Wirtschaft : Nach den Fusionen folgen jetzt die Verkäufe

PETER HEIN

Die Szene ist nicht ohne Ironie: Noch zu Anfang des Jahres waren deutsche Konzerne geradezu im Größenrausch.Es ging Schlag auf Schlag.Eine Übernahme- oder Fusionsmeldung jagte die nächste: Zuerst ging Daimler mit Chrysler zusammen, dann bandelte die Deutsche Bank mit Bankers Trust.

Rund fünf Monate später weht der Wind aus der entgegengesetzte Richtung.Immer mehr Konzerne greifen in ihre Schmuckschatulle und machen Teile ihres Imperiums zu Geld.Die Bayer AG verkaufte zum Beispiel in dieser Woche 65 Prozent der Anteile an der belgischen Agfa-Gevaert N.V.an das breite Anlegerpublikum.Dicht darauf folgt der Veba-Konzern, der bis Mitte Juni 49 Prozent seiner Logistik-Tochter Stinnes an den Mann bringen will.Und aus dem Metro-Besitz strebt die Computer-Tochter Maxdata an den Neuen Markt.Abspaltungen von Unternehmensteilen durch Ausgliederung oder Neugründung mit anschließendem Börsengang - im Fachjargon Spin-off genannt - sind in Deutschland nichts Neues.Doch jetzt gibt es einen wahren Boom.Allein von den Dax-Unternehmen arbeitet mindestens ein knappes Dutzend eifrig an Börsenplänen für ihre Töchter.

Zweifellos nutzen die Emittenten die Gunst der Stunde.Auch wenn die Aktienkurse zur Zeit nicht so gut laufen wie vor einem Jahr: 1999 wird das Jahr der Neuemissionen.Für Unternehmen, die sich von Teilen ihres Besitztes trennen wollen, ist der Kapitalmarkt zu einer echte Alternative geworden - zu einer lukrativen dazu.Ein großes Interesse ist schließlich gut für die Preise.Ein einzelner Käufer zahlt bei einem Unternehmenskauf selten mehr als das zehn- bis zwölffachen des Jahresgewinns.Der Börsengang bringt dagegen im Schnitt das 15-fache in die Kasse des Verkäufers, am Neuen Markt werden für eine Emission locker Kurs-Gewinn-Verhältnisse von 20 oder 30 erzielt.Der Preis alleine spielt allerdings nicht die einzige Rolle.In Zeiten der Shareholder-value-Orientierung durchforsten immer mehr Konzernlenker kritisch ihr Beteiligungsportfolio.Zurück zum Stammgeschäft, heißt dabei das Motto.Töchter, die nicht mehr zur Konzernstrategie passen oder zu ertragsschwach sind, werden abgestoßen."Wir verkaufen Agfa, weil wir unsere Ressourcen in Zukunft voll auf den Ausbau unser Kerngeschäfts konzentrieren wollen", erklärte etwa Bayer-Chef Manfred Schneider seinen Aktionären auf der letzten Hauptversammlung im April.Ein Spin-off hat dabei für die bisherigen Eigner den Charme, daß er dabei nach dem Prinzip "Teile und Herrsche" verfahren kann.In der Regel bringt er nicht die ganzen Anteile an die Börse, sondern behält zumindest eine Sperrminorität von 25 Prozent.Auf diese Weise läßt sich der Großteil des Vermögens versilbern, der Großaktionär behält aber trotzdem das Sagen.Trotzdem heißt das nicht, daß Spin-offs für die Konzerne eine willkommene Möglichkeit sind, ihre Ladenhüter zu entsorgen.Auch sie haben ein hohes Interesse daran, daß sich der Aktienkurs ihrer Tochter positiv entwickelt.Schließlich steigt im selben Maße auch der Wert der eigenen Beteiligung, wovon wiederum auch die Alt-Aktionäre durch einen wahrscheinlichen Kursaufschlag profitieren.Oft zeigt ein Spin-off erst den Wert der Tochter, die bis dahin lediglich zum Buchwert auf dem Papier stand.Nicht zuletzt schaffen sich die Unternehmen auf diese Weise eine höchst kaufkräftige Akquisitionswährung.Statt neue Beteiligungen in Cash zu bezahlen, geben sie Aktien ihrer Tochter aus dem Bestand.Abgerechnet wird dabei selbstverständlich zum Börsenkurs.Das Beispiel Hoechst zeigt, daß auch die Anleger profitieren können.Als der Frankfurter Chemie-Gigant 1995 den Graphithersteller SGL-Carbon an die Börse brachte, setzte die Aktie gleich zum Steilflug an.Sie gehörte bis zum Herbst 1997 zu den Top-Performern am deutschen Kapitalmarkt und die Deutsche Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz kürte das Papier seinerzeit gar zur besten Neuemission.Bei Spin-offs gilt deshalb das gleiche wie bei jeder Neuemission: Die Story des Unternehmens zählt.

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