Wirtschaft : Nach Greenspan kommt „Helikopter Ben“

Beobachter erwarten, dass der neue US-Notenbank-Präsident die Zinsen weiter erhöhen wird

Christoph von Marschall

Washington - Für Europäer ist die Zinserhöhung ein außergewöhnlicher Schritt – die erste der EZB seit fünf Jahren. Für Amerikaner ist sie Routine: Zwölfmal hintereinander hat die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) Quartal für Quartal den Zinssatz um 0,25 Basispunkte erhöht. Am 13. Dezember wird das erneut geschehen, und das ist nicht das Ende. Insider streiten, ob 4,5 oder 4,75 Prozent das Ziel für Ende Januar 2006 sind, wenn Fed-Präsident Alan Greenspan nach 18 Jahren abtritt.

Was ist von seinem designierten Nachfolger Ben Bernanke zu erwarten? Das Gesetz, mit dem die Fed 1913 geschaffen wurde, hat ihr drei Hauptaufgaben zugewiesen: maximale Beschäftigung, stabile Preise und moderate Langfristzinsen. Mit anderen Worten: Jobs schaffen, die Inflation niedrig halten und die Wirtschaft ankurbeln.

Die Bilanz des scheidenden Greenspan gilt als bewundernswert, ist aber nicht makellos. Mehrere hunderttausend neue Jobs sind in den jüngsten Jahren entstanden. Die Wirtschaft brummt und erreicht Wachstumsraten, von denen Europa nur träumen kann – im dritten Quartal 4,3 Prozent. Nur die Inflation bereitet Sorgen, im Sommer war sie über vier Prozent gestiegen. Es gab zwar eine Hauptursache und die war saisonal: Die Energiepreise stiegen beschleunigt durch die zerstörerischen Hurrikans sowie den Ausfall von Bohrinseln und Raffinerien. Aber Energiepreise schlagen auf alle Branchen durch.

Überhaupt ist das Wirtschaftsklima in den USA ganz anders als im Großteil Westeuropas. Die Konjunktur muss nicht angekurbelt werden, die Wirtschaft ist mit den kontinuierlich steigenden Zinsen gut zurechtgekommen. Probleme hat Amerika nach außen mit seinem Handelsdefizit, vor allem gegenüber Asien. Und im Innern hat es mit den Folgen überhitzter Märkte zu kämpfen, allen voran bei Immobilien in Großstädten. Hier wird über kurz oder lang mit einem Platzen der Blase gerechnet. Die Staatsschulden wirken in absoluten Zahlen astronomisch. Prozentual liegt die Verschuldung trotz dreistelliger Milliardenausgaben für den Irakkrieg und die Bewältigung der Hurrikanschäden mit rund drei Prozent weit unter der deutschen. Die Staatseinnahmen steigen, allein in diesem Jahr wurden hundert Milliarden Dollar Überschuss in die Altschuldentilgung gesteckt.

Wird Bernanke weiter an der Zinsschraube drehen, schon um Zweifeln an der Entschlossenheit des „Neuen“ zu begegnen? So haben es seine Vorgänger gehalten: Paul Volcker erhöhte den Zinssatz in seinen ersten Monaten 1979 von zehn auf 12,5 Prozent, Greenspan 1987 von sieben auf 7,5 Prozent. Ist Bernanke ein „Falke“, der jede Inflationsgefahr hart bekämpft oder eine „Taube“, die nur behutsam korrigiert?

Als Bushs oberster Wirtschaftsberater seit Juni 2005 trat Bernanke als „Taube“ auf. Die Preisentwicklung sei keine Gefahr. In seiner neuen Rolle als Fed-Chef dürfte er das anders sehen. Anders als Greenspan, der sich gern mehrdeutig ausdrückte, zieht Bernanke klare Ansagen vor, um Planungssicherheit zu geben. Preisstabilität hat er jüngst als oberstes Ziel genannt – und Maßnahmen sowohl gegen Inflation als auch Deflation angekündigt. Selbst wenn der Zinssatz bei null Prozent liege, könne die Fed immer noch Geldbündel von Helikoptern werfen, um Deflation zu verhindern. Seit er das sagte ist sein Spitzname „Helikopter Ben“.

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