liter Benzin verbraucht werden. Unter der Dusche geht es weiter: Shampoo und Duschgel enthalten den Stoff, ohne den wir nicht auskommen. In der Creme: Erdölprodukte, Paraffin, Silikone – Derivate aus Rohöl. Die Aspirin-Tablette, deren Wirkstoff Acetylsalicylsäure den Kopfschmerz vertreibt, besteht zu einem Drittel aus dem Rohstoff. Im Kofferradio, in der Kaffeemaschine, im Kühlschrank: überall Kunststoffe, die aus Öl entstehen. Um einen kompletten PC mit Monitor zu produzieren, werden im Schnitt 240 Kilogramm fossiler Brennstoffe zur Energiegewinnung verbraucht. Selbst im Gemüse steckt es. Bis zu ein Liter Öl verbrennt, damit ein Kilo Salat im Treibhaus wächst.

Öl, ein Stoffgemisch aus 500 vielfach einsetzbaren Komponenten, ist eine Droge, ohne die unser Alltag zum Stillstand käme. 90 Prozent des Rohstoffs verbrennen wir, um Autos, Maschinen oder Heizungen zu befeuern. Allein in Deutschland sind das 5,5 Millionen Tonnen pro Jahr. Der Rest steckt in fast allen Produkten des täglichen Lebens. 2009 wurden jeden Tag 80 Millionen Barrel (à 159 Liter) Rohöl gefördert und 84 Millionen rund um den Globus verbraucht, auch aus Reserven. Kaum vorstellbar, dass die Welt einmal ohne den Stoff auskommt. Doch früher oder später muss es dazu kommen. „Wir sind schon mitten in der Peek-Oil-Phase“, sagt Hans-Jochen Luhmann vom Wuppertal-Institut. „Peek oil“, das Fördermaximum, ist der Gipfel, von dem es nur noch abwärts geht – bis das Öl alle ist.

Die Menschheit muss umsteuern: US-Präsident Barack Obama nutzte die andauernde Ölkatastrophe im Golf von Mexiko vergangene Woche, um seiner bereits mehrfach angekündigten Energiewende mehr Schwung zu verpassen. „Letztlich ist Öl eine endliche Ressource“, sagte der US-Präsident ins seiner Rede voller Pathos seinen Landsleuten. Man verbrauche mehr als 20 Prozent des weltweiten Öls, verfüge aber über weniger als zwei Prozent der Vorkommen. Das sei ein Grund, warum Konzerne immer tiefer und tiefer im Ozean bohren. „Jahrzehntelang haben wir gewusst, dass die Tage billigen und leicht förderbaren Öls gezählt sind. Jahrzehntelang haben wir geredet und geredet über die Notwendigkeit, dass Amerika loskommen muss von seiner jahrhundertealten Sucht nach fossilen Rohstoffen. Und über Jahrzehnte haben wir darin versagt, mit dem nötigen Bewusstsein für die Dringlichkeit zu handeln, die diese Herausforderung erfordert.“ Der Weg sei blockiert gewesen – nicht nur durch Lobbyisten der Ölindustrie, sondern auch durch einen Mangel an politischem Mut und Aufrichtigkeit.

Wegen der Katastrophe im Golf dürfte der Ölpreis mittel- und langfristig steigen. Zum einen kommt im Ölzentrum der USA in und um Texas derzeit weniger Öl an, folglich wird weniger billiges Öl zu Produkten weiterverarbeitet. Öl- und Benzinhändler werden sich verstärkt auch auf dem europäischen Rohstoffmarkt in Rotterdam eindecken. Dadurch steigt auch in Europa die Nachfrage, was auch die Benzinpreise in Deutschland hochtreiben wird. Zudem könnte die Katastrophe dazu führen, dass in den USA und weltweit die Umweltauflagen für Ölbohrungen in der See verschärft und verteuert werden. Obama hat bereits ein Moratorium für neue Tiefseebohrungen verhängt, das zumindest ein halbes Jahr gilt.

Nun könnte man das als ein Zeichen werten, der Markt werde es schon richten, über das Verhältnis von Angebot und Nachfrage. Doch das Prinzip Öl sieht keinen Ausstieg vor, das Angebot steigt immer weiter, denn irgendwo ist immer Öl: 2008, als der Rohölpreis sein Rekordhoch von knapp 150 Dollar je Barrel erreichte, verdienten die Ölkonzerne besonders gut. Dieses Geld reinvestierten sie teilweise in neue Förderprojekte, um Öl an Orten aus der Erdkruste zu ziehen, die bisher unrentabel erschienen: In Kanadas Provinz Alberta fördern Konzerne seither verstärkt ölhaltigen Sand im Tagebau, in Venezuela entlang der Ufer des Orinoco liegt ein Drittel der weltweiten Ölsandvorkommen. Die garantieren dem Autokraten Hugo Chávez stabile Einnahmen und damit die Macht. Dieses Beispiel zeigt auch, dass diejenigen, die über Öl verfügen, aus Prinzip kein Interesse daran haben, dass es durch Substitute ersetzt wird.

Süchtige sollten die Schuld aber nicht auf den Dealer schieben, denn neben dem Angebot kennt auch die Nachfrage nach Öl keine Schmerzgrenzen. Was bei Zigaretten in Deutschland geklappt zu haben scheint – mit Anheben der Tabaksteuer über Jahre sank der Konsum – klappt nicht beim Benzin. Prügel von allen Seiten kassierte der Grüne Jürgen Trittin, als der 1998 forderte, ein Liter Benzin müsse fünf Mark kosten. Das wären heute umgerechnet 2,55 Euro. Ein Liter Super kostete damals 0,81 Euro. Bis heute stieg der Preis auf rund 1,45 je Liter inklusive aller Steuern und Abgaben. Den Spritverbrauch insgesamt hat das nicht reduziert: Die Deutschen fahren heute eher mehr als vor zwölf Jahren, Motoren deutscher Autos sind heute zwar effizienter, dafür im Schnitt PS-stärker. Der absolute Benzinverbrauch sinkt kaum.

Doch Autofahrer und -hersteller wissen, dass es nicht ewig so weitergehen kann. Weil der gesamte Transportsektor zu 98 Prozent vom Öl abhängig ist, stehen der Branche gewaltige Veränderungen bevor. „Jedes Prozent Effizienzsteigerung verringert die Abhängigkeit vom Öl“, sagt Matthias Wissmann, Präsident des Automobilverbands VDA. Doch mit ein paar Prozenten wird es nicht getan sein, wenn Benzin richtig knapp und für Normalverbraucher unbezahlbar wird.

Die Entwicklung batteriebetriebener Elektrofahrzeuge ist deshalb keine Modeerscheinung der Autoindustrie, sondern überlebenswichtig. Doch ganz ohne natürliche Rohstoffe kommt auch diese Technologie nicht aus. Gebraucht werden zum Beispiel Lithium, Kupfer, Kobalt oder die „seltenen Erden“ Neodym und Dysprosium. Das Berliner Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT) hat mögliche Engpässe bis 2030 geschätzt. „Die geologische Verfügbarkeit dieser Rohstoffe ist kein Problem, es gibt genug davon“, versichert Projektleiter Max Marwede. Mögliche Engpässe sind eher geopolitischer Natur. Marwede: „97 Prozent dieser Rohstoffe werden in China gefördert.“

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