Wirtschaft : Nach vorne schauen

Die Börse wettet schon auf den nächsten Abschwung

Henrik Mortsiefer

Der Aufschwung kommt. Der Aufschwung kommt nicht. Der Aufschwung kommt... – An der Börse ist das Rätsel, wohin die Konjunktur in den kommenden Wochen und Monaten laufen wird, schon gelöst. „In den Kursen der Aktien, die sensibel auf die Konjunktur reagieren, ist der Aufschwung längst enthalten“, sagt Volker Borghoff, Aktienstratege bei HSBC Trinkaus & Burkhardt.

Gemeint sind die zyklischen Werte – Auto-, Chemie- oder Industrieaktien –, von denen Anleger also besser die Finger lassen sollten, wenn sie auf den Aufschwung wetten wollen. Denn eigentlich, sagt Borghoff, verarbeite der Kapitalmarkt momentan schon wieder den nächsten Abschwung. Das heißt, nicht einmal die typischerweise mitten im Aufschwung gefragten Banken- oder Technologietitel, sind jetzt attraktiv – trotz zuletzt gesunkener Aktienpreise. Wie das?

Die Aktienkurse, so lautet eine alte, empirisch recht gut erprobte Börsenregel, laufen der realen Wirtschaft um sechs bis neun Monate voraus. Die ersten handfesten Signale, dass die Weltkonjunktur – vor allem aber die US-Wirtschaft – wieder richtig anspringen würde, erreichten die Investoren schon vor mehr als einem halben Jahr. Stimmungsindikatoren, wie das Geschäftsklima oder der Einkaufsmanagerindex, hatten schon vorher nach oben gezeigt. Das, was sich derzeit an den Börsen abspielt, weist also demnach weiter in die Zukunft. Und die könnte viel trauriger aussehen, als die Wachstumsoptimisten vor ein paar Monaten noch gehofft haben.

Der Grund: Das teure Öl könnte die ohnehin schwache Wachstumsdynamik zusätzlich bremsen. „Solange der Ölpreis so hoch bleibt, sind Aktien akut gefährdet“, fürchtet Gertrud Traud, Leiterin der Aktienmarktstrategie bei der Bankgesellschaft Berlin. Und: „Mehr und mehr Marktteilnehmer nehmen an, dass der Preisanstieg dauern wird.“ Für Anleger, die davon auch ausgehen und trotzdem Aktien kaufen wollen, heißt das: In der Defensive bleiben. Die Papiere von Energieversorgern oder Ölkonzernen kommen laut Traud dann in Betracht. Diese Empfehlung gibt auch der Dit, die Fondstochter der Dresdner Bank. Rohstoff- und Energiewerte oder entsprechende Fonds seien gemessen am Kurs-Gewinn-Verhältnis ein Investment wert.

Die Unsicherheit aber bleibt – und sie ist nach der Ölpreisexplosion noch größer geworden. Kleinanleger sollten deshalb wissen: Im Auf und Ab der Zyklen findet man höchst selten den richtigen Zeitpunkt zum Aktienkauf und -verkauf. „Man sollte an der Börse immer nach vorne schauen“, rät Borghoff. Am besten so weit voraus, dass die aktuelle Konjunktur-Achterbahn dem Depot, in dem Festverzinsliche und Aktien in einem ausgewogen Verhältnis enthalten sind, nichts anhaben kann.

0 Kommentare

Neuester Kommentar