Wirtschaft : Nach unten offen

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Von Henrik Mortsiefer

und Heike Jahberg

Es sieht aus wie ein Crash in Zeitlupe: Jeden Tag, seit Wochen und Monaten, geraten die Aktien etwas mehr ins Trudeln. Und alle Anleger fragen sich, wann der Boden erreicht ist, auf dem die letzten Hoffnungen auf einen kleinen Kursgewinn zerschellen. Selbst erfahrenen Investoren wurde in der vergangenen Woche mulmig zumute, als plötzlich nicht mehr nur der Neue Markt ins Wanken geriet, sondern auch der Dax, in dem die Crème de la crème der deutschen Wirtschaft versammelt ist. 13,4 Prozent haben die 30 deutschen „Standardwerte“ in nur zwei Wochen verloren. Der Neue Markt kam mit minus 1,2 Prozent davon. Den Ton gab dabei wieder einmal der große Bruder an der New Yorker Börse an: An der Wall Street fiel der Dow-Jones-Index binnen 14 Tagen um 6,1 Prozent. Alle dachten, dass so etwas nur der New Economy passiert.

„Dass es so weit nach unten gehen würde, hat uns alle überrascht“, sagt die Fondsmanagerin Elisabeth Weisenhorn, die sich im gleichen Atemzug den Trost der Börsianer zuspricht: „Das Schlimmste sollten wir jetzt eigentlich hinter uns haben.“ Doch mit den alten Weisheiten scheint es an der Börse erst einmal vorbei zu sein. Privatanleger und professionelle Investoren müssen sich neu orientieren. Vor allem den Profis, die das große Geld bewegen und zuletzt Nerven gezeigt haben, fällt das nicht leicht. „Wir tun uns schwer, neu zu investieren“, sagt Thomas M. Pohlig, Geschäftsführer der Wiesbadener Vermögensverwaltung Habbel, Pohlig&Partner, die Depots ab 500000 Euro managt. Die Serie von Betrugsfällen in der etablierten Industrie, deren ökonomische Folgen den Absturz der Internet-Wirtschaft in den Schatten stellen könnten, haben das Vertrauen der Investoren erschüttert. Jetzt sitzt Pohlig auf viel Bargeld und hofft auf eine neue Investmentidee.

„Kein Grund zur Panik“, beruhigt die Verbraucherzentrale „alle besorgten Anleger“. Wer sich an die Börse wage und zum Beispiel Aktienfonds kaufe, sollte diese mindestens 10, besser noch 20 Jahre halten. „Auf einer längeren Zeitschiene werden zyklische Börsenschwankungen in aller Regel wieder ausgeglichen“, heißt es. Was die Anleger allerdings wirklich interessiert, sind die Ausnahmen von dieser Regel. Düster verweisen sie auf das Jahr 1929, als der Crash der Wall Street die Weltwirtschaftskrise auslöste. Nach dem Absturz wurde die Ausnahme für Millionen Anleger zur Regel: 25 Jahre brauchte der Dow Jones, bis er seinen Punktestand vor dem Crash wieder erreichte. Dass es ähnlich hart kommen könnte, glauben indes nur die größten Pessimisten. „Realwirtschaftlich spricht wenig für eine Wiederholung von 1929“, schreibt das Deutsche Aktieninstitut in einer Kurzstudie, die einen historischen Vergleich zieht.

Aber auch, wenn die Durststrecke kein Vierteljahrhundert dauert, sollten sich Anleger in Bescheidenheit üben. „Ein dramatisches Comeback werden wir nicht erleben“, dämpft Christian Strenger, Aufsichtsratsmitglied der größten deutschen Investmentgesellschaft DWS, die Erwartungen. Nach mehr als zwei Jahren Börsentalfahrt fällt die Bilanz bei genauerer Betrachtung schon jetzt eher dürftig aus. Nach Berechnungen der Consultingfirma Ibbotson im Auftrag des „Wall Street Journal“ hat die Aktie im Vergleich zu festverzinslichen Papieren einen Großteil ihres Renditevorsprungs verloren. Betrachtet man die vergangenen fünf Jahre, haben Aktionäre sogar ein schlechteres Geschäft als die Inhaber von Staatspapieren gemacht: Hätte ein Anleger vor fünf Jahren 100000 Euro auf den sehr breit gefassten Dow Jones Stoxx 600 Index gesetzt, lägen heute 201831 Euro (ohne Dividenden) in seinem Depot. Zum Vergleich: 10 jährige Bundesanleihen hätten 213000 Euro gebracht.

