Wirtschaft : Nachdenken über Veränderungen in Staat und Gesellschaft

Wolfgang Michalski

Prof. Dr. Wolfgang Michalski (Jg. 1936) ist Direktor und Leiter des Planungsstabs der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Sein besonderes Interesse gilt der frühzeitigen Identifizierung, Analyse und Bewertung der Probleme der Wirtschafts- und Sozialpolitik von morgen. Er ist Autor von zehn Büchern und über hundert Beiträgen in wissenschaftlichen Zeitschriften und Sammelwerken über langfristige Perspektiven der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung.

Es gibt wenige Ereignisse, die die Aufmerksamkeit stärker auf die längerfristige Zukunft lenken als die bevorstehende Jahrtausendwende. Auch wenn das Datum ein historischer Zufall ist, schärft es das Bewusstsein für die Geschwindigkeit des Wandels von Wirtschaft und Gesellschaft sowie für die Breite und Tiefe der Veränderungen. Eindringlicher als sonst stellt sich daher die Frage: Was wird die Zukunft bringen und wie sollte man ihr begegnen?

Die generelle Antwort hierauf ist: Das 21. Jahrhundert wird gekennzeichnet sein durch die Fortsetzung eines schnellen und fundamentalen Wandels, durch eine reiche Palette von neuen Möglichkeiten und Chancen, aber auch durch Unsicherheiten und neue Risiken. Auch wenn sich die Zukunft nicht voraussagen lässt, ist es möglich, eine Reihe fundamentaler Trends zu identifizieren, die die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Perspektiven in den kommenden Jahrzehnten maßgeblich beeinflussen werden. Dazu gehört erstens die demographische Entwicklung mit einer deutlichen Zunahme des Durchschnittsalters der Bevölkerung in den meisten OECD-Ländern und China und mit weiterhin hohen Geburtenzuwächsen in den meisten Entwicklungsländern; zweitens der Trend zu einer multipolaren Weltwirtschaft, in der über Nordamerika, Europa und Japan hinaus Länder wie China und Indien eine zunehmende Rolle spielen; drittens die weitere Globalisierung von Produktions- und Verteilungsstrukturen, die zu immer stärkeren internationalen Interdependenzen führt; viertens der Wandel von der Industriegesellschaft zu einer weltweit vernetzten, auf Wissen basierenden Gesellschaft; und fünftens das steigende Bewusstsein für die Notwendigkeit einer nachhaltigen Entwicklung.

Technologische Entwicklungstrends haben Wirtschaft und Gesellschaft schon immer maßgeblich beeinflusst. Dies gilt für die Steinzeit und die Bronzezeit ebenso wie für das Mittelalter. Besonders eindrucksvoll zeigt sich der Einfluss neuer Technologien auf die Arbeitswelt, auf Siedlungsstrukturen, auf wirtschaftliche und politische Machtverhältnisse, auf Familienstrukturen, ja selbst auf gesellschaftliche Verhaltensmuster und Wertesysteme am Beispiel des Übergangs von der Agrar- zur Industriegesellschaft. Doch ein Wirkungszusammenhang besteht auch in umgekehrter Richtung. Zur vollen Nutzung und Ausbreitung bahnbrechender neuer Technologien kommt es in der Regel erst dann, wenn ein Prozess der Veränderung und Anpassung der gesellschaftlichen und institutionellen Strukturen hierfür die Voraussetzungen geschaffen hat. Nach einer etwa 25 Jahre dauernden Phase mehr oder minder kontinuierlicher Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnologien scheint ein solcher Prozess des tiefgreifenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandels nunmehr auf dem Wege zu sein - ein Prozess der gegenseitigen Beeinflussung technologischer und sozialer Strukturen, der Perspektiven für die Entwicklung und Anwendung der Technologie eröffnet.

