Nach dem Rücktritt von Rüdiger Grube : Die Deutsche Bahn sucht einen Chef

Die Deutsche Bahn sucht einen Nachfolger für den zurückgetretenen Vorstandschef Rüdiger Grube – unter den denkbaren Kandidaten ist auch eine Berlinerin.

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Das Modell Bahn. Verkehrspolitiker der Opposition fordern einen Kurswechsel in der Bahnpolitik.
Das Modell Bahn. Verkehrspolitiker der Opposition fordern einen Kurswechsel in der Bahnpolitik.Foto: Getty Images

Am Tag nach dem überraschenden Rücktritt von Bahn-Chef Rüdiger Grube hat die Suche nach einem Nachfolger begonnen. Dabei zeichnete sich am Dienstag zunächst weder eine externe noch eine interne Lösung ab. Auch dem vor Grubes Abgang als „Kronprinz“ gehandelten früheren Kanzleramtschef Ronald Pofalla (57), der seit Jahresanfang Infrastruktur-Vorstand der Bahn ist, werden zumindest kurzfristig keine allzu großen Chancen ausgerechnet. Grubes Vertragsverlängerung um drei Jahre war am Widerstand des Aufsichtsrates gescheitert, der ihm – entgegen vorheriger Absprachen – nur zwei Jahre gewähren wollte. Bei der entscheidenden Abstimmung im Kontrollgremium hatten sich nach Tagesspiegel-Informationen die Vertreter der Arbeitnehmer enthalten. Der Personalausschuss des Aufsichtsrats wird sich nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur bereits am kommenden Montag wieder treffen.

Dem kommissarischen Vorstandsvorsitzenden, Finanzchef Richard Lutz (52), wird bescheinigt, ein exzellenter und integrer Finanzfachmann zu sein. „Aber er ist ein Controller, kein Bahner“, sagte ein Konzern-Kenner. „Lutz hat die Kraft für den Übergang.“ Auch die übrigen verbliebenen Bahn-Vorstände sollen dem Vernehmen nach nicht für den Chefposten zur Verfügung stehen. Personalvorstand Ulrich Weber (66), dessen Vertrag kürzlich verlängert wurde, geht in zwei Jahren in Rente. Berthold Huber (53) sitzt erst seit anderthalb Jahren im Vorstand und ist mit dem Personen- und Güterverkehr ausgelastet.

Berliner BVG-Chefin Nikutta war bereits bei einer Bahn-Tochter

Nicht ausgeschlossen ist, dass künftig eine Frau die Deutsche Bahn führt. In Frage kommen könnte zum Beispiel die Chefin der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), Sigrid Evelyn Nikutta. Bevor sie 2010 nach Berlin kam, arbeitete die promovierte Psychologin, die in Polen geboren wurde und in Westfalen aufgewaschen ist, als Produktionsvorstand bereits bei der Bahntochter DB Schenker Rail Polska in Polen. Als erste Frau steht sie nun an der Spitze des größten kommunalen Verkehrsbetriebs in Deutschland mit seinen rund 14 000 Mitarbeitern. Das Land Berlin hatte damals für diesen Posten gezielt nach einer Frau gesucht.

Nach Tagesspiegel-Informationen hatte Nikutta schon einmal die Möglichkeit, in den Bahnvorstand zu wechseln. Das ihr angebotene Personalressort reizte sie aber nicht, obwohl es besser dotiert war als ihre BVG-Bezüge, die 2015 bei knapp 485 000 Euro lagen. Grundsätzlich ist Nikutta nach Tagesspiegel-Informationen aber wechselbereit. Sie soll demnach auch schon ihre Fühler in andere Unternehmen ausgestreckt haben.

Allerdings ist sie nicht unumstritten. Ihr Vertrag ist im vergangenen Jahr erst nach einer Zitterpartie vom Aufsichtsrat verlängert worden. Ihre hohen Gehaltsvorstellungen konnte sie dabei nach Informationen dieser Zeitung nicht durchsetzen. Kritik gibt es auch, weil der erste Schritt für die Ausschreibungen zum Kauf der dringend erforderlichen neuen U- und Straßenbahnen erst Ende des vergangenen Jahres erfolgt ist. Unzufrieden sind Teile der Belegschaft zudem mit ihrem Führungsstil. Nikutta hat langjährige Führungskräfte aus dem Unternehmen gedrängt oder auf unbedeutende Posten abgeschoben und Mitarbeiter aus ihrem engen Umfeld befördert.

Die Opposition verlangt einen Kurswechsel

Als kompetente Bahn-Manager empfehlen sich nach Einschätzung von Fahrgastverbänden auch die Chefs der Bahn- Wettbewerber Abellio, Stephan Krenz, und Transdev, Christian Schreyer. Letzterer hatte seit 2000 bei der Bahn verschiedene Führungspositionen inne und war von 2006 bis 2010 verantwortlich für die Konzernstrategie. Genannt wird auch Lutz Bertling, bis Ende 2015 Präsident der Zugsparte des kanadischen Flugzeug- und Zugherstellers Bombardier.

Die Opposition verlangte nach dem Abgang Grubes eine Kursänderung. „Mit dem Personalwechsel sollte es auch einen Strategiewechsel geben“, sagte Grünen-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt der „Rheinischen Post“. „Statt sich in unnötigen Prestigeprojekten oder fragwürdigen Investitionen in Übersee zu verheddern, sollte sich die Bahn auf ihr solides Kerngeschäft konzentrieren.“ Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) solle „endlich die Hände aus den Hosentaschen nehmen“ und für einen Neuanfang sorgen. Göring-Eckardt forderte als Grube-Nachfolger einen „echten Experten der Bahnbranche“.

Nachfolger "nicht im Hinterzimmer ausdealen"

Die Neubesetzung des Chefpostens „darf nicht im Hinterzimmer zwischen Union und SPD ausgedealt werden“, hatte der bahnpolitische Sprecher der Grünen, Matthias Gastel, nach Grubes Rücktritt erklärt. „Jetzt muss das Parlament Gelegenheit haben, über die Neuausrichtung der Bahnpolitik zu beraten.“ Wichtiger als die Person sei der neue Auftrag. Deutschland brauche ein starkes Konzept für die Entwicklung des Schienenverkehrs.

SPD-Fraktionsvize Sören Bartol empfahl, „jetzt kühlen Kopf zu bewahren und nichts zu überstürzen“. Es gelte nun, „Fachlichkeit in den Konzern zu holen“, sagte Bartol dem Tagesspiegel. Der neue Bahn- Chef müsse jemand sein, „der Schienenverkehr zu bezahlbaren Preisen in Deutschland organisieren kann und dabei Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit zum Markenzeichen der Bahn macht“.

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Bahn-Chef Rüdiger Grube tritt überraschend zurück
Bahn-Chef Rüdiger Grube tritt überraschend zurück

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