Wirtschaft : Nach der Entscheidung der US-Notenbank hat sich die Aufregung gelegt

Henrik Mortsiefer

Steigende Zinsen sind Gift für den Aktienmarkt. - Als gelte es, diese alte Börsenweisheit zu widerlegen, stürmten Börsianer nach der Erhöhung der US-Leitzinsen am Dienstag dieser Woche den Aktienmarkt. Wie befreit reagierten die Märkte auf die Entscheidung der US-Notenbank, den Tagesgeldsatz und den Diskontsatz um einen viertel Prozentpunkt anzuheben. Bei 11 326 Punkten markierte der Dow-Jones sein Allzeithoch.

Verdrehte Welt: Vor wenigen Wochen noch lagen die Nerven der Händler und Anleger blank, weil die Zinsangst wieder umging. Die Börsenwelt schien in Ordnung. Der Dax rutschte unter die 5000-Punkte-Marke, und auch der Dow-Jones-Index ging in die Knie. Als Greenspann dann am Dienstag - entsprechend seiner Ankündigung von vor zwei Monaten, vorsorglich einer Inflation entgegenwirken wollen - ein weiteres Zinssignal setzte, war der Markt schon einen Schritt weiter. Die Börsianer hatten alles in ihren Kursen bereits vorweggenommen. Business as usual.

Inzwischen hat sich die Euphorie wieder gelegt. Die Kurse bewegen sich langsam aber sicher nach unten. Die Ruhe dürfte an den Märkten auch deshalb wieder eingekehrt sein, weil nach Greenspans Aussagen zur künftigen Geldpolitik die Wahrscheinlichkeit weiterer Zinsschritte kleiner geworden ist. Und dieses Zukunftszenario ist für Händler und Bankanalysten fast noch wichtiger als die Zinsentscheidung selbst. Vorsichtige Beobachter warnen indes vor allzu viel Optimismus und verweisen auf die drei Zinssenkungen der Fed Ende vergangenen Jahres (siehe Artikel auf dieser Seite). Wird Greenspan also noch einen dritten ausgleichenden Schritt nach oben tun? Womit sollten Anleger rechnen, wenn sie sich jetzt an der Börse engagieren wollen?

Mit Blick auf Euroland und den deutschen Aktienmarkt ergibt sich zunächst ein anderes Bild als in den USA, wo die Konjunktur Überhitzungssymptome zeigt. In Europa sind die Inflationsraten niedrig, Gewinne und Produktivität innerhalb der Unternehmen zeigen weiter nach oben, und es gibt immer noch Fusionsphantasie. In der Hoffnung, den gerade anspringenden Konjunkturmotor zu schmieren, hat die Europäische Zentralbank die Zinsen unverändert gelassen. Kein Anlaß also für neue Zinsängste, sollte man meinen. Doch die Pessimisten haben schon wieder Witterung aufgenommen. Für sie gibt es nur eine Botschaft: Wenn die Wirtschaft boomt, dann steigen automatisch auch die Zinsen. Und die Zahlen geben ihnen recht: Seit April sind Renditen zehnjähriger Bundesanleihen von 3,65 Prozent auf fast fünf Prozent gestiegen. Damit folgten sie den US-Staatsanleihen, die die sechs Prozent übersprungen haben.

Konservative Zinsanleger, die auf Nummer Sicher gehen wollen, haben eine Reihe von Alternativen, um steigenden Zinsen zu entkommen. Sie greifen zu Bundesschatzbriefen oder variabel verzinsten Anleihen. Auch defensive Aktien mit Substanz aus Euroland gehören ins Depot. Spekulative Anleger setzen entweder auf Optionsscheine oder nutzen das inzwischen gesunkene Kursniveau am Aktienmarkt zum preiswerten Einstieg. Die Aufmerksamkeit sollte sich dabei auch auf den Neuen Markt richten, denn aufkommende Zinsängste treffen Zukunftswerte am stärksten. Aber auch im Dax oder im Euro Stoxx lockt so manche Gelegenheit.

Sollte in Euroland wie erwartet in der zweiten Jahreshälfte die Konjunktur anziehen, werden sich langsam die Wachstumsunterschiede Europas zur US-Wirtschaft verringern. Im Einklang damit nehmen auch die Zinsunterschiede am Kapitalmarkt ab. Mit Blick auf die Rendite der marktbestimmenden zehnjährigen Staatsanleihe im Euroland sollten Privatanleger nicht auf kurzfristige Schwankungen spekulieren. Das kostet nur Gebühren und schmälert die Rendite. Bei Laufzeiten von drei bis fünf Jahren verzichtet der Anleger auf nicht zu viel Ertrag, legt sich aber auch nicht zu lange fest. Immerhin kann er mit Pfandbriefen gegenüber Bundeswertpapieren noch einen Zusatzertrag von aktuell 33 Basispunkten einstreichen, ohne dass er ein höheres Risiko eingeht. Wird das angelegte Geld zu einem festen Zeitpunkt wieder gebraucht, sind Jumbo-Pfandbriefe zu empfehlen, die jederzeit wieder verkauft werden können. Wem die Staatstitel zu mager erscheinen, hat eine weitere Alternative: Einen zehntel Prozentpunkt mehr als Bundespapiere bringen manche Bankschuldverschreibungen.

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