Wirtschaft : Nach der Kirch-Pleite: Schlechte Aussichten für Premiere

mot/tmh

Die Chancen für eine Rettung des Bezahlfernsehens der Kirch-Gruppe sind weiter gesunken. Auch am Mittwoch blieben die Verhandlungen zwischen Banken und möglichen Investoren für Premiere ohne Ergebnis. Ein bereits erwarteter Insolvenzantrag ging allerdings bis zum Abend nicht beim Amtsgericht München ein. Beobachter gingen davon aus, dass sich Rupert Murdochs britische Pay-TV-Gruppe BSkyB, die immer noch als wahrscheinlichster Investor für den defizitären Abo-Kanal gilt, noch möglichst große Mitspracherechte vor einer Insolvenz sichern will. Murdoch hält einen Anteil von 22 Prozent an Kirchs Pay-TV-Gesellschaft.

Gegenstand der Verhandlungen soll auch ein stärkeres Engagement der Banken sein, die sich an einer Auffanggesellschaft beteiligen und einen Teil ihrer Forderungen von einer Milliarde Euro abschreiben sollen. Im Fall einer Pleite könnte Murdoch Premiere dann aus der Insolvenzmasse herauskaufen, ohne mit den enormen Schulden belastet zu sein. Aus Bankenkreisen hieß es am Mittwoch allerdings, man werde sich nicht an einer Auffanglösung beteiligen.

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BSkyB bekräftigt ebenfalls, nicht die Mehrheit bei Premiere übernehmen zu wollen. Murdoch könne sich aber auch über andere Gesellschaften engagieren, heißt es dazu in Branchenkreisen. Zudem gebe es Überlegungen, dass US-Filmstudios, denen Kirch eine halbe Milliarde Euro wegen nicht bezahlter Rechnungen schuldet, erst nach einer Insolvenz von Kirchs PayTV bei Premiere als Gesellschafter einsteigen. Eine Bestätigung dafür ist nicht zu erhalten.

Kirch-Pay-TV hat allein im vergangenen Jahr 989 Millionen Euro Verlust gemacht und die Insolvenz der Kerngesellschaft Kirch-Media maßgeblich verursacht. Der Schuldenstand lag Ende 2001 bei knapp einer Milliarde Euro. Die Ausgaben sind doppelt so hoch wie die Einnahmen, weil es dem Sender nicht gelungen ist, die Zahl der Abonnenten nennenswert zu steigern. Derzeit haben nur 2,4 Millionen Kunden Premiere abonniert. Der Businessplan, auf dessen Grundlage auch Lieferverträge mit den großen Hollywoodstudios abgeschlossen wurden, kalkulieren mit vier Millionen Abo-Kunden. Premiere-Chef Georg Kofler hat angekündigt, mit den Filmlieferanten über neue Rabatte zu verhandeln. Auf der anderen Seite soll Premiere mit billigeren Einstiegstarifen, einfacherer Technik und Pornofilmen attraktiver gemacht werden.

"Konsequent wäre es, Premiere abzuschalten", sagte Bertold Heil, Medienexperte von Price-Waterhouse-Coopers, dem Tagesspiegel. Ein neuer Investor müsse das deutsche Abo-Fernsehen komplett neu aufstellen - "mit einem neuen Namen und einem ganz neuen Markenauftritt". Entscheidend für einen erfolgreichen Neustart sei aber, dass sich ein Partner finde, der das deutsche Kabelnetz aufrüste. Erst dann könnten mit preiswerten Settop-Boxen und stark individualisierten Angeboten (Video-on-demand) neue Kunden gewonnen werden. "Erst wenn das Bezahlfernsehen den Gang zur Videothek ersetzt, wird sich das Geschäftsmodell von selbst beschleunigen", glaubt PwC-Experte Heil. Nach dem Rückzug von Liberty sei aber vorerst kein potenter Konzern in Sicht, der das Kabel zu einem breitbandigen und leistungsfähigen Netz ausbaue. "Der deutsche Pay-TV-Markt ist deshalb um Jahre zurückgefallen", sagt Heil. Selbst die britische BSkyB-Gruppe werde das Bezahlfernsehen nicht allein profitabel machen können. Eine Pleite sei kaum zu vermeiden.

Neben einer Insolvenz von Kirch-Pay TV steht in den nächsten Tagen auch die Zahlungsunfähigkeit von Kirchs Taurus-Holding an, hieß es am Mittwoch in Unternehmenskreisen. Taurus fungiert als Dach über den drei Kirch-Gesellschaften Kirch-Media, Kirch-Pay TV und Kirch-Beteiligungen, die unter anderem die Anteile am Axel-Springer-Verlag oder der Formel 1 verwaltet. Insgesamt stünden in der Kirch-Gruppe rund 1500 Stellen auf dem Spiel, schätzen Insider. Bei Premiere ist der Abbau von 800 Arbeitsplätzen bereits angekündigt. Bei Kirch-Media ist von einem Abbau von 600 bis 700 Arbeitsplätzen die Rede. Die Holding beschäftigt 60 Mitarbeiter. Befürchtungen von Gewerkschaften, wonach 3000 bis 4000 Stellen vom Rotstift bedroht seien, werden bei Kirch als überzogen bezeichnet.

Das Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen ( siehe Lexikon ) bestätigte unterdessen am Mittwoch, bei allen größeren Kirch-Gläubigerbanken eine Sonderprüfung in Auftrag gegeben zu haben. Die soll klären, ob bei den Instituten wegen ihres Kirch-Engagements eine zusätzliche Risikovorsorge nötig ist. Das wäre dann der Fall, wenn die verliehenen Gelder nicht ausreichend besichert sind, was die Institute, allen voran die Bayerische Landesbank, bislang heftig bestreiten. Nach bisherigem Kenntnisstand ist die Kirch-Gruppe bei Banken mit mindestens 6,5 Milliarden Euro verschuldet.

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