Wirtschaft : Nach dem Verbot durch die EU-Kommission müssen sich Volvo und Scania neu orientieren

Jörgen Detlefsen

Die rote Ampel, mit der EU-Wettbewerbskommisar Mario Monti die Fusion der beiden schwedischen Nutzfahrzeugehersteller Volvo und Scania gestoppt hat, könnte bald auf freie Fahrt für einen anderen großen Zusammenschluss in der Fahrzeugindustrie geschaltet werden. Volvo wie Scania sind als starke, gut geführte Unternehmen durchaus im Stande, selbstständig weiterzuleben. Der weitaus größere Volvo-Konzern will bei dem großen Fressen noch zunehmen; Scania ruft etwas defensiver nach "stabilen Eignerverhältnissen". Ohne Zweifel aber stellen beide schmackhafte Bissen für die Konkurrenz dar.

Das Nein aus Brüssel kam nicht unerwartet, und man muss sich fragen, weshalb die Hausjuristen Volvo-Chef Leif Johansson nicht von vornherein von dem großen Deal abrieten. Volvo hatte im Januar 1999 überfallartig 13 Prozent des schwedischen Konkurrenten aufgekauft und bot die Gesamtübernahme Scanias an; mit 80 000 Volvo- und 46 000 Scania-Lkw pro Jahr könnte man gemeinsam einer der Allergrößten werden. Scanias Großeigner, die Wallenberg-Holding Investor, und Scania-Chef Leif Östling schäumten vor Wut, zogen aber schließlich mit. Inzwischen hat Volvo 45,5 Prozent der Scania-Aktien aufgekauft; Investor hält noch 27,8 Prozent. Die Holding hat 5,4 Prozent von Volvo erworben und sollte dort im Gegenzug zweitgrößter Eigner mit über zehn Prozent werden. Gemeinsam hätten die beiden Hersteller jedoch eine marktbeherrschende Stellung in Skandinavien erreicht.

Fast selbstverständlich, dass die EU dieser nordischen Elefantenhochzeit nicht ihren Segen geben konnte; die - auch noch zu spät - nachgeschobene Selbstbeschränkung, den Absatz in Skandinavien um zehn bis 15 Prozent zu senken, konnte Kommissar Monti nicht gnädig stimmen. Vorwürfe, Monti sei als ehemaliger Aufsichtsrat bei Fiat, die zu den Nutznießern des schwedischen Debakels gehören könnte, befangen und Klagen, die EU begreife nicht die besondere Situation in den kleinen nordischen Ländern, sind als Erscheinungen der fast chauvinistischen Reaktionen in Schweden zu werten. Dort hatten bislang die zumeist regierenden Sozialdemokraten Hand in Hand mit den großen Konzernen gewirkt, um den Markt und damit auch die Arbeitsplätze in den eigenen Unternehmen zu erhalten. Dieses schwedische Modell dürfte nun endgültig der Geschichte angehören, nicht nur als Konsequenz der EU-Entscheidung, sondern auch als Folge der Globalisierung. Außenhandelsminister Leif Pagrotzky erklärte denn auch ernüchternd, das zunehmende Interesse ausländischer Konzerne an schwedischen Unternehmen - bewiesen unter anderem am Verkauf der Saab-Pkw an General Motors und der Volvo-Pkw an Ford - sei zukunftsträchtig für das kleine Land.

Volvo will ganz nach vorn

Volvo will seine Scania-Beteiligung vorläufig aufrechterhalten. In erster Linie aber gedenkt Volvo laut Johansson, "gute Geschäfte zu machen" und als aktiver Spieler an dem großen Ringen um den Lkw- und Busmarkt der gesamten Welt mitzuwirken und dabei "ganz vorn zu liegen". Man werde Fusions- oder Akquisitionsalternativen in Europa, Nordamerika und Asien suchen, die bereits bestehende Zusammenarbeit mit Mitsubishi, wo Volvo in den Lkw-Sektor eingestiegen ist, solle ausgebaut werden, vielleicht auch auf den Bussektor. Scania ist etwas bescheidener, will aber ebenfalls expandieren. Branchenbeobachter nennen als "heiße" Kandidaten Renault, MAN und Iveco sowie die US-Firmen Paccar und Navistar.

Die Spekulationsobjekte sind jedoch ihrerseits ebenfalls Mitspieler an dem zu erwartenden Poker, und als große Akteure dürften sich auch DaimlerChrysler, VW, Fiat und GM daran beteiligen. Nicht auszuschließen, daß Volvo und/oder Scania selbst gefressen werden. Scania gilt als attraktives Übernahme-Objekt für die Ambitionen von VW, in den Sektor schwere Lkw einzusteigen. Volvos Aktie ist im Zuge der zunehmenden Hindernisse auf dem Weg zur Übernahme Scanias gesunken, das Unternehmen ist mit etwa 100 Milliarden Schwedenkronen Börsenkapitalisierung eindeutig unterbewertet und damit billig. Andererseits hat Volvo seine Scania-Aktien, die derzeit bei etwa 250 Kronen liegen, zu Preisen von bis zu 309 Kronen gekauft; Volvo hat deshalb kein Interesse daran, diese mit Verlust abzugeben. Ein nicht zu übersehender Akteur ist außerdem die Wallenberg-Holding Investor, die ihre Beteiligungen an Scania und Volvo teuer veräußern will. Womöglich wird der Verkauf der schwedischen Fahrzeugaktien bald interessanter; denn die Börse reagierte jedenfalls im Falle Volvos positiv auf das rote Licht aus Brüssel. Die Anleger, ob nun schwedische oder ausländische, lassen sich nämlich nicht von blau-gelben, sondern ausschließlich von finanziellen Erwägungen leiten.

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