Wirtschaft : Nach der Wahl regiert Unsicherheit die Börse Brasiliens

Investoren befürchten, dass das Land sich für zahlungsunfähig erklären muss, wenn der Sozialist Lula Präsident wird

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Buenos Aires. „Jetzt stehen uns 20 weitere Tage der Ungewissheit bevor, das werden noch mal unruhige Wochen“, seufzt Alexandre Barros, Leiter der brasilianischen Consulting Firma Early Warning. Zwar erzielte der Linkskandidat Luiz Inacio „Lula“ da Silva im ersten Wahlgang mehr als doppelt so viele Stimmen wie sein konservativer Konkurrent Jose Serra von der Regierungspartei, aber er verfehlte die nötigen 50 Prozent für einen Sieg. Erst nach der Stichwahl am 27. Oktober wird endlich feststehen, wer Brasiliens nächster Präsident ist.

Seit Monaten hatte die Aussicht auf einen Sieg des Gewerkschafters Lula mit seiner Arbeiterpartei die Finanzmärkte in Panik versetzt. Investoren fürchten, dass Brasilien ebenso wie zuvor Argentinien den Zahlungsausfall erklären muss, wenn Lula die orthodoxe Spar- und Stabilitätspolitik des amtierenden Präsidenten Henrique Cardoso nicht weiterführt.

Diese Ängste drohten zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung zu werden. Die Nervosität der Finanzjongleure ließ die lokale Währung Real stark an Wert gegenüber dem Dollar verlieren, die Zinsaufschläge für staatliche Anleihen stiegen auf über 20 Prozent. Das erschwert die Bedienung der staatlichen Dollar-Schulden. Die brasilianische Staatsverschuldung macht mittlerweile über 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus.

Die brasilianische Industrie leidet an schwachem Wachstum, nicht zuletzt negativ beeinflusst durch die globalen Märkte, wo Kriegsängste und Kapriolen der Finanzmärkte die Investoren vor jedem weiteren Risiko zurückscheuen lassen. Darunter leidet der Kapitalfluss in aufstrebende Marktwirtschaften wie Brasilien. Der Internationale Währungsfonds (IWF) suchte die Nervosität gegenüber Brasiliens Schuldensituation durch einen Megakredit in Höhe von 30 Milliarden Dollar zu zerstreuen. Ein großer Teil davon wird jedoch erst im nächsten Jahr an die künftige Regierung ausgezahlt – wenn diese die Bedingungen des IWF erfüllt und vor allem die Staatsfinanzen im Griff hält. Lula verpflichtete sich, im Falle eines Sieges den geforderten primären Haushaltsüberschuss von 3,75 Prozent des BSP einzuhalten, um so die Bedienung der Schulden zu sichern. Doch die Unerfahrenheit des gelernten Schlossers Lula macht vielen Angst.

Wichtig ist nach Meinung von UBS-Warburg Analyst Michael Gavin, „eine implizite Verpflichtung, im Falle unerwarteter Entwicklungen die nötigen politische Anpassungsmaßnahmen vorzunehmen, die zur Beibehaltung der Stabilität erforderlich sind.“ Gerade das lassen Lula und seine Genossen von der Arbeiterpartei vermissen.

Inflationsbekämpfung sei wichtig, aber nicht das wichtigste. Mit solchen Äußerungen verschrecken Lulas Leute die Unternehmer des Landes, die schon mit der bisherigen Abwertung des Real oftmals Schwierigkeiten haben, ihre in Zeiten der Preisstabilität aufgenommenen Dollarschulden zu bedienen. Auch die Ankündigung Lulas, den international wie national anerkannten Zentralbankchef Arminio Fraga nicht im Amt behalten zu wollen, löste Unmut aus.

Dennoch, die meisten Unternehmer des Landes haben sich inzwischen mit der Aussicht auf einen Präsidenten Lula abgefunden und vertrauen darauf, dass Lula sich der Realität anpassen und eine Katastrophe wie im Nachbarland Argentinien auf jeden Fall zu vermeiden suchen wird.

Viele Unternehmer wünschten sich vor allem eines: Ein Ende der politischen Ungewissheit, die in den letzten Wochen so hohe wirtschaftliche Kosten mit sich brachte. Dieser Wunsch ging nicht in Erfüllung. Und selbst nach der entscheidenden Stichwahl wird es vermutlich noch eine Weile dauern, bis sich Südamerikas größte Volkswirtschaft stabilisiert hat. Anne Grüttner

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