Nicht nur, dass der Microprozessor, das Herzstück aller elektronischen Steuerungsgeräte und Datenverarbeitungsanlagen, immer noch kleiner, leistungsfähiger und billiger werden wird; nicht nur, dass es zum Zusammenwachsen von Computer, Telefon und Fernsehen kommen wird; die Zukunft wird die totale digitale Vernetzung von Wirtschaft und Gesellschaft bringen. Sie wird gekennzeichnet sein durch intelligente Möbel und Küchen, durch intelligente Büros und Wohnungen, durch intelligente Autos, die auf intelligenten Autobahnen fahren. Der Siegeszug der Mikroelektronik sowie der kommunikativen Netzwerke einschließlich des Internet wird zu einschneidenden Veränderungen in allen Lebensbereichen führen.

Fundamentale Neuorientierungen sind ebenfalls in den Produktions-, Markt-, Unternehmens- und Organisationsstrukturen der Wirtschaft zu erwarten. Die moderne Technik wird neue Möglichkeiten für Kleinserien und kundenspezifische Individualproduktion eröffnen, elektronischer Handel wird nicht nur das Angebot erweitern, den Wettbewerb verschärfen und selbst Individuen den Zugang zum globalen Markt erschließen; er wird gleichzeitig zu einer Modifikation der Wertschöpfungsketten und in vielen Bereichen zur drastischen Verringerung der Zwischenstufen zwischen dem Produzenten und dem Konsumenten führen. Nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in der öffentlichen Verwaltung dürften sich zudem die traditionellen vertikalen Hierarchien weitgehend auflösen. Die Zukunft gilt der horizontalen Kooperation in interdisziplinären Teams. Dies bedeutet gleichzeitig, dass der Einzelne größere Entscheidungsfreiheit, aber auch größere Verantwortung trägt.

Verlagerung der Haupttriebkräfte

Der Lohn dafür ist nicht nur höheres Einkommen auf der Basis weiterer Produktivitätssteigerungen, sondern gleichzeitig die Befreiung der Menschen von überkommenen Beschränkungen in Raum, Zeit und individueller Präferenz. Die auf Wissen basierende Wirtschaft und Gesellschaft wird nie zuvor erreichbare Freiräume für Individualität, Diversität und Dezentralisierung gewähren. Sie wird den Menschen ungeahnte neue Dimensionen für Selbstbestimmung und Selbstfüllung bieten, und dies gilt nicht nur für die Arbeitswelt, sondern auch für das private und gesellschaftliche Leben.

Die Internationalisierung wirtschaftlicher Aktivitäten durch Handel, Auslandsinvestitionen und Technologietransfer ist im Prinzip nichts Neues. Neu in der Entwicklung seit dem Zweiten Weltkrieg ist indessen, wie sich der Prozess beschleunigt, ausgeweitet und vertieft hat. Zum Teil ist dies auf eine Verlagerung der Haupttriebkräfte zurückzuführen. In der ersten Phase der Nachkriegsentwicklung beruhte die entscheidende weltwirtschaftliche Dynamik auf der überaus starken Steigerung des internationalen Warenhandels. In den siebziger und achtziger Jahren war die Globalisierung der Finanzmärkte die wichtigste Antriebskraft. Und seit Mitte der achtziger Jahre sind es die internationalen Direktinvestitionen und damit zusammenhängende Technologietransfers die die Globalisierungsdynamik bestimmen.

Nach wie vor steigen die Weltexporte ungefähr doppelt so schnell wie das Weltsozialprodukt. Trotzdem ist das tägliche Volumen internationaler Finanztransaktionen inzwischen mehrere hundert Mal größer als der Wert des täglichen grenzüberschreitenden Warenhandels. Während die Auslandsinvestitionen in den sechziger Jahren etwa zweimal so schnell wuchsen wie das Sozialprodukt, war das Verhältnis der Steigerungsraten 1997 und 1998 etwa zehn zu eins.

