Wirtschaft : Nach den Panzern kommen die Geschäftsleute

Kuwaitische Unternehmer rüsten sich schon für eine schnelle wirtschaftliche Invasion in den Nachbarstaat Irak

Chip Cummins[Kuwait-Stadt]

Saad Al-Barrak ist auf den Irak-Krieg bestens vorbereitet. Auf dem Parkplatz vor seinem Büro warten zwei Anhänger auf den Einsatzbefehl. Der Chef des größten kuwaitischen Mobilfunkanbieters Mobile Telecommunications hat die Anhänger mit Funkgeräten, Stromgeneratoren und einem zusammenklappbaren, 22 Meter hohen Funkturm beladen lassen. Im Gefolge der vorrückenden US-Soldaten sollen Lastwagen die Anhänger in den Irak schaffen. Dort kann jede Station nach wenigen Stunden rund 25 000 Mobilfunkanrufe senden und empfangen. „Wir sind bereit“, sagte Barrak schon vor einigen Tagen.

Internationale Konzerne haben sich über Geschäftschancen im Nachkriegs-Irak noch keine großen Gedanken gemacht – im Gegensatz zu kuwaitischen Unternehmen. Zahlreiche Firmen haben sich für den Kampf um die mehr als 20 Millionen potenziellen irakischen Kunden gerüstet. Der Irak könnte immerhin bald ein Wachstumsmarkt sein. Der Eifer der Kuwaitis mag unziemlich sein. Doch die kampflustigen Geschäftsmänner dieses winzigen Emirates mit rund 2,3 Millionen Einwohnern sehen in einem Sturz von Saddam Hussein die Chance ihres Lebens. Auch Barraks einziger kuwaitischer Konkurrent, die Wataniya Telecom, lotet die Geschäftsmöglichkeiten im Irak aus. Eine kuwaitische Holdinggesellschaft, die Autos vermietet und verkauft, hat bereits Büroräume in Bagdad gemietet. Und der Betreiber der Duty-free-Zone in Kuwait-Stadt spielt mit dem Gedanken, rasch nördlich der Grenze zu expandieren. Er will an der irakischen Küste eine Hotelanlage, Golfplätze und Geschäfte einrichten.

„Die meisten Menschen erwarten, dass sich im Irak Geschäftsmöglichkeiten auftun und dass (kuwaitische) Unternehmen diese durchaus nutzen können“, sagt Rola Dashti, Manager eines Finanzberatungsunternehmens und Schatzmeister der kuwaitischen Wirtschaftsgesellschaft. Zum Wirtschaftsforum gehören Banker, Unternehmer und Manager der Ölindustrie. In der vergangenen Woche diskutierte die Gesellschaft schon zum zweiten Mal über das Nachkriegs-Irak. Angesichts dieser Aufbruchstimmung ist es kein Wunder, dass der Aktienindex der normalerweise schläfrigen kuwaitischen Börse in diesem Jahr um 15 Prozent gestiegen ist.

Kaum jemand rechnet damit, dass der Schritt auf den irakischen Markt einfach ist. Und nicht jeder hält ihn für eine gute Investition. Einige Banker sagten bereits, sie gäben einem Unternehmern nur dann einen Kredit, wenn im Irak schnell eine stabile neue Regierung entsteht. Trotzdem planen viele kuwaitische Unternehmen eine Irak-Offensive.

Barrak verfolgt diesen Plan, seit er im vergangenen Juni die Führung von Mobile Telecommunications übernahm. Der kleine, untersetzte Ingenieur soll das frühere Staatsmonopol – das inzwischen auch mit dem Weltmarktführer Vodafone kooperiert – auf Vordermann bringen. Da die Hälfe der kuwaitischen Bevölkerung bereits ein Handy hat, hielt Barrak nach neuen Märkten Ausschau. Anfang des Jahres beteiligte er sich mit 97 Prozent an einem großen jordanischen Mobilfunkbetreiber. „Es war klar, dass etwas mit dem Irak geschehen würde“, sagt Barrak. „Und mit Jordanien haben wir einen weiteren Zugang zu diesem Schatz.“ Über den Zwei-Fronten-Angriff aus Kuwait und Jordanien will Mobile Telecommunications rasch ein Netz in der südirakischen Stadt Basra und an der belebten Autobahn von Jordanien nach Bagdad aufbauen. Dafür hat das Unternehmen jüngst in Nordkuwait zusätzliche Sendemaste aufgestellt.

Auch Autohändler bereiten sich auf das Kriegsende vor. Die Holdinggesellschaft Northern Gulf Trading hat bereits Büros, Lager und Räume für eine Autowerkstatt in Bagdad gemietet – und in der Nähe des kuwaitischen Hafens riesige Flächen. Zum einen sind sie für bis zu 1500 Fahrzeuge gedacht, damit diese schnell in den Irak verschifft werden können – zum anderen plant Unternehmenschef Amin Kadrie, sie für den Einzelhandel zu nutzen. Er hofft, dass eines Tages Horden irakischer Einkäufer kommen. Kadrie: „In Krisenzeiten kann man zwei Sachen tun: Man kann CNN anschalten und George Bush anschauen oder man kümmert sich um die Geschäfte.“

Texte übersetzt und gekürzt von Tina Specht (Irak), Karen Wientgen (Kuwait), Matthias Petermann (Frankreich), Christian Frobenius (Liechtenstein) und Svenja Weidenfeld (China).

Mehr lesen? Jetzt gratis E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben