Wirtschaft : Nach erneutem Umsatzrückgang in diesem Jahr geben immer mehr Mittelständler auf

Thomas Knüwer

Peter Traumann kann einem Leid tun. Der Vorsitzende der Bundesvereinigung der Ernährungsindustrie (BVE) hat Jahr für Jahr die traurige Pflicht, den Niedergang seiner Branche zu verkünden. So auch in diesen Tagen, im Vorfeld der weltgrößten Lebensmittel-Messe Anuga in Köln. Die 1600 deutschen Firmen unter den 4900 Ausstellern, die sich von heute bis zum 14. Oktober präsentieren, haben wenig Grund zur Freude: Mit 228 Milliarden Mark setzte die viertgrößte deutsche Branche im vergangenen Jahr 1,3 Prozent weniger um als 1997. Es kommt noch schlimmer: Im ersten Halbjahr 1999 lag der Einbruch sogar bei 3,1 Prozent auf 110 Millionen Mark.

Nicht nur die Entwicklung, auch deren Ursache, klingen seit Jahren gleich - die sinkende Bevölkerungszahl, der Preisdruck des Handels und veränderte Lebensgewohnheiten der Verbraucher sollen Schuld sein an der Misere. Folge: Immer mehr Unternehmen müssen dicht machen. 1998 sank die Zahl der Betriebe um 3,8 Prozent auf 5911. Besserung ist nicht in Sicht - im Gegenteil. Während Deutschlands Mittelständler lamentieren, formieren sich bereits die Großkonzerne, um mit konzentrierter Marketing-Kraft Marktanteile zu gewinnen.

Beispiel Unilever: Nur noch 400 seiner 1600 Marken will die weltweite Nummer zwei der Branche unterstützen. Der Rest wird aufgegeben oder blutet langsam aus. Mit der Umstrukturierung will das Unternehmen seine Gewinnspanne auf sechs bis acht Prozent anheben - Zahlen, von denen die deutsche Konkurrenz in der Regel nur träumen kann.

Branchenprimus Nestlé hat solch eine Rosskur schon lange hinter sich. Die Schweizer sind inzwischen so groß, dass Aquisitionen kaum noch möglich sind, ohne die Kartellwächter auf den Plan zu rufen. Also setzt der Konzern auf neue Produkte im großen Maßstab: In den Schwellenländern räumt das Tafelwasser "Pure Life" den Markt auf, ein Schwesterprodukt soll das Gleiche ab dem kommenden Jahr in Europa tun.

Lebensmittel mit Zusatznutzen, Functional Food genannt, sollen das Unternehmen aus dem Preiskrieg des Handels lösen. Der Markt für diese Ernährung soll wachsen, sagt das Marktforschungsinstitut Datamonitor: in der EU von derzeit 2,4 auf 10,4 Milliarden Dollar in 2001. Der angeblich gesundheitsfördernde Joghurt LC1 von Nestlé beweist, dass Verbraucher durchaus bereit sind, mehr Geld für ein Produkt zu zahlen, von dem sie sich mehr Nutzen versprechen. Doch um solche Innovationen zu entwickeln, ist viel Geld nötig.

Den angestammten Konzernen droht Gefahr durch Konsumgüterriesen wie Procter& Gamble. Der hatte mit seinen Chips "Pringles" bewiesen, dass er problemlos ein Produkt in den Nahrungsmittelmarkt drücken kann. Seine Produkte werden ohnehin in Supermärkten vertrieben. Ein neuer Spieler in der Ernährungsindustrie könnte entstehen. Doch nicht nur andere Hersteller machen Druck: Auf der Suche nach Schnäppchen sind die Verbraucher immer häufiger bereit, zu Handelsmarken zu greifen. In Deutschland liegt deren Anteil bei 21 Prozent, in drei Jahren soll er bei 25 Prozent liegen. In Großbritannien dagegen gehören schon 40 Prozent aller verkauften Produkte zu Handelskonzernen, in der Schweiz sind es 47 Prozent.

Ohnehin ist der Handel zum Lieblings-Buhmann der Hersteller mutiert. Die mächtigen Konzerne pressen die Mittelständler aus, Rabatte werden zu jeder Gelegenheit gefordert, Niedrigpreisaktionen machen die Markenführung fast unmöglich. Die Folge: Um zu sparen, schraubten die deutschen Lebensmittelhersteller ihre Forschungsetats drastisch zurück, seit 1992 von elf Milliarden auf unter fünf Milliarden Mark. Nur 2,1 Prozent der Umsätze fließen in die Entwicklung - zu wenig, um Großes zu bewegen.

Und so wird BVE-Chef Traumann auch in den nächsten Jahren seinen Klagegesang von den sinkenden Umsätzen anstimmen. Traumanns Standardsatz "Von der Anuga versprechen wir uns eine Belebung des Geschäftes", glaubt ohnehin niemand mehr.

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