Indessen stellen diese grenzüberschreitenden Transaktionen nur einen partiellen Indikator für den fortschreitenden Prozess der Globalisierung der Produktions- und Verteilungsstrukturen dar. In den siebziger Jahren konnte der Käufer eines ausländischen Markenprodukts in der Regel davon ausgehen, dass diese Ware importiert war. Heute dagegen ist es wesentlich wahrscheinlicher, dass das Produkt, obwohl es einen ausländischen Markennamen trägt, in der Auslandsniederlassung eines multinationalen Unternehmens in dem Land produziert wurde, wo der Kauf stattfand. Unterstrichen wird diese Vermutung durch die Tatsache, dass der Gesamtwert der Verkäufe ausländischer Tochterunternehmen von international operierenden Unternehmen im abgelaufenen Jahr bei 11 Mrd. Dollar lag, während der Gesamtwert der Weltexporte nur 7 Mrd. Dollar betrug. Dies zeigt, dass das System der internationalen Produktion heute mindestens ebenso wichtig ist wie jenes des internationalen Handels.

Ebenso wie beim Übergang zu einer auf Wissen basierenden Wirtschaft und Gesellschaft sind die Konsequenzen der Globalisierung vielfältig. Drei seien hier besonders herausgestellt: Erstens die erhöhte Wettbewerbsintensität nicht nur auf den Märkten für Waren, Dienstleistungen und Kapital, sondern auch auf dem Arbeitsmarkt und im Hinblick auf die Konkurrenzsituation zwischen verschiedenen Standorten. Zweitens die Beschleunigung des Strukturwandels und zwar sowohl zwischen den verschiedenen Wirtschaftsbereichen als auch innerhalb der einzelnen Unternehmen. Drittens die wachsende internationale Interdependenz, die einerseits bewirkt, dass Krisensituationen in fernen Ländern globale Auswirkungen haben können, und andererseits gleichzeitig die Freiräume und die Wirksamkeit nationaler Wirtschaftspolitik einschränkt.

Neben den Auswirkungen des schärferen Wettbewerbs und des schnellen Strukturwandels auf Arbeitsmarkt und Beschäftigung wird insbesondere der relative Verlust der Handlungsfähigkeit der nationalen Regierungen als Argument gegen die weitere Globalisierung wirtschaftlicher Aktivitäten ins Feld geführt. Übersehen wird bei dieser Argumentation allerdings, dass das Zusammenwirken von Globalisierung, Strukturwandel und technischem Fortschritt die durchschnittlichen Einkommen und Vermögen in den Industrieländern hat auf ein Niveau ansteigen lassen, das heute höher ist, als es je zuvor war; dass die Auswahl an unterschiedlichen Gütern und Dienstleistungen, denen sich der Konsument gegenüber sieht, heute vielfältiger ist, als je in der Vergangenheit; und dass zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit die berechtigte Hoffnung besteht, dass auf der Basis marktwirtschaftlich orientierter Wirtschaftspolitik und freiem internationalen Handel viele Länder auch außerhalb der OECD-Region am steigenden Wohlstand teilhaben werden.

Der grundlegende Wandel von Wirtschaft und Gesellschaft, der dem Übergang von der Agrargesellschaft zur Industriegesellschaft vergleichbar ist, bringt indessen nicht nur Vorteile, sondern auch eine Reihe von Problemen mit sich. So können die gesetzlichen Regelwerke und gesellschaftlichen Institutionen, die für das Funktionieren der zumeist nationalen Industriegesellschaften geschaffen wurden, unter den neuen Bedingungen entweder inkompatibel oder wirkungslos werden. Dies gilt für den Schutz des Privatlebens oder des geistigen Eigentums ebenso wie für nationale Wettbewerbspolitik, die sich globalen Märkten gegenübersieht. Ein weiteres Problem stellen wachsende gesellschaftliche Ungleichheiten dar: Erstens steigem die Divergenzen in der Einkommens- und Vermögensverteilung, zweitens verstärkt sich die Ungleichheit zwischen jenen, die auf der Basis adäquater Ausbildung in der Lage sind, sich den schnell ändernden technischen, wirtschaftlichen, und gesellschaftlichen Bedingungen anzupassen, und jenen, die dies nicht können. Und drittens ergeben sich neue Polarisierungen sich zwischen jenen, die Zugang zu den neuen Technologien haben und jenen, die es nicht haben.