Sollten sich die 11,6 Millionen Deutschen, die noch Aktien oder Fonds besitzen, also eines Besseren besinnen und der Börse den Rücken kehren? „Ja, wenn man keine Zeit hat als auch keine Möglichkeit, mit dem Ausfallrisiko zu leben“, meinen die Privatbankiers der Schweizer Bank Wegelin&Co.. Über sechs Monate betrachtet liege das Ausfallrisiko für eine Durchschnittsrendite von Aktienanlagen bei 50 Prozent. Anders liege freilich der Fall, wenn der Anleger „Zeit hat und in keiner Weise auf das Eintreffen der zu erwartenden jährlichen Rendite angewiesen ist“, so die eidgenössischen Banker. Denn: Nicht dabei zu sein, sei am Ende immer das größte Risiko.

„Wer noch keine Aktien hat, der sollte sich angesichts der niedrigen Preise jetzt umsehen“, rät Elisabeth Weisenhorn. Dass kaum ein Anleger den Tiefpunkt erreicht, sollte die, die jetzt kaufen wollen, obwohl keiner mehr Aktien haben will, nicht entmutigen. Die Profis tun es auch – lange bevor die Masse der Investoren auf den Zug aufspringt.

Wer aber den Mut noch nicht hat, der sollte sein Depot aufräumen. Zumindest bei der Steuer können Anleger nämlich aus ihren Börsenverlusten noch Gewinn schlagen. Denn das Finanzamt erlaubt, Kursverluste mit den Gewinnen, die man bei anderen Spekulationsgeschäften erzielt, zu verrechnen. Konsequenz: Der Aktienverlust schmälert den Gewinn und damit die Steuerschuld gegenüber dem Fiskus. Dabei können Kursverluste an der Börse auch mit Spekulationsgewinnen verrechnet werden, die aus ganz anderen Geschäftsbereichen stammen. Beispiel: Immobilienverkauf. Seit der Gesetzesänderung durch Rot-Grün müssen erfolgreiche Immobilienverkäufer ihren Gewinn mit dem Fiskus teilen, wenn zwischen Kauf und Verkauf der Immobilie nicht mehr als zehn Jahre verstrichen sind. Diesen Spekulationsgewinn kann man jedoch drücken, indem man sich rechtzeitig von Aktien- oder Anleihenflops am Kapitalmarkt trennt.

Denn: Spekulationsgewinne oder Verluste bei der Geldanlage sind für das Finanzamt nur dann interessant, wenn zwischen Kauf und Verkauf nicht mehr als ein Jahr verstrichen ist. Aber pfiffige Spekulanten können sich aus der Zeitfalle retten, weiß Wolfgang Wawro, Vize-Präsident des Steuerberaterverbandes Berlin-Brandenburg. Auch wenn man derzeit keine Gewinne zum Gegenrechnen vorweisen kann, müsse man auf die Vorteile der Verlustzuweisungen nicht verzichten. Denn auf Antrag kann das Finanzamt die Kursverluste verbindlich anerkennen und einen entsprechenden Verlustfestsetzungsbescheid erlassen. Vorteil für den Steuerbürger: Mit diesem Bescheid kann man die Anlageverluste auch später geltend machen, wenn sich die Börse erholt und die Gewinne zu sprudeln beginnen. „Den Bescheid kann man wie einen Scheck behandeln", sagt Wawro. Allerdings sollten Anleger von diesem Instrument nicht ungeprüft Gebrauch machen, warnt er : „Wer vor zwei oder drei Jahren vergessen hat, seine Spekulationsgewinne bei der Steuer anzugeben, kann dann eine unliebsame Überraschung erleben.“ (Foto: dpa/Montage: Kai-Uwe Heinrich)

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