Wirtschaft : Nach der Erstarrung, vor der Zerreißprobe

Die Börse setzt auf den Umbau des Konzerns, der in den letzten Jahren unter der Schwäche Agnellis litt

Claudia Russo

Mailand. Die Nachricht vom Tod Giovanni Agnellis hat die Börse bewegt. Der Kurs der Fiat-Aktie machte einen Sprung nach oben. Jahrelang ging es nur abwärts. Genauso wie mit dem gesamten Imperium der Familie Agnelli. Doch seit Freitag steigt die Hoffnung auf eine erfolgreiche Sanierung. Beobachter vermuten, dass Fiat seine Autosparte ausgliedern wird. Folge: Der Konzern könnte ohne sein Kerngeschäft vor allem eine reine Dienstleistungs- und Finanzholding werden.

Die größte italienische Industriegruppe Fiat befindet sich seit Herbst vergangenen Jahres in einer schweren Krise. Schätzungen zufolge fuhr allein das Autogeschäft 2002 einen Verlust von 1,2 Milliarden Euro ein. Ein Restrukturierungsplan sieht die Entlassung von tausenden Mitarbeitern des Traditionsunternehmens vor. Der Konzern beschäftigt allein in der Autosparte 35 000 Menschen. Weltweit arbeiten 300 000 Menschen für das Unternehmen.

Noch steht aber eine Zerschlagung nicht bevor. Für die Zukunft des weitverzweigten und hochdiversifizierten Mischkonzerns Fiat gibt es viele Szenarien. Sollte sich das Management entscheiden, seine defizitäre Autotochter zu behalten und zu sanieren, könnten andere Beteiligungen zum Verkauf anstehen. Zum Beispiel die 100-prozentige Flugzeug- und Raumfahrttechnik-Tochter Fiat Avio, über die der Konzern bereits Verkaufsverhandlungen geführt hat.

Ein zweites Juwel: Der Erstversicherer Toro, den Fiat ebenfalls zu 100 Prozent kontrolliert. Analysten schätzen den Wert Toros auf rund drei Milliarden Euro. Bisher war es Giovanni Agnellis Bruder Umberto, der sich einem Verkauf der Fiat-Beteiligungen widersetzt hatte. Er würde lieber die Autosparte ganz an den amerikanischen Joint-Venture-Partner General Motors abgeben. Umberto hat nach dem Tod Giovannis erst einmal die Fäden des Familien-Imperiums in der Hand.

Was Umberto Agnelli vorschwebt: Die Fiat-Holding würde neben Avio und Toro vor allem auch seine Beteiligung am Lkw-Bauer Iveco und beim Nutzfahrzeughersteller Case New Holand (CNH) behalten. Weiterhin auf der Agenda dürfte dann auch das Engagement Fiats auf dem Energiesektor bleiben: Im Sommer 2001 hatte Fiat gemeinsam mit dem französischen Stromkoloss EdF das Energieunternehmen Edison übernommen und dabei die Energieholding Italenergia ins Leben gerufen – Umberto Agnelli wird nachgesagt, dass er das Stromgeschäft als strategisch wichtig betrachtet.

Dagegen warten Experten mit Spannung, was in Zukunft mit dem Sportwagenhersteller Ferrari geschehen wird, an dem Fiat heute noch 56 Prozent hält. 34 Prozent sind im Besitz der befreundeten Mailänder Investmentbank Mediobanca, und beide sind sich einig: Ferrari soll schon bald an der Börse notiert werden. Sowohl die Fiat-Gläubigerbanken wie auch Umberto Agnelli würden die Autosparte am liebsten rasch aus der Konzerngruppe ausklammern, mit den Nobelmarken Maserati, Alfa Romeo und schließlich Ferrari fusionieren und die neu entstandene Gruppe dann komplett an die Börse bringen.

Der wahre Kern des Problems aber ist die von der Fiat-Familie kontrollierte komplexe Holdingkette Ifi-Ifil, über die die Agnellis wiederum die Fiat-Holding fest im Griff halten. Darunter verbirgt sich ein fast undurchschauberes Geflecht an Beteiligungen unter anderem auch an dem Fußballclub Juventus Turin, an der Kaufhauskette Rinascente, dem Magazinverlag Rizzoli und dem Reiseveranstalter Alpitour. Diese Beteiligungen könnten bei der Familie verbleiben. Aber die Familie braucht frisches Kapital. Erwartet wird eine Hilfe der Mediobanca, um den Bestand von Ifi-Ifil zu garantieren. Damit würde die einflussreiche Mediobanca aber ihren Einfluss bei Fiat weiter erhöhen.

Noch macht der Automobilbereich rund 41 Prozent des Umsatzes bei Fiat aus. In Zukunft wird sich der Verteilerschlüssel zugunsten der Dienstleistungen verschieben. Bisher ist jedoch nicht entschieden, wer neben einer angepeilten Kapitalerhöhung als „Retter” und Geldgeber fungieren wird. Da ist zum einen der norditalienische Investor Roberto Colaninno. Auch er will die Autosparte ausgliedern, nimmt aber für sich selbst den Vorstandsposten des Fiat-Konzerns in Anspruch. Gleichzeitig ist er aber dazu bereit, weniger Aktien als die Agnelli-Familie mit ihrer Ifi-Ifil-Holding zu halten. Ganz anders sein Konkurrent Emilio Gnutti: Der Finanzier will Geld in den Fiat-Konzern schießen, ohne dass er dabei ein operatives Führungsamt bei Fiat anstrebt.

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