Nicht nur Geld, sondern auch Ansehen

Da es dennoch weder möglich noch wünschenswert ist, sich von der Entwicklung zu einer globalen, auf Wissen basierenden Gesellschaft abzukoppeln, stellt sich folglich die Frage nach den Herausforderungen für die Wirtschafts- und Sozialpolitik. Ganz allgemein dürfte es darauf ankommen, ein wirtschaftliches und gesellschaftliches Klima zu schaffen, das eine positive Einstellung zum Wandel fördert; das der Übernahmen von Risiko einen positiven Wert beimisst, und das Kreativität und erfolgreiche Innovation belohnt - und zwar nicht nur in Geld, sondern auch in gesellschaftlichem Ansehen.

Es ist deshalb notwendig, alle Bereiche der Wirtschafts- und Sozialpolitik kritisch darauf hin zu überprüfen, inwieweit die Herausforderungen der Zukunft Kontinuität oder sogar Verstärkung des bisherigen Ansatzes, tiefgreifende, zum Teil fundamentale Reformen oder grundlegend andere innovative Konzepte verlangen. Zur Illustration könnten die folgenden Beispiele dienen

Kontinuität: Die fortwährende Sicherung eines stabilen gesamtwirtschaftlichen Umfeldes ist eine Grundvoraussetzung für ökonomische, soziale und technologische Dynamik. Daher erscheint es sinnvoll, dass die bewährte Orientierung der makro-ökonomischen Stabilitätspolitik, der Politik der positiven Strukturanpassung sowie der liberalen internationalen Handelspolitik auch im 21. Jahrhundert beibehalten wird.

Reform: In Bereichen wie Ausbildung, Arbeitslosenunterstützung, Gesundheitswesen und Alterssicherung müssen die laufenden Reformanstrengungen deutlich intensiviert werden. Es geht nicht nur darum, die durch demographische Entwicklung verursachten finanziellen Problem zu meistern, sondern auch den veränderten Erfordernissen einer flexibleren, stärker dezentralisierten und auf Wissen basierenden Wirtschaft und Gesellschaft gerecht zu werden.

Innovation: Die weitere Verbreitung des elektronischen Handels sowie die Expansion neuer Märkte für geistiges Eigentum und für Gentechnologie-Produkte erfordert die Einführung grundlegend neuer Regeln, die Transparenz und Vertrauen schaffen. Globale Märkte verlangen innovative Ansätze für eine internationale Wettbewerbspolitik, ebenso wie globale Klimaveränderungen wirksame, globale Initiativen notwendig machen.

Darüber hinaus stellen die Fragen nach der Vollständigkeit des Programms, nach der notwendigen weiteren, detaillierten Konkretisierung der Forderungen oder nach der technischen Implementierung der Vorschläge ohnehin nicht die wirklich zentrale Herausforderung der Politik an der Schwelle zum 21. Jahrhundert dar. Wie beim Übergang von der weitgehend lokalen oder regionalen Agrargesellschaft zur nationalen Industriegesellschaft sieht man sich heute in der Frühphase der globalen, auf Wissen basierenden Wirtschaft und Gesellschaft einer Reihe fundamental neuer Entwicklungen gegenüber, die viele der überkommenen sozialen, kulturellen oder sogar ethischen Normen in Frage stellen. Dieser Herausforderung zu begegnen, den Antagonismus zwischen den alten und den neuen Wertvorstellungen auszubalancieren, ein Klima der Toleranz zu schaffen, das das Experimentieren mit neuen Ideen und neuen Lebensstilen zulässt, den Kräften des Wandels Freiraum zu geben, und jenen des Beharrens nicht zur Dominanz zu verhelfen, dies muss das zentrale Anliegen der Politik am Beginn des 21. Jahrhunderts sein.

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